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Medien & TV Die Modebranche entdeckt Youtube
Nachrichten Medien & TV Die Modebranche entdeckt Youtube
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14:29 09.05.2011
Von Hannah Suppa
Schau her, ein Schuh. Lamiya präsentiert als "The Dorient" ihre gekauften Pumps. Quelle: YouTube
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Lamiya Slimani war kürzlich shoppen. Als sie nach Hause kam, sortierte sie ihre Sachen nicht aus den Einkaufstüten in den Schrank, sondern setzte sich vor die Webcam und zeigte ihre Beute: eine beige Chino-Hose von Zara, Lackpumps von Buffalo, künstliche Wimpern von Claire’s. 13 Minuten geht das Video. Sie erzählt, wo sie die Dinge gekauft hat und warum. Knapp 60 000 Internetnutzer haben sich das bereits angeguckt. „Haul“-Videos wird die Onlinepräsentation der Einkäufe genannt, zu Deutsch: Raubzug.

Seit einiger Zeit häufen sich auf YouTube die Videos von jungen Frauen, die ihre Einkäufe filmen, Schminktipps geben oder Produkte bewerten. „Das ist in Deutschland ein neues Phänomen, in den USA gibt es diesen Trend bereits seit etwa zwei Jahren“, sagt Gerald Lembke, Professor für Medienmanagement an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

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Es gibt kaum etwas, was die Frauen nicht in die Kamera halten. Schuhe, Salat, Vitaminwasser, Glitzernagellack. Es ist das Onlineäquivalent zum Nachmittagsplausch mit der Freundin über die Shoppingausbeute. Lamiya, die sich online „The Dorient“ nennt: „Ich liebe es, meine Erfahrungen und Tipps mit meinen Zuschauerinnen zu teilen“. Neben den „Hauls“ bewertet die 23-Jährige in Videoform Kosmetikprodukte oder zeigt, wie man Lidschatten am besten aufträgt. „Du inspirierst mich total“ oder „Ich will deine kleine Schwester sein“ antworten ihre Zuschauer.

Doch das, was ursprünglich als netter Tipp der „Online“-Freundin gedacht war, erntet zunehmend Kritik. Von versteckter Werbung ist die Rede und von gekaufter Meinung. „Es passiert schon, dass Kosmetik- und Bekleidungsunternehmen den Mädchen ihre Produkte zur Verfügung stellen, damit sie online getestet und präsentiert werden“, berichtet Prof. Lembke. Diesem Vorwurf ist derzeit die YouTuberin BeautyPeachiii ausgesetzt. Auf ihrem Videokanal gibt Maren Merkel von ihrem rosa Zimmer aus Schminktipps und testet Kosmetika – unter den Videos sind Kommentare wie „Man kann Dir nicht mehr glauben“ zu lesen. Nun erklärte sich das blonde Mädchen in der YouTube-Öffentlichkeit. Sie bekomme zwar einige Produkte zugeschickt, sage aber stets ihre ehrliche Meinung. Sponsoring sei ganz normal, rechtfertigt sich BeautyPeachiii.

Auch Lamiya Slimani, im Hauptberuf Musik- und Medienmanagmentstudentin, bekommt Produkte von Firmen zur Verfügung gestellt. „Mal teste ich Make-up oder auch Jeans – aber ich behalte mir immer das Recht vor, die Produkte nicht vorzustellen, wenn sie meiner Meinung nach nicht gut sind. Oder ich sage im Video, dass das Produkt mich nicht überzeugt“, sagt sie. Sowohl Lamiya als auch Maren luden die Firma L’Oréal in diesem Jahr zur Berlinale ein – auch hier entzündete sich Kritik. Jasmin Arensmeier, die den Modeblog „tea & twigs“ betreibt und auch YouTube-Videos dreht, steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber. Solche Angebote lehne sie ab, sie verlose die Produkte unter ihren Lesern und Zuschauern. „Werbung sollte gekennzeichnet werden. Offenheit und Ehrlichkeit sind für die Unternehmen genauso wichtig, wie für die YouTuber. Seine Glaubwürdigkeit kann man sich nicht zurückkaufen“, sagt die 24-Jährige.

Für Unternehmen aus dem Kosmetik- und Kleidungsbereich sind die umtriebigen YouTuberinnen dennoch eine neue Werbeplattform. „Nirgends im Internet wird seit Jahren so viel Geld verdient wie im Bekleidungsbereich“, sagt Prof. Lembke. Es sei in der Branche ein Umdenken im Gange, „dialogorientierte Werbung ist da ein neues Paradigma, das hatten sie vorher verpennt“. Das heißt: Die Firmen nutzen die Social-Media-Nutzer als Multiplikatoren.

Lamiya hat pro Video im Durchschnitt zwischen 50 000 und 150 000 Klicks, alle ihre Videos wurden insgesamt 6,9-Millionen Mal angeschaut. Damit ist sie noch kein YouTube-Star, aber immerhin wurde sie ins Partnerprogramm des Unternehmens aufgenommen. So wird sie an den Werbeeinnahmen durch die in den Videos eingeblendeten Anzeigen beteiligt, auch der eigene Videokanal hat so ein verbessertes Design. Doch wie viel Geld dadurch wirklich bei den YouTubern ankommt, darüber will niemand gerne sprechen. „Das sind Peanuts, da wird man kein Millionär. Wenn man es gut macht, sind es ein paar Hundert Euro im Monat. Die Motivation der Mädchen liegt woanders“, sagt Lembke.

Es gehe ihnen darum, sich in ihrer Peer-Group, in einer Gruppe von Gleichaltrigen, zur Schau zu stellen und sich eine größere Reputation zu erarbeiten, sagt der Experte. In den USA fällt der Darstellungsdrang zuweilen größer aus – und bringt viel Geld ein. Die Schwestern Blair und Elle Fowler aus Tennessee sind erfolgreiche „Haulerinnen“ – die jungen Frauen werden inzwischen von einer Agentin betreut, auch eine MTV Reality Show sollen sie in den USA bekommen. Die „New York Times“ berichtete im vergangenen Jahr darüber, dass ein Hersteller von Selbstbräuner 4000 Dollar für ein Video der beiden bezahlt haben soll. Inzwischen gibt es gegen die YouTuberinnen gar eine Internetseite: „Die Wahrheit über Elle und Blair“ ist sie betitelt.