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Medien & TV Die Nacht von Paris in den deutschen Medien
Nachrichten Medien & TV Die Nacht von Paris in den deutschen Medien
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00:15 18.11.2015
Von Imre Grimm
Matthias Opdenhövel (li.) und Mehmet Scholl wollten eigentlich ein schönes Fußballspiel moderieren. Quelle: dpa
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Hannover

Irgendwann, als die Absurdität der Situation und das Grauen ringsum ihn zu überwältigen drohen, will Matthias Opdenhövel keine weiteren Spielberichte mehr ansagen. Nicht heute, nicht in dieser entsetzlichen Nacht. „Kein Wort über Fußball“, sagt der ARD-Sportmoderator in die Kamera. Und entschuldigt sich dann: „Wir zeigen es Ihnen nur, um Zeit zu gewinnen für mehr Infos.“

Bitte, hieß das – erlöst uns von dieser Zeitschinderei. Hamburg, die „Tagesschau“, die Nachrichtencrew, soll endlich übernehmen. Nur Schluss mit diesem bizarren Spagat vor Millionen wartenden, verwirrten, entsetzten Zuschauern. Mehmet Scholl steht neben ihm, hat Tränen in den Augen. Nein, ein solches Szenario hat es noch nicht gegeben.

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Tapferer, aber hilfloser Tom Bartels

8,78 Millionen deutsche Zuschauer werden live Zeugen eines Terroranschlags. Der erste Knall um 21.20 Uhr, in der 17. Minute des Länderspiels. Noch einer. Noch einer. Eine routinierte Fußballübertragung verwandelt sich schleichend in eine reale Tragödie. Mehr als eine Stunde lang schwankt Kommentator Tom Bartels tapfer, aber hilflos, zwischen Weitermachen und Kapitulation. Mehr als eine Stunde lang kommentiert er ein sinnlos gewordenes Sportereignis, während er gleichzeitig versucht, die dürren Fakten in eine Fußballreportage einzuflechten.

Das Ergebnis ist eine absurde Mischform aus Terror und Toren. Flanke von Gomez, es soll Tote gegeben haben, Neuer hält, jetzt der Konter, Hollande hat das Stadion verlassen. „Es widerstrebt einem ja alles“, sagt Bartels mittendrin. Es war der härteste Job, der an diesem Abend in den deutschen Medien zu vergeben war. „Das war eine perverse Situation“, wird er am Tag danach sagen. „Ich war überfordert. Es war grausam. Mir haben die Knie gezittert. Ich wollte nur, dass es zu Ende geht. Man wünscht sich, irgendwie erlöst zu werden.“

Mehr als eine Stunde lang kommentiert Tom Bartels ein sinnlos gewordenes Sportereignis, während er gleichzeitig versucht, die dürren Fakten in eine Fußballreportage einzuflechten. Quelle: dpa

Sie haben ihr Bestes gegeben, und das war viel. Respekt für diesen Balanceakt. Keine Redaktion der Welt konnte mit einer solchen Barbarei rechnen. Und doch muss man fragen, ob Bartels‘ Erlösung zu spät kam. Ob ein mächtiges System wie die öffentlich-rechtliche ARD nicht eine Nachrichtenredaktion im dauerhaften Stand-by-Modus bräuchte, statt ihre traumatisierte Sportcrew so lange improvisieren zu lassen.

Erst deutlich nach Mitternacht fand die ARD zu planvoller, routinierter Berichterstattung mit einem besonnenen Thorsten Schröder als Anchorman. Da hatte bei CNN längst Barack Obama gesprochen und Marietta Slomka im ZDF in einer ausführlichen Sondersendung behutsam die Lage analysiert. ARD-Chefredakteur Kai Gniffke erklärte am Wochenende, warum die Sportkollegen so lange auf Sendung blieben: „Weil viele Beobachter davon ausgegangen sind, dass das Stadion Schwerpunkt des Geschehens ist.“ Kein Grund, Unterstützung zu schicken? ARD-intern wird es mächtig rauchen.

Erfahrener Anchor hat therapeutische Funktion

Die richtige Balance zu finden zwischen Besonnenheit und Besessenheit ist das täglich Brot jedes Mediums. Und natürlich ersetzt Tempo keine Tiefe. Journalismus braucht Zeit. Eine Lage wie in Paris klärt sich nicht in Minuten. Aber es geht gar nicht um sinnlose Schalten, um Nebelstocherei und simulierte Expertise. In Nächten wie diesen dient das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht nur als nüchterner Faktenlieferant. Sondern – noch immer – als Leuchtfeuer, als universales Rückversicherungsmedium und Kristallisationspunkt für eine Gesellschaft im Ausnahmezustand.

Ein erfahrener Anchor hat eine therapeutische Funktion. Er ist der Go-to-Guy, die Vertrauensinstanz in Krisenzeiten. Als die Schüsse auf John F. Kennedy fielen, war Walter Cronkite zehn Minuten später bei CBS auf Sendung. Das war 1963. Er wurde zum Trostspender der Nation.
Opdenhövel dankte per Twitter ironisch für die „Schlaumeierkritik aus Deutschland“. Aber der Shit-
storm bei Twitter richtete sich ja gar nicht gegen ihn. Selbst ARD-Verantwortliche schüttelten den Kopf. „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle twitterte: „Liebe Kollegen, bitte keine weiteren Spielberichte. Es gibt Wichtigeres!“ Auch Bartels sagte am Wochenende: „Sicher hätte man am Ende keine Spiele mehr zeigen sollen.“

Der Anspruch der „Tagesschau“ ist es seit jeher, gesicherte Fakten auf technisch hohem Niveau zu liefern. Das ist aller Ehren wert. Doch an diesem Abend gerät das alte Credo an ihre Grenzen. Quelle: Screenshot/ARD

Der Anspruch der „Tagesschau“ ist es seit jeher, gesicherte Fakten auf technisch hohem Niveau zu liefern. Das ist aller Ehren wert. Das Prinzip „Erst das Material, dann die Sendung“ ist Teil der DNA in Hamburg, wo man Skype für Teufelszeug, News-Helikopter für lächerlich und Emotionen für unprofessionell hält. An einem solchen Abend aber gerät das alte Credo an seine Grenzen. Nicht bloß, weil sich Nachrichtenredaktionen im Zeitalter von Second Screens mit einer schnell erregbaren Infoelite konfrontiert sehen, die sich dem Mainstream überlegen fühlt. Das Problem sind die unterschiedlichen Geschwindigkeiten von TV, Twitter, Agenturen. Und die Ansprüche auf beiden Seiten.

Die Echtzeit-Medienkritik, die in solchen Momenten regelmäßig Twitter flutet, dient oft als Übersprungshandlung. Nicht wenige lasten das eigene Entgrenzungsgefühl den Medien an, von denen sie sich sofortige Läuterung und Einordnung, quasi eine Instant-Katharsis, erhoffen, während andere vor Nulltextjournalismus und Aktionismus warnen. Wie hoch das Informationsbedürfnis war, zeigt eine simple Zahl: 9,14 Millionen sahen nach 23 Uhr die erste, dürre „Tagesschau“ – mehr als beim Fußballspiel zuvor.

Dauerhaft sendebereite News-Einheit fehlt

Seit dem 11. September 2001 – als im Ersten über Stunden die Elefanten über die Savanne trabten, während die halbe Welt schon nach New York geschaltet hatte – verfügt die ARD über eine klare Kommandokette, um das Programm zu unterbrechen. Doch was danach? Weiterhin tut sie sich schwer, in den Krisenmodus zu schalten. Das Fehlen einer 24/7-Taskforce, einer dauerhaft sendebereiten News-Einheit, wird schmerzlich sichtbar. Die „Tagesschau“-Maschinerie muss sich immer erst warm laufen, auf Temperatur gebracht werden wie eine alte Dampfmaschine. Und – Wochenende bei der ARD-Dienstplangestaltung heißt wirklich: Wochenende.

In den Wirren der Nacht von Paris werden Twitter und Facebook zum emotionalen Druckventil. Mancher tippt sich um Kopf und Kragen, instrumentalisiert den Terror für Anti-Flüchtlings-Reflexe, wie „Welt“-Autor Matthias Matussek. Er „schätze mal, der Terror in Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen in eine ganz neue frische Richtung bewegen“, schrieb er – mit einem Smiley am Ende. „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters nannte den zynischen Post „durchgeknallt“ und distanzierte sich „im Namen der ,Welt‘“.

Ein vermeintlicher FDP-Tweet („Merkels Willkommenskultur wird heute Abend in Paris beerdigt“), der Tausende empörte, stammte von einem nicht offiziellen Account. „Dieser Troll hat nichts mit der FDP zu tun“, schrieb FDP-Chef Christian Lindner. Facebook aktivierte – erstmals für ein Ereignis, das keine Naturkatastrophe war – seine Funktion „Safety Check“, mit der Nutzer Freunden schnell mitteilen können, ob sie in Sicherheit sind. Via Twitter fanden Hilfesuchende in Paris unter dem Hashtag #porteouverte privat Unterschlupf.

Wer dagegen die Spielzusammenfassung Schweiz gegen Slowakei sehen wollte – der war in der ARD genau richtig.

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