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Nachrichten Medien & TV Die Seelsorgerin der Nation tritt ab
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07:51 26.05.2011
Die amerikanische Showmasterin Oprah Winfrey feiert ihre letzte Sendung im Fernsehen. Sie ist eine der erfolgreichsten Entertainerinnen der Welt. Quelle: dpa
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„Amen“ sagt Superstar Madonna nach ihrem Bekenntnis: „Es ist kein Geheimnis, dass Oprah Millionen von Menschen inspiriert hat. Ich bin einer von ihnen!“ 13 000 Menschen im United Center in Chicago jubeln, weinen und beten. Das hier ist mehr als eine Abschiedsfeier für eine 25 Jahre lang erfolgreiche Talkshow. Das hier ist eher Gottesdienst als Gala. Wie ein Regenbogen überwölbt ein goldenes, halbiertes „O“ einen Teil der Bühne. Ein Buchstabe genügt. Er steht in den USA nicht nur für die Show, sondern für Fernsehsender und TV-Produktionsfirmen, für ein Frauenmagazin mit Millionenauflage, einen Buchklub, Fitness- und Ernährungsangebote sowie soziale Projekte von Atlanta bis Afrika.

Die Frau, die alle beim Vornamen nennen und die sich zwei Stunden lang so oft das Wasser aus den Augen wischt, dass man sich fragt, warum kein Taschentuchhersteller die Sendung sponsert, ist in den USA mehr als ein Fernsehstar. Die 57-jährige Oprah Winfrey war über Jahre die Seelsorgerin der Nation. Die Talkmeisterin (die es in Deutschland aber nur ins Nischenprogramm schaffte), gilt als eine der einflussreichsten Amerikanerinnen des vergangenen Vierteljahrhunderts.
Ihre Show, die in den USA meist zu einer Uhrzeit lief, wo man in den Deutschland naserümpfend das „Hausfrauenprogramm“ platziert, ist mit 4561 Sendungen und wöchentlich bis zu 40 Millionen Zuschauern die erfolgreichste Talksendung der USA gewesen.

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Oprah kennt jeder – und sie kennt jeden. Auch nach den Maßstäben des amerikanischen Prominentenzirkus war ihre dreiteilige Abschiedsshow in dieser Woche rekordverdächtig. Tom Cruise ist gekommen, der 2005 hüpfend auf Oprahs Sofa eine Liebeserklärung an seine heutige Ehefrau Katie Holmes machte. Sein Schauspielerkollege Tom Hanks spielte den Moderatoren. Madonna, Beyoncé, Stevie Wonder und Aretha Franklin waren mit von der Partie.

Auch der Komiker Jerry Seinfeld, die Basketballlegende Michael Jordan und Arnold Schwarzeneggers Nochehefrau Maria Shriver machten ihre Aufwartung. Oprahs Evangelium ist der Glaube an sich selbst: In Videoeinspielungen zum Abschied wurde sie quasi zur Wunderheilerin. Eine Frau aus Rhode Island berichtete, wie ihr eine Sendung geholfen habe, über den Verlust ihres Babys hinwegzukommen. „Ich habe die Kraft der Vergebung gelernt“, erzählte eine junge Amerikanerin aus Oklahoma, deren Mutter und beste Freundin von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurden.

Oprahs Talkshow war ein Ritual der Wiedergeburt. Hier wurde den Schuldigern vergeben, hier hatte jeder die Chance auf einen Neuanfang. Winfrey, die in einfachsten Verhältnissen in Mississippi, dem ärmsten US-Bundesstaat aufgewachsen ist, verkörpert den amerikanischen Traum, es mit etwas Glück, viel Arbeit und Gottes Hilfe ganz nach oben zu schaffen. Oprah, die in den achtziger Jahren mit einer kleinen Talkshow in Chicago begann, wurde zur ersten afroamerikanischen Milliardärin. Sie hat ihre Gäste so einfühlsam umgarnt, dass sich mancher hinterher wunderte, wie viel er von sich preisgegeben hatte. Hier redete 1993 sogar Popstar Michael Jackson in einem Interview, das die höchste Einschaltquote aller Sendungen erreichte, über seine Hautkrankheit.

Die Welt der Oprah Winfrey ist voller Schicksalsschläge, doch frei von Tragödien. Hoffnung gibt es immer. Ihre Sendung wurde in den achtziger Jahren groß, dem Jahrzehnt des wiederauferstandenen amerikanischen Optimismus. Lange vor Barack Obama war sie ein Symbol für die Emanzipation und die Akzeptanz schwarzer Amerikaner. Als die eigentlich apolitische Oprah 2008 den jetzigen US-Präsidenten Barack Obama unterstützte, war das ein Wendepunkt in den demokratischen Vorwahlen. Dass sie bei den Erzählungen über ihre Herkunft womöglich etwas dick auftrug oder bei Gesundheitsvorschlägen medizinischen Scharlatanen aufsaß, wurde ihr vom Publikum nachgesehen. Auch dass ihr neu gegründeter eigener Fernsehsender einen holprigen Start hat, ist bisher eine Fußnote.

Selbst Winfrey macht nicht alles zu Gold – aber sie verwandelt Kitsch in tiefere Wahrheit. Als Aretha Franklin zum Finale das schmalzige „Amazing Grace“ in eine kraftvolle Soulhymne umdeutet, und Tausende Fans das Spiritual „He has the whole world in his hands“ schmettern, ist klar, dass es für Oprah nur ein Motto geben kann: Alles wird gut.

Andreas Geldner

25.05.2011
25.05.2011