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Medien & TV Der Thron der „Ice Queen“ wackelt
Nachrichten Medien & TV Der Thron der „Ice Queen“ wackelt
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17:12 17.12.2008
"Wie eine Marionette": "Vogue"-Chefredakteurin Anna Wintour vor der Calvin-Klein-Modenschau bei der New York Fashion Week 2007. Quelle: Peter Foley (dpa
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Man kann ja über Anna Wintour sagen, was man will: dass ihre Frisur aussieht wie von Playmobil, dass sie ungefähr so viel Humor hat wie Godzilla und so viel Charme wie ein russisches KGB-Weib aus einem billigen Agentenfilm. Aber eines darf man nicht unterschätzen: den jahrzehntelangen Einfluss der legendären „Ice Queen“ auf die Modewelt.

Wenn Anna Wintour, seit 20 Jahren Chefredakteurin der US-Modezeitschrift „Vogue“, eine Tasche gefiel, dann war diese Tasche wenige Tage danach ausverkauft, wurde ein paar Wochen später hundertfach nachproduziert, von Tausenden Frauen in aller Welt sehnlichst gewünscht und hunderttausendfach als Billigkopie in chinesischen Fälscherfabriken nachgenäht. Man könnte es so sagen: Wenn Anna Wintour sagte: Blau ist out, dann überlegten sogar Blaubeeren, auf Johannisbeere umzuschulen.

Doch nun sieht es düster aus für die langjährige Herrscherin der Haute Couture. Britische Klatschblätter und US-Medienblogger blasen Gerüchte über ihren bevorstehenden Sturz in die Welt. Es wehe – um im Bild der Eiskönigin zu bleiben – ein eiskalter Wind durch ihren Arbeitsvertrag. Die 59-jährige Wintour solle durch Carine Roitfeld ersetzt werden, die 54-jährige Chefin der französischen „Vogue“-Ausgabe.

Im Kinofilm „Der Teufel trägt Prada“ (2006) nach dem Roman der früheren Wintour-Assistentin Lauren Weisberger, in dem Meryl Streep eine selbstherrliche, zickige, eiskalte Anna Wintour gibt, scheiterte eine Intrige der jüngeren Konkurrentin aus Paris noch. „Keiner kann tun, was ich tun kann“, zickte die Film-Wintour eisig. Im wahren Leben schießt Roitfeld seit Monaten gegen Wintour: „Anna wirkt wie eine Marionette“, sagte sie dem „New York Magazine“. „So will ich nicht werden. Ich möchte keine Uniform tragen. Ich möchte keine leere Hülle sein.“

Der Artikel mit der Überschrift „The Anti-Anna“ sollte Roitfeld in den USA offenbar als sympathische und kompetente Trendsetterin bekannt machen. Eine Intrige? Dahinter soll Samuel Irving „S.I.“ Newhouse Jr. persönlich stecken, Chef des „Vogue“-Verlags Condé Nast, der auch „Vanity Fair“ herausgibt. Newhouse hat zu entscheiden, ob Wintours Vertrag, der ihr ein Jahresgehalt von zwei Millionen Dollar sichern soll, über Juni 2009 hinaus verlängert wird – oder nicht.

Hartnäckig dementierte Wintour das nahende Ende ihrer Karriere: Sie habe nicht die Absicht, die „Vogue“ zu verlassen. „Das ist das dümmste Gerücht, das ich je gehört habe“, sagte auch Newhouse dem „Wall Street Journal“. Selbst Roitfeld gab sich zuletzt brav: Sie sei „sehr glücklich“ in Frankreich. Das alles klingt höchst verdächtig.

Es ist jetzt viel Häme im Spiel, wenn sich die US-Journaille über die einst mächtigste Frau der globalen Modeszene hermacht. Als arrogant, intrigant, gnadenlos zu sich und anderen galt die Exilbritin, unbarmherzig in ihrem Urteil. Die Zahl der Mitarbeiter, die weinend ihr Büro verließ, ist Legende. Keine Modenschau begann, bevor „La Wintour“ nicht samt Sonnenbrille und Pagenschnitt in der ersten Reihe Platz genommen hatte.

„Stalin in Stilettos“, ätzte „USA Today“, auch von „Nuclear Wintour“ (nach „Nuclear Winter“) war schon die Rede. Tierschützer hassen sie für ihre Pelzliebe – eine Aktivistin warf ihr in einem Restaurant einst einen toten Waschbären auf den Teller.

Mit einem waghalsigen Mix aus Prominenten-Homestorys, glamourösen Modestrecken und feinem Witz in den Texten führte Wintour einst die „Vogue“ zum Erfolg. 832 Seiten hatte die Juniausgabe 2004 – es war das umfangreichste Monatsmagazin der Pressegeschichte. Junge Designer wie Marc Jacobs – heute bei Louis Vuitton – oder John Galliano profitierten von ihrer Gunst.

Zuletzt aber verdüsterte sich das Scheinwerferlicht: Die Zeitungskrise hat auch Condé Nast erreicht, kürzlich reduzierte der Verlag die „Men’s Vogue“ von neun auf zwei Ausgaben pro Jahr, das Lifestyle-Schwesterblatt „Vogue Living“ wurde ganz eingestellt. Beide Magazine waren Ideen von Anna Wintour.

Die Auflage des Mutterschiffs selbst, der „Vogue“, stagniert bei 1,2 Millionen. Zur „einflussreichsten Modemagazin-Chefredakteurin der USA“ kürte „Forbes“ kürzlich nicht mehr Wintour, sondern „Glamour“-Chefin Cindi Leive. Und bei den Anzeigenseiten hat „Elle“ die „Vogue“ kürzlich überholt.

Auch die Modewelt selbst hat sich verändert. Die Trends in der Teenagermode setzen heute Popsternchen wie Paris Hilton, Nicole Ritchie, Lindsay Lohan, Miley Cyrus. Das muss bitter sein für die Grande Dame, dass nicht mehr über die Nuancen von Sandbraun und Taupe gefachsimpelt wird, sondern über die Frage, welches junge Huhn bei welcher Szeneparty welche Schuhe trug.

Selbst die Stardesigner stänkern. „Ich brauche keine Anna Wintour in der ersten Reihe“, sagte Roberto Cavalli auf der Mailänder Modewoche. „Anna hat einmal gesagt, die Armani-Ära sei vorbei. Aber hier bin ich“, höhnte Giorgio Armani auf einer Pressekonferenz – im Beisein von Wintour. Ein paar Reihen dahinter saß Roitfeld – grinsend. Die Branche war sauer, dass Wintour verfügt hatte, die Modewoche zu verkürzen, um ihren Reisestress zu verringern. Dolce & Gabbana zürnten gar: „Durch Annas Diktat wird die Modewoche zum sinnlosen Zirkus.“

Wiederholt sich die Geschichte? Als Wintour selbst im Alter von 38 Jahren die „Vogue“ übernahm, erfuhr ihre Vorgängerin Grace Mirabella davon im Fernsehen. Sie fragte ihren Verleger, was das zu bedeuten habe. Der sagte: „Grace, wenn sie es im Fernsehen gesagt haben, wird es stimmen.“

von Imre Grimm

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