Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV „Die Akte Lindenberg: Udo und die DDR“ läuft in der ARD
Nachrichten Medien & TV „Die Akte Lindenberg: Udo und die DDR“ läuft in der ARD
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:28 12.01.2011
Von Dirk Schmaler
Eine ARD-Doku mit Reinhold Beckmann rekonstruiert den Auftritt von Udo Lindenberg 1983 in Ost-Berlin. Quelle: dpa
Anzeige

Der Plan passt auf eine weiße Tischdecke. Zwischen Gläserrändern und Fettflecken notierte Udo Lindenberg darauf angeblich 1973 den Masterplan für die ganz große Karriere. So berichtete es gerade – wohl nicht ganz ernst gemeint – die „Bild“-Zeitung. Neben der Regel „Nie nüchtern auf die Bühne (ab 1,2 Promille, check Band, Röhrchen blasen, von Polizei besorgen)“ und „Hut?“ steht dort unter Punkt acht der Satz: „DDR kümmern.“ Udo Lindenberg hat sich gekümmert. Mehr als ein Jahrzehnt bemühte er sich einst darum, in der DDR aufzutreten. Er wollte da spielen. Im Palast der Republik. Und das schaffte er.

In der einstündigen ARD-Dokumen­tation „Die Akte Lindenberg: Udo und die DDR“ (heute, 23.30 Uhr) wird die lange Geschichte dieses einzigartigen Auftritts 1983 in Ost-Berlin neu erzählt. Einer der beiden Autoren ist Allzweckmoderierer Reinhold Beckmann, der damals als junger ARD-Kameraassistent und Tonmann dabei war. Zu Anfang des Films sagt die vertraute Stimme: „Die wirkliche Geschichte dieses Auftrittes wurde noch nicht erzählt.“ Das ist vielleicht etwas dick aufgetragen. Dennoch ist der Film hochinteressant, für Lindenberg-Fans und DDR-Interessierte gleichermaßen. Beckmann und Mitautor Falko Korth haben für den Film die Stasi-Akten ausgewertet und mit vielen Beteiligten aus Ost und West gesprochen.

Anzeige

Lange Zeit schien es nicht so, als käme der symbolträchtige Auftritt je zustande. Zu schnodderig war der Sänger, zu bürokratisch-totalitär das DDR-Regime. Schon 1976 heißt es in Stasi-Akten über Udo Lindenberg, er sei ein „mittelmäßiger Schlagersänger“ und deshalb für die DDR nicht interessant. Und drei Jahre später lehnte DDR-Chefideologe Kurt Hager ein Auftrittsgesuch Lindenbergs mit den Worten ab: „Auftritt in der DDR kommt nicht infrage!“
Erstaunlicherweise beginnt das Ende dieser Eiszeit ausgerechnet durch eine Provokation. Lindenberg schreibt 1983 ein Lied, in dem er sich direkt an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich ­Honecker, den „Honnie“, wendet. Der Apparat reagiert umgehend auf den „Sonderzug nach Pankow“ und berichtet in einem Vermerk von einem Lied aus dem Westen, das „herabwürdigende Äußerungen gegen den Genossen Erich Honecker enthält“.

In diesem Jahr beginnt die Zeit der Geheimdiplomatie. Der West-Berliner Michel Gaißmeyer fungiert als Unterhändler und formuliert einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden. Lindenberg erinnert sich an die diplomatischen Fähigkeiten Gaißmeyers: „Ich hätte geschrieben: Ey, Honnie, keine Panik!“, sagt Lindenberg. Doch Gaißmeyer weiß es besser und macht aus dem Udo-Sprech ein diplomatisches Anschreiben: „Es sollte keine Provokation sein, aber auch keine Anbiederung“, erinnert sich Gaißmeyer. Er schlägt vor, Lindenberg auf einem FDJ-Friedensfest im Palast der Republik spielen zu lassen.

Der Brief kommt gut an – auch, weil Lindenberg sich zuletzt in der Friedensbewegung systemneutral engagiert hatte. Er hatte sich nicht nur gegen die sowjetischen, sondern auch gegen amerikanische Atomraketen ausgesprochen.

Beseelt von dem in Aussicht gestellten Propagandaerfolg eines Lindenberg-Auftritts, scheint sogar Honecker selbst über seinen Schatten zu springen. Egon Krenz berichtet, dass Honecker ihn 1983 fragte, wer denn dieser Lindenberg sei, von dem er einen Brief bekommen hatte. Krenz antwortete: „Der der Likörchen mit Ihnen trinken will.“ Honecker erwiderte: „Ach, der, der mich Honnie nennt.“ Die Atmosphäre ist entspannt.

Am 25. Oktober 1983 hat es Udo Lindenberg geschafft: Er darf beim FDJ-Friedensfest auftreten. Vier Lieder darf Lindenberg vor den ausgesuchten, staatstreuen FDJ-Jugendlichen spielen, die wahren Fans werden derweil vor der Tür von der Stasi in Schach gehalten. Einige landen im Gefängnis und werden zusammengeschlagen, wie ein Augenzeuge im Film berichtet. Zu Wort kommt auch Egon Krenz. Von einem Stasi-Einsatz habe er nichts gewusst, sagt er dünnhäutig. „Sie fragen mich immer Dinge, über die ich nichts wissen kann.“

Der Film zeigt auch, wie sehr Geschichte doch von Interpretationen lebt. So will sich Lindenberg heute noch nicht zu der Erkenntnis durchringen, er könnte von der DDR-Propaganda missbraucht worden sein. „In keinster Weise“ fühle er sich benutzt, sagte er. Einzig sein damaliger Bassist Karl Georg Stephan sagt, man habe sich wohl naiv vor den Karren der DDR-Führung spannen lassen.

Lindenberg spielte auch deshalb, weil ihm für das Folgejahr eine DDR-Tournee versprochen worden war. Nur interessierte diese schwer erkämpfte Zusage Monate später in Ost-Berlin niemanden mehr. Lindenbergs Tournee quer durch den Arbeiter-und-Bauern-Staat wurde kurzerhand abgesagt.

Er musste sich noch Jahre gedulden, bis er das nächste Mal in der DDR spielen konnte. Es war kurz nach dem Mauerfall. Manche Fans sind noch heute davon überzeugt, dass der Panik-Rocker daran seinen Anteil hatte. Der Film gibt sich – wohl zu Recht – wenig Mühe, diesen ­Mythos zu widerlegen.

„Die Akte Lindenberg:
Udo und die DDR“ | ARD
Dokumentation mit Reinhold Beckmann
Donnerstag, 23.30 Uhr