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Medien & TV „Das Supertalent“: Freakshow mit Spitzenquoten
Nachrichten Medien & TV „Das Supertalent“: Freakshow mit Spitzenquoten
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20:01 11.11.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Bruce Darnell, Sylvie van der Vaart und Dieter Bohlen entscheiden – Hauptdarsteller beim „Supertalent“ aber ist das euphorisierte Saalpublikum.
Bruce Darnell, Sylvie van der Vaart und Dieter Bohlen entscheiden – Hauptdarsteller beim „Supertalent“ aber ist das euphorisierte Saalpublikum. Quelle: RTL
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Vielfältig sind die Launen der Natur. Da ist das Kalb mit den zwei Köpfen, der Elefantenmensch, der kindliche Greis, der Mann mit dem Vogelkopf, die schwerste Frau der Welt. Das alles gibt es und noch viel mehr. Und das alles wird gezeigt. Einrichtungen wie die Schaubude, die Monstrositätenausstellung, die Freak-Show und das Kuriositätenkabinett lebten jahrhundertelang von unserer Neugier nach dem Fremden, dem Anderen, dem Unheimlichen und dem Missgestalteten. Alles, was von der Norm abweicht, interessiert uns. Nicht ohne Grund: Wahrscheinlich hat uns dieses Interesse am Abnormen im Lauf der Evolution einen gewissen Überlebensvorteil beschert. Heute hat den Vorteil der Schaubudenbesitzer. Herrreinspaziert also in die Horrorshow. Doch wo ist sie? Auf dem Rummel gibt’s zwar Lärm, Fett und Fremdbewegung jeder Art, aber keine Schaubude mehr.

Schauen lässt sich’s woanders besser, deshalb ist die Kuriositätenshow vor Langem schon ins Fernsehen abgewandert. In ihrer neusten Auflage heißt sie „Das Supertalent“ und sorgt für Traumquoten bei RTL. Die Trashparade (nach „America’s Got Talent“ von Simon Cowell, das erfolgreich in viele Länder exportiert wurde) jagt von einem Quotenrekord zum anderen. Am vergangenen Wochenende konnte Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass ...?“ zwar seinen Vorsprung bei der Gesamtzuschauerzahl knapp halten (8,4 zu 7,7 Millionen), bei der werbetechnisch interessanten Zielgruppe der jungen Zuschauer aber liegt „Das Supertalent“ deutlich vorn. Etwa acht Millionen Menschen schalten jeden Sonnabend die kuriose Castingshow an. Doch warum eigentlich? Der Erfolg hat drei Väter:

Die Jury.

Die Bildregie.

Das Publikum.

Wie immer im Leben und in der Castingshow geht es ums Weiterkommen. Darüber befinden die Götter. Beim „Supertalent“ ist es die Trinität Dieter Bohlen, Sylvie van der Vaart und Bruce Darnell. Eigentlich müsste Bohlen in der Mitte sitzen, tut er aber nicht, weil hier das große Thema das Randständige ist. Da ist das Außen das Zentrum, und dort sitzt er. Bohlen ist der strafende Gott, van der Vaart der eiskalte Engel, Darnell der Quälteufel – wenn’s schlecht läuft für die Kandidaten. Ansonsten sind die drei Juroren auch große Fans, schnell für jede gigantische Begeisterung zu haben. Fernsehen muss leidenschaftlich sein, alles Laue macht auch die Quote lau. Also jauchzen die Juroren oder giften. Wer an Zwischentönen interessiert ist, soll halt Neue Musik hören. Die oftmals kindlichen Reaktionen der Jury (Hände vors Gesicht schlagen, Jubeln, Aufspringen, ermattet auf den Tisch niedersinken) treten erstaunlicherweise selten in Konflikt mit dem zur Schau gestellten Expertentum. Bohlen, van der Vaart und Darnell kennen sich in vielen Bereichen gut aus. Ob’s um Damencatchen, Fahrplanauskünfte oder übergroße Brüste geht: überall sind sie Experten, zu allem haben sie etwas zu sagen. Aber ihr eigentliches Expertentum gilt einer Frage, deren Beantwortung die meisten Zuschauer in den werberelevanten Zielgruppen besonders interessiert: „Wie komme ich gut an?“

Wer so fragt, ist im Grunde brav. Aber „Das Supertalent“ ist nicht brav. Die Sendung ist fies und frech, Menschen werden vorgeführt und abgewatscht, verhöhnt, veralbert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Medium nimmt sich die Freiheit, gemein zu sein. Und es demonstriert die Freiheit, die es hat, mit seinen Bildern. Auffallend ist die oftmals geradezu entfesselte Kamera. Das gelegentliche Einfrieren des Bildes. Der Wechsel ins traurige Schwarz-Weiß. Die Bildregie sagt deutlich, dass das hier keine Nachrichtensendung ist, sondern Jahrmarkt. Hier ist niemand um Objektivität bemüht. Hier geht’s allein um Spaß und Bewegung. Die Methoden der Bildregie sind starke Emotionserzeugungsverfahren. Peinliche Momente werden ins Oberpeinliche gedehnt und so lange wiederholt, bis sie irgendwie fast nicht mehr peinlich sind. Die Kamera zeigt klar, wer der Herr der Show ist: nicht der Künstler, der etwas vorführt, nicht der Sänger, Tänzer, Faxenmacher, sondern das Medium selbst.

Oft hat der Zuschauer den Eindruck, dass die Macher an der Zweidimensionalität des Bildschirms leiden. Als würden sie gern viel mehr tun, als Szenen einzufrieren und zu wiederholen, Texteinblendungen durchs Bild zu jagen oder alles schwarz-Weiß zu machen. Da bietet neue Technik noch viele Möglichkeiten. Insofern ist „Das Supertalent“ das Fernsehen von morgen. Zumindest präsentiert sich die Show so.

Der dritte Grund für den Erfolg der Show sitzt herum und macht Lärm: Das Publikum. Spielort ist eine ganz klassische Bühne. „Das Supertalent“ wurde in verschiedenen Stadttheatern gedreht, in Häusern also, denen oftmals die Worte „Dem Wahren, Schönen, Guten“ in den Fries gemeißelt ist. Wahr und gut ist hier nichts, schön aber durchaus einiges. Unter anderem die Mitwirkung des Publikums. Während sonst im Stadttheater die Reaktionen sehr gesittet sind, scheint das Publikum hier angehalten zu sein, besonders viel Gefühl zu zeigen. Natürlich klatscht man im Stehen – und das nicht erst am Ende der Darbietung, sondern mittendrin. Man jubelt, jauchzt und johlt. Jedes Lachen wird eingefangen und vergrößert. Sobald jemand im Publikum ein leichtes Zittern in der Unterlippe verspürt, ist schon die Kamera da. Das Publikum ist so lebendig und aufgekratzt wie sonst nie im Theater, gnadenlos wird in stille Stellen hineinapplaudiert, hemmungslos gelacht und gepöbelt.

Und eine neue Ausdrucksform jenseits von „Buh“ und Beifall hat man hier auch schon entwickelt. Wenn’s schlecht läuft auf der Bühne, stehen die Zuschauer auf, drehen sich um und wenden dem Künstler den Rücken zu. Gute Idee, eigentlich.