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22:33 01.03.2011
Copy, Paste, Delete: So sahen seine Anhänger Karl-Theodor zu Guttenberg am liebsten – in Weltumarmungspose am Times Square in New York.
Copy, Paste, Delete: So sahen seine Anhänger Karl-Theodor zu Guttenberg am liebsten – in Weltumarmungspose am Times Square in New York. Quelle: dpa
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Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor“ – es war der Schlachtruf all derjenigen, die hinter der Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg eine mediale Hetzjagd witterten, ein Komplott, gespeist aus Missgunst, Jagdlust und politischer Ideologie. Der Satz stammt aus der Feder von Franz Josef Wagner, „Bild“-Kolumnist und Erster Ritter des gestrauchelten Barons. Wem „Bild“ einmal die Treue schwor, der ist sakrosankt. Bis zur Selbstverleugnung ist das Blatt dazu bereit, seine Stars wider alles Wissen für „gut(t)“ zu befinden.

Und nun das. Totalschaden.

Der Fall des Ministers, der sich in den Fußnoten seiner Doktorarbeit verfing, verleiht einer alten Debatte neuen Schwung: Berichten Medien, was Menschen denken? Denken Menschen, was Medien berichten? Oder reden beide aneinander vorbei? Wohl selten zuvor haben „die Medien“ der großen Mehrheit „der Leser“ so wenig aus der Seele gesprochen wie im Fall zu Guttenberg. Je heftiger die Kritik, desto eiserner die Solidaritätsbekundungen in Leserbriefen, Netzforen, Umfragen. Erst jetzt, erst nach dem Rücktritt, bröckelt die Front.

Woher kommt die merkwürdige Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung? Woher die Treue des nicht adeligen Kleinbürgers zum Freiherrn? Sie beruht auf einem sozialpsychologischen Phänomen – und einem dialektischen Problem, sagt Bernhard Pörksen, Direktor des Instituts für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. Für die meisten Menschen ist eine Doktorarbeit ein Rätsel, ist der komplexe Prozess wissenschaftlichen Arbeitens ein großes Mysterium. „Nichtakademiker denken: Diese merkwürdigen Bewohner des Elfenbeinturms reden über ein paar Fußnoten, während in Afghanistan deutsche Soldaten sterben!“, sagt Pörksen. Unwissenheit macht unsicher. Unsicherheit schürt Empörung. Und schon waren die bürgerlichen Medien und die kleine, wissenschaftliche Elite schuld am Fall des Volkshelden, der sich eines diffusen Kavaliersdelikts schuldig gemacht hatte, kaum schlimmer als der Diebstahl eines Pfandbons für 1,30 Euro. Ein bisschen Abschreiben – das hat in der Schule doch jeder gemacht. „Man will sich seinen Hoffnungsträger nicht kaputt machen lassen“, sagt der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter – „schon gar nicht aus Gründen, die man nicht nachvollziehen kann“. Noch in seiner Rücktrittsrede kritisierte der Freiherr gestern, dass „die Medien“ nur noch über ihn, nicht mehr über die Toten in Afghanistan berichtet hätten. Eine perfide Taktik, ein abstruses Argument.

Guttenbergs Glamour war seine Drachenhaut. Je größer seine Beliebtheit, desto größer die Bereitschaft, Fehler zu verzeihen. Mit seiner „Was kostet die Welt?“-Geste auf dem Times Square in New York inszenierte er sich als Weltpolitiker im Wartestand. Man verzieh ihm selbst die theatralische Demut, die politische „Scripted Reality“, mit der er sich als „Mensch mit Fehlern und Schwächen“ inszenierte.

Denn er bediente die „dauerhafte Ursehnsucht der Gesellschaf t nach Authentizität, nach Kantigkeit und Ehrlichkeit in der Politik“, sagt Pörksen. „Diese Sehnsucht sucht sich ihre Projektionsflächen.“ Ein liebendes Volk kann sehr hartnäckig sein. „Urteile haben eine große Stabilität. Man legt sie nicht einfach ab.“ Heroen sind immer das Produkt projizierter Sehnsüchte, aber Heroismus macht blind. Auch einer der Gründe, warum der Minister so lange durchhielt: Er setzte darauf, dass das „positive Vorurteil“ der Bevölkerung, die Solidarität der Masse, stärker sein würden als der Druck der politischen Wirklichkeit.

Merkwürdig gespalten reagierte die Medienwelt auf das Phänomen. In der einen Ecke die wissenschaftliche Gemeinschaft rund um die Stammmedien des Bildungsbürgertums: die „FAZ“ (die nicht zuletzt deshalb zu den schärfsten Kritikern gehört haben dürfte, weil Guttenberg sich auch bei „FAZ“-Autorin Barbara Zehnpfennig bediente), die „Süddeutsche Zeitung“ (die den Stein ins Rollen brachte) und die „Neue Zürcher Zeitung“ (die jeden Versuch, die Copy-and-Paste-Sünden des Ministers zu bagatellisieren, empört konterte). Auf der anderen Seite: „Bild“ und „Bild am Sonntag“, die dem schillernden Baron mit einem klaren Kurs des Anti- Intellektualismus in Treue ergeben waren („Wir finden die gutt!“). Und dazwischen die promovierte Physikerin Angela Merkel, die die Täuschungen ihres populärsten Mannes als Lappalie abtat („Ich habe keinen Inhaber einer Doktorarbeit berufen“) – obwohl sie genau weiß, dass Plagiarismus zu den akademischen Todsünden gehört.

„Guttenberg steckte in einer medialen Zwangsjacke“, sagt Pörksen, Sein größter Fehler: die frühe, trotzige Replik, alle Vorwürfe seien „abstrus“. „Mich hat vor allem die offensichtliche Wissenschaftsverachtung und der Werteopportunismus von Teilen der politischen Elite erzürnt“, sagt Pörksen. Franz Josef Wagner und seine „lustigen Ferngutachten“ seien eher ein Nebenkriegsschauplatz. Dennoch: Für „Bild“ ist der Sturz des Ministers eine Niederlage. Aber für wen ist er ein Sieg? Sicher ist: Etablierte Medien und die Schwarmintelligenz der Netzgemeinde, die im „GuttenPlag“-Wiki praktisch in Echtzeit mehr als 300 Fälschungen des Ministers entlarvte, kollaborierten wie selten zuvor. Mancher spricht schon von der „fünften Gewalt“ und meint Twitter, WikiLeaks und Co. „Das war eine Sternstunde des hartnäckigen Aufklärungsjournalismus“, sagt Pörksen. Der Fall zeige auch: „Die Macht der ,Bild‘-Zeitung ist eine Illusion.“ Damit ist der „Spiegel“-Titel vom Montag obsolet („Die Brandstifter“), in dem das Magazin der These nachgeht, „Bild“ spiele in Deutschland die Rolle einer rechtspopulistischen Partei. Künstlerpech.

Doch auch für die sogenannte „seriöse“ Presse liefert das Drama Lehren. Denn im Bemühen um Aufmerksamkeit erreicht sie zunehmend das Gegenteil: Je größer die Erregung, desto geringer das Interesse der Kundschaft. Der Skandalisierungsreflex, der Alarmismus, widerspricht dem Bedürfnis vieler Medienkonsumenten. Auch das ist eine Lehre aus dem Fall Guttenberg: Wer jede Woche „Skandal!“ schreit, darf sich nicht wundern, wenn das ermüdete Publikum im Falle eines Falles mit Skepsis reagiert. Die Sehnsucht nach einem Helden wird weiterwandern.

Imre Grimm

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