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Medien & TV „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“ läuft am Montag im ZDF
Nachrichten Medien & TV „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“ läuft am Montag im ZDF
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17:55 08.05.2011
Von Simon Benne
Die Hebamme Rosa Koelbl (Brigitte Hobmeier) hat sich mit dem Pfarrer ihres Dorfes (Karl Fischer) angelegt. Quelle: ZDF
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So ein Tiroler Bergdorf des Jahres 1813 muss man sich als einen einzigen Abgrund an Bigotterie und Bosheit vorstellen. Der Pfarrer ist hartherzig, die Bauern sind stumpf, das Leben ist schmutzig. Bei den Geburten, zu denen die Hebamme Rosa gerufen wird, ersetzt Gottesfurcht die Reinlichkeit. Außerdem prügeln Männer schwangere Frauen. Männer zwingen Wöchnerinnen zur Stallarbeit. Männer machen Mägden Kinder, um sie hernach zu verleugnen. Überhaupt gibt es im ganzen Film „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“ keinen guten Mann und keine schlechte Frau. An dieser Stelle ist das Historiengemälde mit etwas grobem Pinselstrich gemalt. Dennoch ist Regisseurin Dagmar Hirtz eine bemerkenswerte Mischung aus Heimatfilm und Wissenschaftsdrama gelungen.

In ruhigen, langsamen und farbenprächtigen Bildern erzählt sie die spannende Geschichte der Hebamme Rosa. Als deren junge Schwester ein uneheliches Kind erwartet und im Dorf angefeindet wird, flieht Rosa mit ihr in die Stadt. Sie kommt in der neu gegründeten Gebäranstalt des Arztes Gennaro Kauner (Misel Maticevic) unter. Bedürftige Frauen können dort ihre Kinder unter ärztlicher Betreuung zur Welt bringen. Zugleich dienen sie Studenten als lebende Lehrobjekte.

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Rosa fällt auf, dass häufig solche Frauen im Kindbett sterben, deren Babys noch im Mutterleib mit einer schmutzigen Spritze die Nottaufe bekommen haben. Ein Konflikt mit rückständigen Kirchenmännern bahnt sich an. Doch der Film erzählt nicht nur vom Wettstreit zwischen Aberglaube und Aufklärung, sondern auch von dem zwischen alter Heilkunde und neuer Schulmedizin – und vom Wettstreit zwischen weiblicher Erfahrung und männlichem Dünkel.

Heute weiß jeder Patient, dass eine alte Krankenschwester mehr kann als ein junger Doktor, und die klügeren unter den jungen Doktoren wissen das auch. Anders Medicus Kauner: Er kann nicht ertragen, dass die ungebildete Rosa ihm handwerklich überlegen ist. „Kein Medicus muss sich vor einer Hebamme rechtfertigen!“, herrscht er sie an, als sie es im Kreißsaal wieder einmal besser weiß. Und der alte Medizinalrat (August Zirner) stöhnt: „Wir können so ein Weibsbild ja leider nicht mehr als Hexe verbrennen lassen.“

Ebenso selbstbewusst wie einfühlsam agiert Brigitte Hobmeier als Hebamme in solchen Konflikten. Zerbrechlich wirkt sie und zugleich bemerkenswert stark. Ihr schmales Gesicht nimmt sich aus, als hätte jemand ihre Züge direkt aus einem alten Ölgemälde in den Film kopiert.

Als Frauen in der Gebäranstalt für medizinische Experimente missbraucht werden, geht sie auf die Barrikaden. Der Medicus steht unter großem Erfolgsdruck, er will als Forscher Karriere machen. Ohne Not erprobt er die riskante Kaiserschnitt-Methode an einer Gebärenden, die darauf stirbt. Ein Menschenopfer auf dem Altar wissenschaftlichen Fortschritts und ärztlicher Eitelkeit. So erzählt der Film nicht nur von Aufklärung und Fortschritt, sondern auch von deren Versuchungen und Fallstricken. Ärzte ohne Grenzen – ein zeitloses Thema.

Der Kampf der mutigen Hebamme gegen den ehrgeizigen Medicus führt allerdings etwas holzschnittartig vor, dass gutherzige Kräuterweiblein den arroganten Medizinmännern kraft menschlicher Größe überlegen sind. Und dass Frauen vom Geheimnis des Lebens überhaupt irgendwie mehr verstanden haben als Männer. Das ist dann doch nicht minder archaisch als der Bergbauernaberglaube – und vielleicht der einzige Makel in diesem unaufgeregten und vielschichtigen Drama.