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Medien & TV „Die Krise ist großartig für Journalisten“
Nachrichten Medien & TV „Die Krise ist großartig für Journalisten“
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23:16 26.03.2009
Von Stefan Stosch
Stefan Aust sieht in der Krise eine Chance für Journalisten. Quelle: Kris Finn
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Herr Aust, Sie sind auf Lesetour mit Ihrem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ in Hannover. Die überarbeitete Auflage ist bereits im vorigen Herbst erschienen, der dazugehörige Film schon lange wieder raus aus dem Kino. Wieso kommen Sie nicht los vom RAF-Terrorismus?

Manche behaupten, ich hätte die Hälfte meines Lebens damit verbracht. Ich habe mal nachgerechnet: Es sind sogar zwei Drittel meines Lebens seit Mitte der sechziger Jahre. Aber ich habe zwischendurch auch noch ein paar andere Sachen gemacht.

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Viereinhalb Regalmeter RAF-Akten sind noch nicht freigegeben, Beamte noch zum Schweigen verpflichtet. Rechnen Sie noch mit Sensationen?

Für mich gibt es noch einen weißen Fleck, nämlich die Frage, ob die Gefangenen in ihren Zellen während der Hanns-Martin-Schleyer-Entführung abgehört wurden. Entweder durch eingebaute Wanzen – die es gab, auch in den Wohnzellen – oder über das von den Terroristen aufgebaute Kommunikationssystem, das die Bewacher gekannt haben dürften.

Das klingt doch sehr nach Abhören.

Ich will das nicht behaupten. Die Anlagen waren da, aber ich kann es nicht beweisen. Es gibt auch ein paar Leute, die mehr darüber wissen. Die müssen jetzt nur noch aussagen dürfen.

Und wenn Sie demnächst was Tolles herauskriegen: Werden Sie das dann im „Spiegel“ vorabdrucken?

Warum nicht? Wenn der „Spiegel“ die Geschichte haben will. Aber vielleicht will ja auch die ARD sie haben.

Ihre Verbindungen zum „Spiegel“, der Sie Ende 2007 vor die Tür gesetzt hat, sind also noch immer gut?

Meine Beziehungen zur neuen Chefredaktion sind gut. Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo sind zwei sehr gute Leute, die kenne ich seit Jahren. Die habe ich auch ganz wesentlich gefördert. Auch aus meiner Sicht waren das zwei Kandidaten für meine Nachfolge. Mit den meisten Kollegen beim „Spiegel“ habe ich keine Probleme.

Als Sie gehen mussten, wurde das mit einem notwendigen Modernisierungsschub begründet? Haben Sie den Schub schon registriert beim „Spiegel“?

Nee, Sie? Ich will mich jetzt aber nicht über meine Nachfolger äußern. Der „Spiegel“ ist nach wie vor eine erstklassige Zeitschrift, gar keine Frage. Es ging damals auch nicht wirklich um Modernisierung. Ich würde mal behaupten, dass sich der „Spiegel“ viel stärker verändert hat, als ich ihn 1994 als Chefredakteur übernommen habe.

Haben Sie ein bisschen Angst um den „Spiegel“, jetzt in der Wirtschaftskrise, die ja auch eine Medienkrise ist?

Ich habe denen ja keinen Schrotthaufen überlassen. Das war ein gut funktionierendes Blatt mit stabiler Auflage und in hoher Qualität. In 13 Jahren sind uns keine größeren Pannen unterlaufen. Nicht Bad Kleinen und nicht die Hitler-Tagebücher, um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Und die Kollegen haben großes Glück, jetzt in der Krisenzeit das Blatt machen zu dürfen.

Moment mal, wieso ist das ein Glück?

Es gibt für Journalisten nichts Besseres als krisenhafte Zeiten.

Aber die Journalisten sind doch bei ihrer Arbeit selbst von der Krise betroffen.

Das ist sicherlich unangenehm für das finanzielle Ergebnis, aber das interessiert mich nur sekundär. Journalistisch gesehen sind das großartige Zeiten. Da bin ich richtig neidisch.

Wie sehen Sie denn die Entwicklung der Presselandschaft insgesamt? Alle reden vom Qualitätsjournalismus – gleichzeitig wird in einigen Häusern bitter gespart.

Es ist doch klar, dass ein Medium in den schwarzen Zahlen bleiben muss. Die Basis der Freiheit der Berichterstattung ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wenn die Anzeigenerlöse und die Abo-Zahlen zurückgehen, muss jeder Verleger sparen. Das hat nicht unbedingt einen Qualitätsverlust zur Folge, kann es aber haben. Alles ist besser als betriebsbedingte Kündigungen. Dann können Sie nicht mehr selbst aussuchen, wen Sie entlassen. Dann geht es nicht mehr nach Qualifikation. Dann können Sie zumachen. Sparen mussten wir in schwierigeren Zeiten beim „Spiegel“ ja auch. Dann wurde eben Economy und nicht Business geflogen, wenn es nach Indien ging.

Immerhin sind Sie noch nach Indien geflogen. Was muss man tun, um neue Leser zu erreichen, vielleicht sogar junge Leser?

Wenn das nur mit dem Internet geht, dann muss man das eben auf diesem Weg machen. Beim „Spiegel“ haben wir zu einem sehr frühen Zeitpunkt, nämlich vor 20 Jahren, angefangen, Internet zu machen. Das bringt in der Zwischenzeit auch Geld. Andererseits: Wenn man sieht, wie viel der „Spiegel“ da reingesteckt hat … Das Problem ist, dass man den Leuten von Anfang an beigebracht hat, dass Internet kostenlos ist – anders ging es gar nicht. Jetzt muss man ihnen angewöhnen zu zahlen. Es kann nicht sein, dass die Zeitungen und Zeitschriften immer weniger Geld einnehmen und immer mehr Geld ausgeben, um kostenlos ihre Inhalte unters Volk zu streuen.

Wobei Sie ja wieder Fernsehen machen. Vor Kurzem sind Sie mit 50 Prozent bei der Produktionsgesellschaft Agenda Media GmbH eingestiegen. Was planen Sie?

Das nächste Projekt ist ein ZDF-Film über die Linkspartei – also die Entwicklung von der SED über die PDS zur Linkspartei. Der soll rechtzeitig vor der Bundestagswahl gesendet werden.

Vor der Wahl übernehmen Sie noch einen anderen Job: Sie machen für SAT.1 eine Talkshow zusammen mit Sabine Christiansen. Wieso diese Konstellation?

Ich kenne Sabine seit vielen, vielen Jahren. Jetzt machen wir fünf Sendungen. Wir planen eine Gesprächssendung mit den Spitzenleuten der Parteien unter Beteiligung von Publikum.

Klingt irgendwie nach „Sabine Christiansen“ am Sonntagabend in der ARD, nur mit Aust.

Na, ein bisschen anders wird es schon aussehen. Ich will jetzt nicht alle Details verraten. Allerdings: Neu erfinden werden wir das Fernsehen auch nicht.

Die Kanzlerin hat sich am vorigen Sonntag wacker geschlagen in der Talkshow von Anne Will. Wird Angela Merkel auch in Ihrer Sendung sitzen?

Das wollen wir doch hoffen.