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Medien & TV Der Eurovision Song Contest erreicht die Neuzeit
Nachrichten Medien & TV Der Eurovision Song Contest erreicht die Neuzeit
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17:06 01.06.2010
Von Imre Grimm
Lena belegte mit „Satellite“ den ersten Platz. Quelle: dpa
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Glitzerkonfetti liegt aus dem Boden. Auf der Bühne im Osloer Pressezentrum klebt noch der Champagner, den Lena und Stefan Raab in der Nacht ihres Triumphes verspritzt haben. Eine zertretene Rose liegt auf dem Teppich. Der Eurovision Song Contest (ESC) 2010 ist vorbei – und er hat gleich mit mehreren Vorurteilen aufgeräumt: Nein, Deutschland ist nicht nur von übelwollenden Neidern umgeben. Auch dieses Land kann siegen – vorausgesetzt, es schickt einen Beitrag ins Rennen, der auch Punkte verdient. Und nein, die Deutschen sind nicht nur als Zahlmeister geduldet. Sie dürfen mitfeiern, wenn sie sich mal entkrampfen.

Neunmal hat Lena am Sonnabend die Höchstwertung von zwölf Punkten erhalten – aus West und Ost gleichermaßen: aus Dänemark, Spanien, Norwegen, der Schweiz, Finnland und Schweden, aber auch aus den beiden jungen, musikalisch sehr novitätenfreundlichen Baltenstaaten Estland und Lettland sowie aus der Slowakei. Der Westen zahlt, der Osten feiert? Das ist vorbei.

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Die Mär von der dominierenden Ostblock-Mafia und dem chancenlosen Westen hält sich hartnäckig, ist aber falsch. Am Ende kamen vier westeuropäische (Deutschland, Dänemark, Belgien, Griechenland) und fünf osteuropäische Länder (Rumänien, Aserbaidschan, Georgien, Ukraine, Armenien) in die Top Ten, dazu die Türkei. Wer gewinnen will, braucht Punkte aus ganz Europa. Nachbarschaftsklüngel sind seltener geworden, die kleinen Freundschaftsdienste wie etwa zwischen Zypern und Griechenland werden belächelt, beeinflussen das Gesamtergebnis aber nicht.

In Sachen Quoten war Lenas Auftritt für die ARD ein sensationeller Erfolg. Sie hatte mit 14,69 Millionen Zuschauern ein größeres Publikum als Nicole 1982 bei ihrem Sieg mit „Ein bisschen Frieden“ (13,81 Millionen) und den zweitbesten Grand-Prix-Wert seit Einführung der Quotenmessung. Nur Katja Ebsteins zweiten Platz 1980 erlebten mehr Menschen mit: 17,35 Millionen sahen ihr „Theater“ live.

Wie die Jurys und die Zuschauer im Vergleich abgestimmt haben, verrät die European Broadcasting Union (EBU) erst in den kommenden Tagen. Die deutschen Zuschauer und die Jury um Hape Kerkeling schickten ihre zwölf Punkte am Sonnabend nach Belgien, zehn Punkte gingen in die Türkei – was nicht nur an den Diasporatürken gelegen haben dürfte –, die restlichen an Griechenland (8), Armenien (7), Portugal (6), Serbien (5), Island (4), Frankreich (3), Irland (2) und Albanien (1).

Oslo zeigte klar: Der ESC ist im Umbruch, zunehmend hält moderne Popmusik Einzug. Aus der plüschig-spießigen Schlagerparade von einst ist ein zeitgemäßes Event geworden, von den letzten Zuckungen weißrussischer Schmetterlingsflügel einmal abgesehen. „Deutschland befördert den ESC ins 21. Jahrhundert“, urteilte die BBC nach Lenas Sieg. Der frische Wind kommt an, das zeigten auch die guten Platzierungen für neuzeitliche Ware wie von Manga aus der Türkei mit „We Could Be The Same“ (Platz 2) und dem belgischen Gitarristen Tom Dice mit „Me And My Guitar“ (Platz 6). Die musikalische Annäherung schreitet voran, die gefühlte Geschmacksgrenze zwischen Ost und West schmilzt.

Das europäische Publikum lässt sich weniger als früher von plumpen Effekten, kitschigen Kleidchen und falschem Pathos einwickeln. Der Engländer Josh etwa, der mit nur zehn Punkten Letzter wurde, schien wie aus der Zeit gefallen: große Geste, falscher Schmelz, schlimmes Liedgut. Die ganz große Oper in drei Minuten mit Pomp und Gloria ist tot. Auch folkloristische Eurodisco-Stampfnummern ziehen nicht mehr. Und die Trashphase, 1998 mit Guildo Horn gestartet, hat mit dem Sieg der finnischen Maskenrocker von Lordi 2006 gleichzeitig ihren Höhe- und Schlusspunkt erreicht. Kaum vorstellbar, dass Stefan Raab heute mit „Wadde Hadde Dudde Da“ noch einmal Fünfter werden könnte. Stattdessen halten Echt- und Schlichtheit Einzug. Sloweniens Musikanten-stadlrocker, Spaniens alberne Clowns mit ihren aufgerissenen Augen und Hollands „Shalali, Shalala“ bekamen das bitter zu spüren.

Es gebe eine neue „Lust auf ungekünstelte Darbietung“, sagt der frühere Viva-Chef und Vorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, Dieter Gorny (56). Das Publikum habe kein Interesse mehr an „theatralisch aufgemotztem Standardpop“. Insofern war Max Mutzke im Jahr 2004 mit seinem schlichten „Can’t wait until tonight“ vielleicht einfach ein paar Jahre zu früh dran. Beim neuen Song Contest gilt: cool bleiben. Ihr Sieg sei „schön und wahnsinnig, aber kein Grund, jetzt abzudrehen“, sagte Lena am Montag auf einer Pressekonferenz in Köln. „Gott sei Dank nehme ich das nicht so ernst. Ich raste jetzt nicht aus deswegen.“ Und, um das mal klarzustellen: „Ich bin nicht Gott.“

Und was kommt jetzt? „Jetzt ist erst mal ein bisschen Schnucki. Und am Freitag kommt dann die Autoball-WM.“ Überhaupt scheint es, als gebe es nur zwei Menschen in Deutschland, die inmitten der allgemeinen Lenamania die Ruhe bewahren: Stefan Raab und Lena. Nun muss dem PRO7-Zauberer nur noch jemand behutsam die Idee ausreden, Lena im nächsten Jahr noch einmal antreten zu lassen. „Um Gottes willen!“, urteilte am Montag ESC-Experte Jan Feddersen. „Vicky Leandros und Nicole haben das aus verständlichen Gründen immer verweigert. Höher als Lena kann man nicht steigen. Ich glaube: alles nur halb gar und halb wahr.“ Und trotzdem jede Wette: Wir werden 2011 eine Menge Lenas sehen – aus aller Herren Länder.