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Medien & TV Deutschlandfunk sendet seit 50 Jahren pure Information
Nachrichten Medien & TV Deutschlandfunk sendet seit 50 Jahren pure Information
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20:21 03.01.2012
Von Marina Kormbaki
Am 18. Februar 1979 bezog der Deutschlandfunk das Kölner Funkhaus – da durfte ausnahmsweise auch ein Kameramann ins Studio. Quelle: DLF
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Hannover

In die Moderationen des Deutschlandfunks hat sich seit einigen Tagen ein bisher ungehörter Ton geschlichen. Hier und da beflügelt Feierlichkeit die Sprecherstimmen, manchmal auch ein bisschen Stolz. Zwischen Beiträgen zur Kreditaffäre von Christian Wulff und dem Bürgerkrieg in Syrien merkte kürzlich ein Moderator in eigener Sache an: „Es ist schon etwas Besonderes, 50 Jahre später hier zu sitzen.“ Denn 50 Jahre zuvor, am 1. Januar 1962, hatte der kalauer- und klamaukimmune Kölner Sender den Betrieb aufgenommen.

Mit seinen 50 Jahren ist der Deutschlandfunk immer noch jünger als die meisten seiner Hörer. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren – die Tendenz ist aber sinkend. Und auch der Deutschlandfunk hat sich über die Jahre stark verjüngt, was leider nicht vielen aufgefallen ist, sonst hätte der Sender wohl nicht den Ruf eines fortschrittsskeptischen UKW-Salons für diskursive Frühaufsteher, die ihr Echo im Radio hören wollen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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Der Ruf mag im straatstragenden Namen begründet sein – Deutschlandfunk – oder aber im Streichquartett um kurz vor Mitternacht, das allnächtlich erst die Nationalhymne anstimmt, dann die Europahymne. Sicher entspricht das nicht den gängigen Hipness-Kriterien. Es ist aber auch kein Klang gewordener Beleg für eine deutschlandfunkspezifische Gestrigkeit, sondern eine feine Reminiszenz an die bundesrepublikanische Verortung des Senders.

Die Berliner Mauer stand keine vier Monate, der Kalte Krieg hielt die Welt in Atem, als sich der Deutschlandfunk von einer Villa im Kölner Stadtteil Marienburg aus anschickte, den Menschen in der DDR ein Kontrastprogramm zur Propagandabeschallung im Arbeiter-und-Bauernstaat zu bieten. In Mecklenburg und Thüringen, Brandenburg und Sachsen waren die Nachrichtensendungen und Hintergrundberichte über schwächliche Lang- und Mittelwellen aus Westdeutschland zu empfangen, bis hinein ins „Tal der Fernseh- und Ahnungslosen“ bei Dresden.

Der politische Weg dahin war lang: Viele Jahre lieferte  sich Bundeskanzler Konrad Adenauer mit den Ministerpräsidenten föderale Hickhackkämpfe, weil bis dahin der Rundfunk ganz klar Ländersache war. Adenauer waren Bundesmedien aber ein besonderes Anliegen. Seine Pläne für ein Deutschland-Fernsehen stoppte das Verfassungsgericht, Bundesradio war aber erlaubt. Im Dienste der Wiedervereinigung.

Wie kein anderes Medium hat der Deutschlandfunk in der alten Bundesrepublik dazu beigetragen, über Mauer und Stacheldraht hinweg eine einigermaßen gemeinsame deutsche Öffentlichkeit zu schaffen, einen Resonanzraum für ein geteiltes Land und seine geteilte Geschichte. Und nebenbei brachte der DLF der Branche so manche Neuerung näher: Er war der erste Sender mit regelmäßigem Verkehrsfunk und Pionier beim Einsatz des Verkehrspiepsers im Autoradio. Auch die hierzulande lange Zeit eisern verteidigte Trennung von E- und U-Musik gaben die Kölner früh auf – etwa mit der Sendung „Klassik, Pop et cetera“, in der seit rund 40 Jahren Politiker, Künstler, Philosophen und viele mehr den Hörern ihre Lieblingslieder vorspielen.

Und dann, nach der Wiedervereinigung 1990, drohte ausgerechnet dem Deutschlandfunk das Aus. Mission erfüllt. Mit der Einheit stand der Sender ohne Auftrag da. Aber nach einigem Hin und Her einigten sich neue und alte Länder 1994 darauf, den Deutschlandfunk mit dem ehemaligen DDR-Deutschlandsender und dem Rias Berlin als Deutschlandradio unter dem öffentlich-rechtlichen Dach von ARD und ZDF weiterzuführen – erweitert um die Spartensender Deutschlandradio Kultur und den neuen Digitalsender DRadio Wissen.

Die Fusion ist eine kleine Erfolgsgeschichte. Der Deutschlandfunk ist heute die von Medien am häufigsten zitierte Radiostation, was angesichts des souverän-sachlichen Angebotes von Sendungen wie „Informationen am Morgen“ nur folgerichtig ist. Keine Frühstückscomedy, keine besten Hits, keine Schnäppchenwerbung. Stattdessen aufrüttelnde Reportagen und mal unterhaltsam, mal hartnäckig geführte Politikerinterviews. Es gibt keinen besseren Wachmacher als Heiner Geißler, wenn er in aller Frühe zu erklären versucht, inwiefern „Stuttgart 21“ auch eine Art „totaler Krieg“ ist.

Dass die Kölner sich auch abseits der aktuellen Tagesthemen zu bewegen wissen und ein feines Gespür für gesellschaftliche Trends haben, ist zum Beispiel bei der Studentensendung „Campus und Karriere“ nachzuhören und im morgendlichen Magazin „Europa heute“.
Mit 80 Prozent weist der Sender einen bemerkenswert hohen Wortanteil auf. Aber nicht trotzdem, sondern eher deswegen punktet der DLF mit hoher Programmqualität. Und Intendant Willi Steul hat angekündigt, dass bald noch mehr geredet wird. Wann denn, fragt man sich angesichts der Wortfülle von morgens bis abends. Nachts, sagt der Intendant. Da soll das Informationsangebot ausgebaut werden. Für all jene, die da im Auto unterwegs sind. Und für diejenigen, die nicht schlafen können.

Fraglich, ob nun die informationsbegierigen Nachtschwärmer so viele an der Zahl sind, dass sie dem Sender eine breitere Öffentlichkeit verschaffen könnten. Denn Qualität hin oder her: Es sind nur 1,53 Millionen Menschen, die täglich Deutschlandfunk hören. Aber jährlich werden es ein bisschen mehr, und wenn es etwas gibt, das einen das Leben nach 50 Jahren gelehrt haben sollte, dann ist es Geduld.