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Medien & TV Das ZDF startet seinen neuen Theaterkanal ZDFkultur
Nachrichten Medien & TV Das ZDF startet seinen neuen Theaterkanal ZDFkultur
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22:23 03.05.2011
Von Imre Grimm
Der Sender ZDFkultur würde ganz gern „E“ mit „U“ versöhnen – US-Star Rihanna soll dabei helfen. Quelle: ZDF
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Man kann schon mal durcheinanderkommen bei den digitalen Ablegern des ZDF: Da gibt es also das Mutterschiff ZDF mit seinem hochaufgelösten Zwilling „ZDF HD“, das ist noch einfach. Dazu aber leistet sich das Zweite ein üppiges Digitalpaket namens „ZDFvision“, bestehend aus: ZDFinfo (seit 1997), ZDFneo (seit 2009, davor ZDFdokukanal) und dem ZDFtheaterkanal. Letzterer flimmerte seit 1999 weitgehend unbeachtet vor sich hin – mit staubigen Ibsen-Inszenierungen, mit Franz Schuberts „Die schöne Müllerin“ von 1972, mit einem Kulturbegriff, der die künstlerischen und musikalischen Strömungen der vergangenen 25 Jahre gerne ausklammerte.

Damit soll jetzt Schluss sein. Zwei Jahre lang hat das ZDF intern an einem neuen Theaterkanal gebastelt. Am kommenden Sonnabend nun startet das reformierte Programm unter dem Namen ZDFkultur. Und gleich am ersten Sendetag zeigt die Truppe, worum es gehen soll: Popkultur, Netzkultur, junge Literatur, Spiel, auch Theater, Gaming. Um 20.15 Uhr gibt’s einen Rihanna-Konzertfilm („Good Girl Gone Bad“), um 22.30 Uhr eine Doku über die irakische Heavy-­Metal-Band Acrassicauda aus Bagdad, und um 23.55 Uhr den schräg-schaurigen Horrorklassiker „Das Ding aus einer anderen Welt“ von 1951.

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Man hat sich viel vorgenommen: „ZDFkultur ist das Spiegelbild eines veränderten Lebensgefühls und Kulturverständnisses, das Hochkultur und Popkultur miteinander verbindet“, wünscht sich Koordinator Wolfgang Bergmann (48). Zusammen mit Daniel Fiedler (44) ist er der Herbergsvater des ZDFkultur-Teams. Heißt im Klartext: weg vom Feuilleton, „U“ verschmilzt mit „E“, raus aus dem „geriatrischen Elfenbeinturm eines überkommenen Kulturfernsehbegriffs“ (Bergmann). Fiedler: „Für Menschen zwischen vierzig und fünfzig spielt das, was man Popkultur nennt, eine ganz entscheidende Rolle für das Selbstverständnis. Die Popkultur steht gleichberechtigt neben dem Goethe-Gedicht. Intelligente Menschen heute hören Snow Patrol und Rihanna und lesen dann ein schlaues Buch am Abend.“

Klingt prima. Die Frage aber wird sein, ob es einem Popkulturkanal überhaupt noch gelingen kann, ähnlich wie anno dazumal MTV „die Jugend“ in der Breite zu erreichen, oder ob ein solches Unterfangen in Zeiten hoch individualisierter Geschmacksverästelungen und zahlloser Nischenszenen zum Scheitern verurteilt ist. Niemand ist für etablierte Medien so schwer zu erreichen wie 20-Jährige.

Denen kann man nicht so leicht alte „Dalli, Dalli“-Folgen als „Kult“ unterjubeln oder Eric-Clapton-Shows aus dem Konzertarchiv als Pop der Gegenwart. Zu den neuen Eigenformaten gehört ein tägliches, 15-minütiges Magazin „Der Marker“ parallel zur ARD-„Tagesschau“ um 20 Uhr sowie der Themenabend „Montage“ jeweils am Montag oder das Netzmagazin „Pixelmacher“ immer freitags um 21.30 Uhr. Üppig berichtet wird auch von den Sommerfestivals, von „Hurricane“ in Scheeßel (live am 18. Juni) bis zu „Glastonbury“ (live am 25. Juni), von „Roskilde“ (live am 2. Juli) bis „Wacken“ (live am 6. August). Zu den Moderatoren gehören unter anderem die iranischstämmige Schauspielerin Pegah Ferydoni („Türkisch für Anfänger“), Rainer Maria Jilg („DASDING.tv“) und Lukas Koch („neues“).

Mit dem Kanal will das ZDF die 20- bis 40-Jährigen erreichen, während ZDFneo die 30- bis 50-Jährigen ansprechen soll. Das wird den Privaten nicht schmecken, dass ZDFkultur mit Gebührenmillionen an ihrer Zielgruppe knabbert. RTL & Co. sehen die Digitalambitionen von ARD und ZDF ohnehin mit Argwohn.

Die 20-Jährigen und das ZDF – kann das gut gehen? Tatsächlich ist es dem ZDF (Altersschnitt der Zuschauer: 61 Jahre) zuletzt immer mal gelungen, sich den Grauschleier abzustreifen, mit jungem, experimentellem Fernsehen. ZDFneo etwa ist zwar kein Massenphänomen, aber doch inzwischen eine feste Größe bei den 30- bis 40-Jährigen. Da stellt sich die Frage: Warum macht das ZDF den Theaterkanal nicht einfach dicht und zeigt die Inhalte auf ZDFneo? Oder – ein ganz verwegener Gedanke – gar im ZDF-Hauptprogramm?

Auf dem Mainzer Lerchenberg versichert man hoch und heilig, dass ZDFkultur den Gebührenzahler keinen Euro ­extra koste. Der Jahresetat von zunächst zwölf, im kommenden Jahr dann 18 Millionen Euro – 0,9 Prozent des ZDF-Jahresetats – werde durch interne Haushaltsumschichtungen aufgebracht. Viele Sendungen sind ohnehin Zweitaufgüsse vom Muttersender ZDF, von 3sat oder arte: etwa „Bauerfeind“, „Kulturzeit“, „Tracks“ oder „Aspekte“. Es wird nicht leicht, den neuen Sender zu etablieren. Fiedler weiß das: „Viele denken, es muss eine Wackelkamera sein, und dann ist es hip. So einfach ist die Welt leider nicht.“