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Medien & TV Der Niedergang von SAT.1-Hoffnung Oliver Pocher
Nachrichten Medien & TV Der Niedergang von SAT.1-Hoffnung Oliver Pocher
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19:57 22.03.2011
Oliver Pocher wollte bei SAT.1 hoch hinaus.
Oliver Pocher wollte bei SAT.1 hoch hinaus. Quelle: dpa
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Sein Einstand konnte gar nicht schrill genug sein: „Wir halten es wie die SPD – wir sind mit 23 Prozent Marktanteil zufrieden“, tönte Oliver Pocher bei der Pressekonferenz vor der Premiere seiner SAT.1-Late-Night-Show in Köln. Es lief bestens für ihn damals, im September 2009. Er war als „Vollidiot“ im Kino zu sehen, er hatte als erster Prominenter eine Million Euro bei Günther Jauch gewonnen, er warb großflächig für Media Markt, und er hatte sich jüngst mit Glamourgirl Alessandra „Sandy“ Meyer-Wölden zusammengetan, seine Beziehung zu Freundin Monica Ivancan war zerbrochen. Die ARD hatte das unselige Experiment „Schmidt & Pocher“ beendet, und die zwei Expartner zickten sich an wie ein altes Ehepaar. Pocher war am Ziel: Die ARD und RTL rissen sich um ihn, am Ende schlug SAT.1 zu.

Er sei ein „Ausnahmetalent“, schwärmte der damalige SAT.1-Geschäftsführer Guido Bolten (der auch das andere SAT.1- Sorgenkind Johannes B. Kerner eingekauft hatte). Und was gefiel Pocher am besten an seinem neuen Studio? „Dass es meins ist.“ Vier Meter hoch war die Showtreppe, die steilste im deutschen Fernsehen. „Da können wir auch Karrieren beenden“, witzelte er trocken. Am Ende war es seine eigene Karriere, die sich in bunte Seifenblasen auflöste.

Am Freitag lief ein letztes „Best of“ seiner Show. Davor ließ er „Smoke On The Water“ spielen, Guttenberg, schon klar. Dann gingen im Residenz-Theater am Kölner Kaiser-Wilhelm-Ring die Lichter aus – Feierabend für die „Oliver Pocher Show“. Viel zu spät. 23 Prozent? Zwischendurch lag der Marktanteil bei 3,5 Prozent. Ein Desaster. Vom Hoffnungsträger zum Ausgestoßenen in nur 18 Monaten. Das ist die Höchststrafe für einen wie Pocher: ignoriert werden.

Anderthalb Jahre hielt der Sender durch, wollte den Hannoveraner zu einer Art Conan O’Brien oder Jimmy Kimmel aufbauen, im besten Fall zum Stefan Raab von SAT.1. Pocher träumte gar von einer täglichen Show („,TV total‘ lief ja zuerst auch wöchentlich“). Doch da gab es ein Problem: Pocher hat nie verstanden, dass Late Night immer auch eine Art Welt-umarmung sein muss, ein warmes Plätzchen, das Schutz und Trost bietet vor den Wirrnissen der Welt. Doch Pocher wirkte als Late-Night-Gastgeber wie Guido Westerwelle als Außenminister: fremd im eigenen Amt, nicht in sich ruhend, überfordert. Spätestens als bekannt wurde, dass Harald Schmidt im September zu SAT.1 zurückkehren wird, hatte sein Stündlein geschlagen.

Vor 13 Jahren trat Pocher zum ersten Mal als Möchtegernstar im Fernsehen auf, in der RTL-Talkshow von Bärbel Schäfer. Das Thema der Sendung: „Du bist nicht witzig“. „Es gibt 80 Millionen Deutsche“, hat er mal gesagt. „Wenn mich 78 Millionen blöd finden und zwei Millionen gut, dann reicht das immer noch.“ Kein einziges Mal aber hatte er zwei Millionen Zuschauer.

Es mangelt dem öffentlichen Pocher an manchem: an Empathiefähigkeit, an Zuschauern – aber nicht an Selbstbewusstsein. Es ist das große Missverständnis im Leben des ehemaligen Zeugen Jehovas, Versicherungskaufmanns und Waldorfschülers: Die Lust an der Provokation selbst ist noch nicht lustig. Das übersteigerte Ego ist nur so lange sympathisch, wie dahinter die Bereitschaft zur Selbstentblößung steht. Aber das konnte Pocher nie: öffentlich über seine Schwächen lachen. Pocher als Lukas Podolski? Schön und gut, aber dann darf man nicht nur „oinwandfroi“ nuscheln.

Es gilt das alte Motto: Wer gackert, muss auch legen. Harald Schmidt gab ihm diese Lektion gleich mehrfach mit auf den Weg: Er kanzelte ihn öffentlich ab („’ne kleine, miese Type“), als Pocher in einer peinlichen Sendung mit Rapperin Lady Bitch Ray die ahnungslose norwegische Sängerin Maria Mena anpöbelte. Er schleckte Brausepulver aus Monica Ivancans Bauchnabel („Blechtrommel“-Jubiläum). Er plauderte genüsslich aus, dass Pochers SAT.1-Show vor dem Aus stand („Neben ,Wetten, dass ...?‘ geht ein weiterer großer Erfolg im deutschen Fernsehen zu Ende ...“). Und dann trat er böse nach, als er einen alten Ausschnitt zeigte, in dem Pocher bei einem ARD-Straßendreh ein zehnjähriges Mädchen zum Weinen brachte („was für ein verweichlichtes Scheißkind ...“).

Es gab Zeiten, da galt Pocher als aufstrebender Fernsehanarchist. Bei „Alles Pocher ... oder was?“ (Viva) oder in „Rent a Pocher“ (PRO7) wirkte seine „Auf mich hat die Welt gewartet!“-Attitüde noch authentisch. Doch er blieb stecken. Peinlichkeiten pflasterten seinen Weg – von der Angestellten aus Rinteln, die er bei der „Wetten, dass ...?“-Außenwette in Hannover beleidigte, bis zu Mariah Carey, die er mit Wasser bespuckte.

Oliver Pocher ist kein Comedian. Oliver Pocher ist das lebende Beispiel für die Personalnot im deutschen Fernsehen. Und SAT.1? Gibt sich inzwischen vorsichtig. Ja, man wolle weiter zusammenarbeiten. Das Kinderbeglückungsprojekt „Lieber Onkel Olli“ freilich wurde beerdigt. Und der aktuelle SAT.1-Chef Andreas Bartl deutete schon mal vorsichtig an, dass die Senderfamilie ja auch noch über andere Sender verfüge. Für „Die Alm“, den Dschungelcamp-Nachbau von PRO7, werde noch ein Moderator gesucht. Pocher hat sich ins Abseits provoziert.

War’s das jetzt? Kaum. Vor einem Jahr hat Oliver Pocher seine letzte Single veröffentlicht, einen Fußballheuler. Der Titel: „Wir gehen nur zurück, um Anlauf zu nehmen.“ Es steht zu befürchten, dass er noch nicht aufgegeben hat.

Imre Grimm