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Medien & TV Die „NDR Talk Show“ feiert jetzt ihren 30. Geburtstag
Nachrichten Medien & TV Die „NDR Talk Show“ feiert jetzt ihren 30. Geburtstag
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21:29 26.02.2009
„Berieselung auf hohem Niveau – in besseren Momenten“: Die aktuellen Talk-Show-Gastgeber Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt. Quelle: NDR
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Wer in der Medienrepublik Redebedarf verspürt, der braucht längst keinen Psychiater mehr; das Fernsehen hat die weicheren Sofas. Und wer dabei noch was zu verkaufen hat, für den sitzt es sich am besten in einer Talkshow, dem Kerngebiet des TV, die PR-, Pöbel-, Prominenz-, Palavermaschine schlechthin. Eines ihrer Vorzeigeexemplare feiert heute seinen 30. Geburtstag: die „NDR Talk Show“. Gut, die dienstälteste Quasselrunde „3 nach 9“ aus Bremen ist ein paar Jahre älter. Aber wer mag noch unterscheiden zwischen den Platzhirschen?

Die „NDR Talk Show“ sei „Berieselung auf hohem Niveau“, wie der „Spiegel“ mal attestierte. Klingt freundlich, wäre da nicht die Einschränkung: „in besseren Momenten“. Und die werden seltener. Mehr als 86 Moderatoren hat das Fossil verschlissen, darunter journalistische Schwergewichte wie Dagobert Lindlau, Wolf Schneider, Hermann Schreiber und Jobst Plog und höfliche Plaudertaschen wie Julia Westlake oder Carlo von Tiedemann. Aber seit Jörg Pilawa ab 2001 für sieben Jahre die Couch blockierte, wurde doch mehr artig gelächelt als kulturvoll gestritten. Und so verkörpert die „NDR Talk Show“ auch eine Tendenz: Das Genre ist ausgelaugt.

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Wo ein Kerner regiert, wo Politpropaganda ungefiltert aus Moderatorenmündern rauscht, wo Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt in ihrer ersten „NDR Talk Show“ vor Jahresfrist ohne zu erröten das Quartett Lafer – Lichter – Mross – Hertel begrüßten, da fragt sich die intellektuelle Randgruppe: Wie soll man so noch guten Gewissens auf die nachmittäglichen Radaurunden bei den Privaten schimpfen?

Ein Blick zurück: „Das Ganze, es ist eine Rederei“ – so hübsch wohnzimmerig hatte Dietmar Schönherr seine Sendung „Je später der Abend“ im WDR angekündigt, Deutschlands Antwort auf das US-Talk-Format. 1973 war das, als man im Studio noch rauchte, „gnädige Frau“ sagte und überhaupt sehr höflich war. Seither sind Ricky, Schreinemakers, Fliege, Christiansen, Friedman, Arabella, ja selbst Boris Becker über uns gekommen – und stets gilt das Prinzip maximaler Polarisierung.

Das Ganze, so sagte „3 nach 9“-Frontfrau Amelie Fried, die demnächst als Elke-Heidenreich-Nachfolgerin ins ZDF wechselt, „funktioniert nach dem Kasperletheaterprinzip: Alle Typen müssen vertreten sein“. Nur so, ergänzt Kollegin Schöneberger (34), könne man „generationsübergreifend Zuschauer erreichen“. Die Zeit der Skandale ist nach Ansicht von Meyer-Burckhardt vorbei. „Das Publikum ist liberaler geworden oder, negativ gesagt, immuner“, sagte der 52-Jährige.

Die Programmmacher versuchen seit 36 Jahren ihr Glück: kein Thema, das nicht TV-tauglich wäre, keine Exzesse, die nicht ihr Forum erhielten, kaum ein Selbstdarsteller, der nicht wegen Faulheit oder Intimpiercings auf dem Bildschirm landen könnte. Dennoch wird die Talkshow, nicht nur die des NDR, vom Publikum, den Medien, der Kritik noch immer als eher bedeutend angesehen.

Der Skandal ist seit Jahren Geschäftsgrundlage, davor machte auch die NDR-Variante nicht halt. Das Format ging am 9. Februar 1979 in der damaligen Hamburger Szenekneipe „Onkel Pö“ an den Start. Blanke Busen gab es zu sehen, man zoffte und versöhnte sich, besonders Klaus Kinski und Alida Gundlach – mit 220 Sendungen in 17 Jahren Rekordhalterin unter den Moderatoren – in einem legendären Intermezzo, in dem sich Kinski („Ich bin nur zurückgekommen, weil ich dich von hinten gesehen habe“) auch mal nach ihrer Unterwäsche erkundigte.

Margot und Maria Hellwig schenkten selbst gemachten Eierlikör aus, Klaus Löwitsch verließ beim Anblick seiner Exfreundin Barbara Valentin das Studio, Abtreibungsgegnerin Karin Struck schleuderte ein Weinglas ins Publikum, und Hafenstraßenbesetzer stürmten die Talkrunde, als diese in der Fischauktionshalle gastierte. Und – jawohl – auch in der „NDR Talk Show“ strippten Männer. Man vergisst das ja schnell. Manche Skurrilität ist heute Abend im Anschluss an die Livesendung im zweistündigen Spezial „NDR Talk Show Classics“ zu sehen. 1992 erzählte eine kurzhaarige Angela Merkel in Strickjacke, dass Bonn ein glattes Parkett sei. Und Rio Reiser berichtet 1995 von seiner „tiefen Freundschaft zwischen der Bereitschaftspolizei und uns“.

Wie mächtig ist TV-Talk? Aus Angst vor Systemkritik gab es in der DDR bis 1989 keine Live-Talkshow. Erst Wochen vor der Maueröffnung startete das Jugendfernsehen „elf99“ mit „sams-Talk“ einen Versuch. Damals, erinnert sich der erste Moderator Hellmuth Henneberg, „herrschte im Fernsehen die blanke Anarchie“. Davon ist nichts mehr zu spüren. Die „NDR Talk Show“ ist zahmer denn je. Zur Jubiläumssendung kommt neben James Last, Cordula Stratmann, Verona Pooth, Sandra Maischberger und Sasha auch Hans-Dietrich Genscher. Schöneberger und Meyer-Burckhardt werden mit ihm über Pullunder reden.

von Jan Freitag