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20:19 22.08.2011
Das „New York Times Building“ in Midtown Manhattan: Hier arbeiten 1100 Redakteure – nach dem Sparkurs, wohlgemerkt.
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Der neureiche Milliardär aus Mexiko und die „Grande Dame“ des US-Journalismus – das war von Anfang an eine verflixte Verbindung: Seit 2008 schon war der clevere Multimilliardär Carlos Slim Helú mit 6,9 Prozent an der ruhmreichen „New York Times“ beteiligt. Doch als er der finanziell ins Trudeln geratenen Zeitung 2009 dann auch noch mit einem Rettungskredit über 250 Millionen Dollar beisprang, wirkte das wie ein Menetekel: Ging der Niedergang der US-Zeitungsbranche schon so weit, dass sich eines der renommiertesten und auflagenstärksten Blätter des Landes so prostituieren musste? Braucht eine der stärksten Marken des US-Journalismus die Hilfe eines cleveren Geschäftsmannes, den angeblich undurchsichtige Geschäfte in seinem korruptionsverseuchten Heimatland unermesslich reich gemacht hatten? Die Millionen von Slim erschienen damals manchem als Anfang vom Ende der „New York Times“.

Der halbseidene Slim sei der „Traum jedes investigativen Journalisten“, schrieb süffisant das Nachrichtenmagazin „Time“ über das darbende Konkurrenzblatt: „Die ,New York Times‘ wird wohl nicht so schnell ein Stück darüber schreiben, dass Carlos Slim gelegentlich vorgeworfen wird, er verdanke einen guten Teil seines Wohlstands der Tatsache, dass er enge Beziehungen zu mexikanischen Präsidenten und anderen Offiziellen unterhält.“ Das tat die „New York Times“ dann doch: Sie schrieb kurz darauf tapfer ein kritisches Stück über ihren neuen Paten.

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Seit Montag aber ist das Blatt endgültig das Risiko los, dass der vom US-Magazin „Forbes“ zum reichsten Mann der Welt geadelte Mexikaner seinen Kredit am Ende der Laufzeit im Jahr 2015 in weitere, dauerhafte Anteile an dem Blatt umwandelt. Die „Grey Lady“ hat sich freigekauft: Die Zeitung hat den für Januar 2012 anvisierten Rückzahlungstermin noch einmal um weitere fünf Monate vorgezogen. Am Montag überwies man dem Mexikaner sein Geld. Die Gefahr, dass sich Slim das Blatt gänzlich unter den Nagel reißen und politischen Einfluss auf die Berichterstattung nehmen könnte, ist damit gebannt.

Das „Kapitel Slim“ ist beendet, der millionenschwere Kredit vorzeitig zurückbezahlt, weitere Zinsen von jährlich 39 Millionen Euro eingespart – das klingt nach einer Erfolgsgeschichte, nach einem Comeback mitten in der harten Medienkrise in den USA. Ist die „NYT“ zurück?

Das Traditionshaus hat eine harte Sanierungsphase hinter sich: Die Redaktion wurde seit 2008 um 200 Mitarbeiter verkleinert, alle Gehälter um fünf Prozent gekürzt, das nagelneue „NYT Building“ von Renzo Piano in Midtown Manhattan verkauft, um ihn dann günstiger zu mieten – und auch der firmeneigene Jet der Marke „Dassault Falcon 50Ex“ verkauft. Mit jetzt 1100 Redaktionsmitarbeitern ist die „NYT“ freilich noch immer üppigst bestückt (die nächstgrößere US-Zeitung hat 750 redaktionelle Mitarbeiter).

Aber inzwischen kann man in New York auf ermutigende Zahlen verweisen: Das im März eingeführte Bezahlsystem für Online-Inhalte der „NYT“ entwickelt sich mehr als zufriedenstellend: Nach nur vier Monaten hat die Zeitung 224 000 digitale Abonnenten und verkauft dazu durchschnittlich noch immer 916 000 Printausgaben pro Tag. Zwar sinkt die Auflage des gedruckten „Mutterschiffs“ konstant, doch sie spült weiterhin Millionen in die Kassen. Es zeigt sich, dass Leser offenbar willens sind, für hochwertige Inhalte auch im Netz Geld auszugeben – und dass das Printgeschäft trotzdem nicht einbrechen muss. Ein Hoffnungsschimmer für eine Branche, die ihr Heil darin sieht, Print- und Digitalgeschäft unter einen Hut zu bekommen. Und ein Erfolg für den Herausgeber in der vierten Generation, Arthur Sulzberger Jr., der sich den Respekt seiner Redaktion erst hart erarbeiten musste.

Von Viellesern, die sich unter der Adresse www.nytimes.com mehr als zwanzig Mal im Monat in Artikel klicken, verlangt die „New York Times“ seit März diesen Jahres einen Obolus, ein millionenteures System zählt und registriert die Besuche. Wer die Zeitung im Netz und in einer App auf dem Mobiltelefon unbegrenzt nutzen will, muss 15 Dollar (elf Euro) für jeweils vier Wochen zahlen. Printabonnenten haben unbegrenzt Zugang. Die „NYT“-Webseite ist mit 17 Millionen Lesern pro Monat die meistbesuchte Zeitungsseite in den USA. Bis 2007 hatte die „NYT“ noch mit einem anderen Bezahlmodell experimentiert – und war gescheitert. Man hatte gehofft, vor allem mit höheren Werbeumsätzen Profit zu machen, statt mit den direkten Gebühren der Online-Leser.

Wie tragfähig die neue Linie ist, muss sich noch erweisen. Immerhin: Die schnelle Rückzahlung des mexikanischen Kredits zeigt, wie sehr sich die Mehrheitseigentümer des Blattes bewusst sind, dass sie einen Ruf zu wahren haben. Während ein Konkurrent wie die „Washington Post“, der einst national und international auf Augenhöhe spielte, sich auf die Nische der Politikberichterstattung rund ums Weiße Haus zurückgezogen hat, pflegt die „New York Times“ auch in den schnelllebigen Zeiten des Internets alte Tugenden: Qualität, Substanz, Gelassenheit. Lange hielt man sich etwa bei der Berichterstattung über den US-Schuldenstreit fast trotzig zurück. Motto: Lass die Washington ihr Politiktheater alleine spielen.

Die traditionellen Eigentümer von der Ochs-Sulzberger-Familie, die immer noch mit fast 88 Prozent den Löwenanteil des Unternehmens halten, scheinen solchen Eigensinn immer noch zu goutieren – ebenso wie die Stammleser, die eine gewisse Hartleibigkeit von ihrem Blatt geradezu erwarten. Ein allein auf die nackten Zahlen schielender Geschäftsmann wie Slim muss vorerst in die zweite Reihe. Die „NYT“ selbst erwähnte den eigenen Freikauf von Carlos Slim mit keiner Zeile. Da ist es wieder: das Understatement eines Traditionsblattes, das – wie es scheint – Licht am Ende des Tunnels sieht.

Andreas Geldner, Imre Grimm