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Medien & TV Der Zeitschriftenmarkt quillt über von Frauenmagazinen
Nachrichten Medien & TV Der Zeitschriftenmarkt quillt über von Frauenmagazinen
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19:59 09.02.2011
Models, Mode, Megastars: „Grazia“, „Gala“ und „InStyle“ decken dieselben Themen ab.
Models, Mode, Megastars: „Grazia“, „Gala“ und „InStyle“ decken dieselben Themen ab. Quelle: Handout
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Die Welt bleibt geteilt: Während Frauen den Haushalt machen, Liebesfilme gucken und Beifahrersitze besetzen, bleiben Männer in Chefetagen, Stadien, Autohäusern und Baumärkten unter sich. So einfach ist die Welt für viele Magazinmacher. Die klare Grenze zwischen den vermeint­lichen Geschlechterinteressen zieht sich quer durch die Kioskregale. Die Leserin interessiert sich einzig für die vier „M“ der Branche (Megastars, Magerquark, Make-up, Mode), der Herr dagegen fürs vierfache „T“ (Topmodels, Technik, Tuning, Turbo-Work-outs).

An diese ehernen Gesetze des Genres hält sich seit genau einem Jahr auch Neuling „Grazia“, Zielgruppenorgan für die stilsichere Städterin ab dreißig. Fast 300.000 Exemplare der Nullnummer stellte der Klambt Verlag, dessen 50 Titel überwiegend Leserinnen bedienen, ins „Frauen“-Regal. Mit einer halben Million Freiexemplaren warf das „Grazia“-Team allerdings auch die Frage auf: Braucht frau wirklich noch so eine Hochglanzpostille voller Mode, Tratsch und Promis, aber ohne echten Inhalt? „Ja, braucht sie“, sagt Gründungs-Chefredakteur Klaus Dahm, der – wie Klambt gestern bekannt gab – am 1. März zum Editorial Director aufrücken und das Tagesgeschäft an seine bisherige Stellvertreterin Claudia ten Hoevel übergeben wird. „Wir sind ein Fashion-Weekly mit ­hohem People-Anteil“, sagt Dahm. Die „Gala“ dagegen, neben Burdas „In Style“ Hauptkonkurrentin der „Grazia“, sei ein „People-Magazin mit hoher Style-Kompetenz“ und beide nicht vergleichbar mit dem edlen ­„Fashion-Monthly ,Vogue‘“ oder It-Girl-Bespaßung à la „InTouch“.

Wenn man derlei Szenesprache beherrscht, erscheint das Genre plötzlich als vielfältiger Gemischtwarenladen: mannigfaltig, variabel, kreativ. Dabei erstarrt es in Wahrheit im kleinteiligen, servicelastigen Einheitslook. Seit „Gala“ 1994 etwas Hollywood ins angestaubte Segment brachte, gefolgt von „Allegra“, „Amica“, „Joy“ oder „Sugar“ für Jüngere, sind Dutzende Klatschhefte hinzugekommen, die sich allesamt gleichen. Es ist wie im Wohnzimmer: Immer mehr Zuschauer sehen immer mehr Sender mit immer ähnlicheren Programmen.

Der Markt scheint unersättlich. Allein die traditionellen Titel von der alten „Bunte“ über die gereifte „Maxi“ bis zum Backfisch „Life & Style“ bringen es auf rund sechs Millionen Ausgaben pro Woche. Zwar verlieren vor allem die Platzhirsche an Auflage, im Vergleich zu 2001 oft im sechsstelligen Bereich. Gleichzeitig aber kann ein Neuling wie „Grazia“, der im selben Revier wildert, aus dem Stand einen Erfolg landen. Unter dem Siegeszug des Klambt-Titels, der doch im Prinzip dieselben Inhalte bietet wie die Konkurrenz, leiden nicht nur Große wie „Petra“, sondern auch Frischlinge wie „InTouch“, „Myself“ oder „Glamour“. Ausgerechnet die beiden einzigen Formate, die die vier „M“ etwas freier interpretierten und auch mal etwas Neues wagten – Springers „Allegra“ und die deutsche Ausgabe des US-Klassikers „Vanity Fair“ – sind dem Auflagenkampf zum Opfer gefallen.

Die Geburtstagsausgabe der „Grazia“ wirkt wie eine Blaupause der Regen­bogenpresse. Nach acht Seiten Reklame folgen Promi-Outfits, Promi-Hochzeiten, Promi-Krisen, Promi-Comebacks, Promi-Kinder, Promi-Bäuche, bis in der Heftmitte zwei Fotostrecken nebst ­Accessoires den Markenkern Mode treffen, gern präsentiert von – Promis. Am Ende dann die Standards: Wohnen, Rezepte, Frisur, Reise, Horoskop, Kolumne plus Partys der Woche. So könnte es überall stehen. Da kann Klaus Dahm noch so betonen, „stets drei Storys zum Zeitgeschehen und zwei Reportagen über echte Frauen“ zu drucken. Wenn die sich auf eine dürre Doppelseite zur „Gorch Fock“, 22 Zeilen Ägyptenkrise und drei Google-Treffer über chinesische Brachialerziehung reduzieren, schrumpft alles Aktuelle zum Feigenblatt des Bonbonbunten drumherum.

Dennoch – 40 Festangestellte sorgen am Hamburger Gänsemarkt durchaus für redaktionellen Ernst, ohne die Lässigkeit zu verlieren. Der Ableger des italienischen Vorbilds freilich muss zumeist – wie jede Adelsgazette – im Trüben fischen. Weil weder Heidi Klum noch Demi Moore oder Kate Middleton Zeit für ein persönliches Treffen mit einem „Grazia“-Reporter hatten, wird echte Recherche im globalen Showbiz seit jeher durch bloßes Munkeln ersetzt. Selbst die RTL-Dschungelcamper, die doch sonst zu jeder PR-Schandtat bereit sind, sind für ein Porträt in der „Grazia“ offenbar nicht ans Handy gegangen. So heißt der einzige „echte“ Gesprächspartner mit Starappeal in der aktuellen Ausgabe Til Schweiger, dem man zum Dank kritische Fragen ersparte. Journalismus wie eine Milchschnitte: leicht und nicht belastend. Aber auf Dauer halt doch zu süßlich, um gesund zu sein.

Jan Freitag

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