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00:15 07.04.2014
Foto: Einsatz in der „Sachsenklinik“: Thomas Rühmann (Mitte) und seine Kollegen.
Einsatz in der „Sachsenklinik“: Thomas Rühmann (Mitte) und seine Kollegen.
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Berlin

Operationen in der „Sachsenklinik“ sind langweilig. „Man sieht ja sowieso nur die Augen“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann. Die ARD-Fernsehserie „In aller Freundschaft“, in der Rühmann den Chefarzt Roland Heilmann spielt, sehen im Schnitt pro Folge rund sechs Millionen Zuschauer. Oft geht alles gut aus in der heilen Fernsehwelt. Bei einem Chirurgenkongress in Berlin haben sich Mediziner und Medienwissenschaftler jetzt jedoch gefragt, ob sich aus Arztserien im öffentlich-rechtlichen TV nicht noch mehr machen ließe - vor allem in Fragen der Gesundheitsbildung.

In den USA funktioniert das mit Formaten wie „Dr. House“ bereits wunderbar. Der Marburger Hochschulmediziner Jürgen Schäfer nutzt Folgen der US-Serie in seinen Seminaren regelmäßig, um Studenten die bisweilen detektivische Suche nach dem richtigen Befund beizubringen. Er findet die Serie, in der ein geniehaft-verschrobener Arzt seltene Erkrankungen diagnostiziert, die seinen Kollegen verborgen geblieben waren, ausgezeichnet recherchiert. Bei dem schweren Leiden eines Patienten nach dem Einsatz einer Hüftprothese fühlte sich Schäfer sogar an eine „Dr. House“-Folge erinnert: In der Sendung war es um eine Kobaltvergiftung gegangen - wie bei Schäfers Patient. „Gutes Entertainment kann Leben retten“, sagt der Mediziner.

Dass Gesundheitsaufklärung in amerikanischen Fernsehformaten so gut funktioniert, hat einen einfachen Grund: Die nationale Gesundheitsbehörde bietet Drehbuchschreibern medizinische Beratung an. „So etwas würde ich mir in Deutschland auch wünschen. Wir verschenken da viel Potenzial bei der Gesundheitsaufklärung“, sagt Schäfer.

Marion Esch, Medienwissenschaftlerin an der TU Berlin, kritisiert die Inhalte von deutschen Arztserien schon lange. „Es gibt bei uns kein ausdrückliches Verständnis dafür, dass Fernsehunterhaltung bilden soll“, sagt sie. Das Hightech-Land Deutschland mit Forschungserfolgen in Medizin und Naturwissenschaften, Technologie und Informatik spiegele sich im „Süßstoff“ der Produktionen kaum wider. Und noch etwas stört die Professorin: das Frauenbild. Ein weiblicher Chefarzt sei in deutschen Arztserien kaum vorstellbar. „Und wenn eine Frau Karriere macht, ist sie schnell eine Rabenmutter.“

Sven Miehe, Produzent von „In aller Freundschaft“, bestätigt, dass deutsche Arztserien in einer extremen Heile-Welt-Tradition angesiedelt sind. Im Fall eines Wandels allerdings würden die Sender Zuschauer verlieren. Die Realitätsferne ist nach Meinung von Schauspieler Rühmann für das Publikum sogar genau das Richtige. Schließlich wollten die Zuschauer nach der „Sachsenklinik“ gut schlafen können. Das immerhin funktioniert im Anschluss an ein solches Format wunderbar - im besten Fall ganz ohne medizinische Hilfe.

Von Ulrike von Leszczynski

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