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Medien & TV Der andere Horst: Krause muss zur Kur
Nachrichten Medien & TV Der andere Horst: Krause muss zur Kur
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18:40 08.12.2009
Von Imre Grimm
Kurgast Horst Krause hat Herzklabastern und muss sich an der Ostsee erholen.
Kurgast Horst Krause hat Herzklabastern und muss sich an der Ostsee erholen. Quelle: ddp
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Nord, Ost, Süd, West – jede Himmelsrichtung in Deutschland hat ihren eigenen, brummigen TV-Polizeibären, der perfekt die regionalen Stereotypen erfüllt: Im Norden ist es Jan Fedder, der schratige Hanseat aus dem Hamburger „Großstadtrevier“. Im Süden ist es Ottfried Fischer, der tapsige „Bulle von Tölz“. Im Westen ist es weiterhin Götz George alias Horst Schimanski aus Duisburg, immer noch der bissigste unter den Fernsehbären. Und im Osten schickt sich Horst Krause an, zur Identifikationsfigur für die brandenburgische Landbevölkerung zu werden: bodenständig, menschlich, ziemlich stur, gelegentlich cholerisch. Hart in der Sache, knarzig im Ton – ein Dickschädel vor dem Herrn.

Seit 1999 gehört Horst Krause zum festen Ermittlerteam des „Polizeirufs 110“ aus Brandenburg – unter seinem tatsächlichen Geburtsnamen Horst Krause. „Wie willst du denn anders heißen, sag mal?“, hat Drehbuchautor und Regisseur Bernd Böhlich ihn vor Jahren gefragt. „Du siehst aus wie Krause, du bist Krause.“ Horst Krause ist also Horst Krause. Das ist eine Novität im deutschen Fernsehen, dass jemand mal wirklich er selbst ist. „Ich spiele diese Rolle nicht, ich lebe sie“, sagt Krause über Krause. Gelegentlich fließen private Erlebnisse in die Filme ein – Fiktion und Realität wagen ein flottes Tänzchen, und das Ergebnis sind Authentizität und Stimmigkeit.

Erstmals porträtierte Krause seinen knubbeligen Polizeihauptmeister vor zwei Jahren auch außerhalb des Polizeidienstes – in „Krauses Fest“. Der kleine, leise Film aus einem fiktiven Kuhdorf mit dem horstigen Namen „Schönhorst“ war eine Idee von Krause und Regisseur Böhlich. Das Ganze war nur als einmaliger Versuch gedacht, lockte dann aber kurz vor Weihnachten 2007 sechs Millionen ARD-Zuschauer vor die Fernseher – ein Überraschungserfolg. Nun folgt Teil zwei der Privatreihe mit dem Titel „Krauses Kur“, wieder in der Weihnachtszeit.

Diesmal muss Krause, von Herzbeschwerden geplagt, zur Kur. Seine Hausärztin Jessen (Fritzi Haberlandt) schickt ihn für drei Wochen an die Ostsee. Weil Krause ohne seine beiden Schwestern nicht kann, nimmt er Elsa (Carmen-Maja Antoni) und Meta (Angelika Böttiger) kurzerhand mit. Zu dritt machen sie sich stiekum auf nach Norden – im alten Campinganhänger Marke „Dübener Ei“. Die Schwestern schlafen auf dem Campingplatz, Krause selbst in der Klinik, wo ihm der vorlaute Zwergschnösel Jonas (Friedrich Heine) erheblich auf die Nerven geht.

Was zu kitschigem Vorweihnachtsschwulst hätte geraten können, ist dank der starken Schauspieler ein warmer, brummeliger, kleiner Weihnachtsfilm geworden. Widerwillig strampelt der dicke Krause bei der Wassergymnastik durchs Becken, nölt über die Magerkost und muss einen gottserbärmlich schnarchenden Zimmernachbarn ertragen, der sich mit der Kurzdiagnose „Rudi, Bandscheibe“ bei ihm vorstellt. Unterdessen passt „Gänse-Schlunzke“ (Andreas Schmidt) in Schönhorst auf den Hof der Krauses auf, und Krauses Schwester Elsa verknallt sich in Rudi. Und dann muss Sportmuffel Krause auch noch zum 
Nordic Walking („Mit Skistöcken übern Sand! Wenn mich einer sieht!“). Gedreht wurde auf Usedom – allerdings ohne landestypische FKK-Szenen. Als „neue Form des Heimatfilms“ bezeichnet RBB-Redakteurin Daria Moheb Zandi die „Krause“-Filme: ohne Berge, dafür mit viel plattem Land. Der Ton erinnert entfernt an Detlev Bucks frühes Wirken, an seine lakonischen Verlierertypen aus „Karniggels“ (1991) und „Wir können auch anders“ von 1993 (in dem Krause als Moritz „Most“ Kipp zu sehen ist).

Nicht viel deutete im Leben von Horst Krause auf eine Filmkarriere hin. Als Fünfjähriger war er 1947 mit seiner Mutter und vier älteren Geschwistern vom westpreußischen Bönhof nach Ludwigsfelde in Brandenburg umgesiedelt worden. Ein Jahr später kehrte der Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Nach acht Jahren Schule arbeitete Krause zunächst als Dreher im VEB Brandenburger Traktorenwerke, 1961 ermunterte ihn dann ein Kollege, sich im Jugendklub als Schauspieler zu versuchen. Es werde ein Kapitän benötigt, und Krause habe so ein „Mützengesicht“. Zwei Jahre später ging er nach Berlin auf die staatliche Schauspielschule. So wurde aus Krause, dem Dreher, Krause, der „Bauchschauspieler“, wie er selbst sagt. Sein bisher größter Erfolg war die Titelrolle in Michael Schorrs Kinofilm „Schultze gets the Blues“ von 2003. In mehr als 85 Filmen hat er mitgespielt, stand außerdem auf vielen Theaterbühnen.

„Krauses Kur“ freilich hätte einen Schuss mehr Wumms vertragen können. Die melancholischen Zwischentöne sind im Vergleich zum Brummelkopp Krause doch arg elegisch geraten. Und dennoch: Die Reihe verdient eine Fortsetzung. Der Mann liebt seine Rolle: „Diese Figur ist mir ans Herz gewachsen“, sagt der 68-Jährige. „Ich würde sie gern weiter spielen.“ Er ist – im Vergleich zu Schimanski – der andere Horst im deutschen Fernsehen. Er brüllt nicht rum, er flucht nicht. Er muckelt vor sich hin. Und er passt in die Zeit: nich’ quatschen, machen. Am 20. Dezember ist er nach seiner Kur auch wieder im Dienst zu sehen – im ARD-„Polizeiruf 110: Falscher Vater“.