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Medien & TV Die mediale Neuerfindung der lange missverstandenen Sarah Kuttner
Nachrichten Medien & TV Die mediale Neuerfindung der lange missverstandenen Sarah Kuttner
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19:52 29.11.2011
„Ich bin nicht ernsthaft rabaukig“: Die mediale Neuerfindung der lange missverstandenen Sarah Kuttner.
„Ich bin nicht ernsthaft rabaukig“: Die mediale Neuerfindung der lange missverstandenen Sarah Kuttner. Quelle: dpa
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Und plötzlich fühlt sich Sarah Kuttner sehr allein. Sie sitzt in Bremen in der Talkshow „3nach9“, neben ihr Hannelore Hoger, Reinhold Messner und Hans-Joachim Heist, der in der ZDF-„heute-show“ den Kommentatorengiftzwerg Gernot Hassknecht spielt. Und Kuttner (32) versucht zu erklären, was doch kaum jemand versteht, der vor 1970 geboren ist: dass es Angst machen kann, im Leben alles tun zu dürfen, was man möchte. Dass ihre Generation es nicht leicht hat, schon gar nicht leichter als die vorige. Dass absolute Wahlfreiheit immer die Sorge impliziert, etwas zu verpassen. Dass die superdupercoole multioptionale Lifestyle-Gesellschaft eine permanente Überforderung bedeutet.

Kuttner hat ein neues Buch geschrieben, ihr zweites. Das erste hieß „Mängelexemplar“, ein kluges Buch über Karo, deren Leben zusammenbricht, als ihr mittelmäßiger Freund sie verlässt. Es ist ein Buch über Depressionen, 500 000-mal verkauft, 57 Wochen in den Bestsellerlisten. Nicht autobiografisch, sagt Kuttner. Kuttners zweites Buch heißt „Wachstumsschmerz“. Startauflage: 150 000. Thema: die Sehnsucht der 33-jährigen Luise nach einem Erwachsenenleben ohne doppelten Boden, ohne das latente Lauern auf eine noch tollere Existenz hinter der nächsten Straßenecke, kurz: nach dem Ende der Suche. Ebenfalls nicht autobiografisch, sagt Kuttner. Luise glaubt, sie „brenne“ nicht genug, während der Rest der Welt an ihr vorbeizieht und Karriere macht. Also beschließen sie und Freund Flo, erwachsen zu sein. Aber irgendwann stehen beide im Hausflur und fragen sich: „Darf man die zahllosen Möglichkeiten des Lebens einfach ignorieren und wie ungebetene Gäste vor der Tür stehen lassen?“

Da sitzt Kuttner also, ewig als lautes, rotziges Viva-Girlie missverstanden, dabei aber klüger als viele andere, in Bremen vor den Kameras. Um sie herum: Unverständnis. Altväterliches Nicken. Die Kuttner, die Kleene, ja, ja. Gastgeberin Judith Rakers (35) murmelt was von „Luxusproblem“, und Hannelore Hoger (69) findet, Kuttner solle nicht so viel planen. „Das ist ja furchtbar! Man lebt doch, indem man lebt! Ich hab’ mir nie was überlegt, mein Gott ...“ Und selbst Heike Makatsch, Mutter aller Ex-Viva-Girlies, sieht Kuttner an wie einen verletzten Kanarienvogel.

Na klar: Man kann das ja alles schnell küchenpsychologisch deuten: Klare Sache, alles autobiografisch, das Ex-Viva-Girlie will endlich ernst genommen werden. Also Schluss mit der Kodderschnauze, dem Spott auf das Leben der anderen, Schluss mit der Zwangsironisierung. Die Kuttner ist jetzt 32 und weiß noch nicht so richtig, wie das geht: groß sein. Blöde Sache, altes Problem. Wächst sich aus.

Aber sie machen es sich allesamt zu leicht. Es geht um mehr. Kuttner trifft einen Nerv, in ihren Büchern, ihren Interviews. Etwas hat sich verändert. Sie beschreibt präzise das Paradoxon, dass zu viele Chancen lähmend wirken, dass Individualisierung auch Vereinzelung bedeutet und Einsamkeit. Dass nicht wenige 30-Jährige wackelig werden, wenn das Was-kostet-die-Welt-Allmachtsgefühl der Jahre zwischen 20 und 30 einer dumpfen Ohnmacht weicht.

Es ist ein dialektisches Problem. Die Generation Hannelore Hoger hatte immer den Wunsch, jung bleiben zu dürfen. Das Erwachsenenleben würde dann schon früh genug von selbst beginnen. In der Generation Kuttner ist es genau umgekehrt: Jung bleiben? Kein Problem. Das fordert die Gesellschaft geradezu ein. Würdevoll erwachsen werden aber? Ist fast unmöglich geworden, seit 40-Jährige in Dorf­diskos Schaumpartys feiern, seit Google-Manager in globalen Firmenzentralen per Riesenrutsche ins Erdgeschoss flutschen, seit ARD-Ratgebersendungen klingen wie für Achtjährige getextet. Die Infantilisierung der Gesellschaft ist in vollem Gange. Gleichzeitig fordert die Wirtschaft stabile Persönlichkeiten, perfekte Erwerbsbiografien, ausgereifte „soft skills“ (Sozialkompetenz, Teamfähigkeit, Kreativität). Ein unauflösbarer Widerspruch. Jugend in der Falle.

„Was will ich?“ ist zur angstbesetzten Sinnfrage geworden. „Alle sagen: Du musst das Beste aus dir machen, du musst ,mehr‘ sein“, sagt Kuttner. Diese permanente Optimierung des eigenen Lebens aber ist nackter Stress. „Wenn ich das Fernsehen gerade mal doof finde, obwohl es mein Beruf ist, sagen andere Leute: Dann mach doch ‘ne Kollektion! Ich möchte aber keinerlei Kollektion machen! Außer vielleicht ‘ne Stullenkollektion, mit Wurst oder Käse. Dann denke ich immer kurz: Benehme ich mich eigentlich unfair dem Leben gegenüber oder anderen Menschen, weil ich eine wunderbare Möglichkeit nicht nutze?“

Mit anderen Worten: Macht sich Sarah Kuttner schuldig an der Welt, weil sie sie um eine möglicherweise wunderhübsche Kollektion betrügt? Es ist die Grundfrage in ihrem Buch: Warum traut sich kaum jemand mehr, sein Leben gut zu finden, so, wie es ist? „Ich glaube, dass alle nur erwachsen spielen“, sagt Kuttner. „Freiheit ist auch Haltlosigkeit.“

Sie selbst hat viel unternommen seit dem Ende ihrer TV-Show 2006. Sie war Kolumnistin („Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“). Für die kleine, feine ARD-Reihe „Kuttners Kleinanzeigen“ hat sie originelle Menschen besucht. Behutsam versucht sie derzeit, das klebrige Image der schnell sprechenden Viva-Maus Sarah und ihr wahres, 32-jähriges Selbst einander anzugleichen: „Ich finde mich viel harmloser, als alle glauben: anständig, nicht ernsthaft rabaukig“, sagte sie dem „Spiegel“. Und: „Ich habe inzwischen sehr viel weniger Lust, im Fernsehen total auf die Zwölf zu gehen und mich über Menschen lustig zu machen. So war ich sowieso nie wirklich, das wurde immer falsch vermittelt.“ Inzwischen könne sie „Leute einfach nicht mehr hundertprozentig hassen. Weil ich denke: Hinter jedem Arschloch steckt doch auch ein Mensch.“ Die neue Rolle steht ihr hervorragend: der mediale Gegenentwurf zu Charlotte Roche. „Ich sage nicht am laufenden Band ficken, kacken, kotzen. Bei ,Feuchtgebiete ‘ war es mir immer ein vollgesogener Tampon zu viel. Ich bin zurückhaltender als sie. Selbst wenn meine beiden Bücher autobiografisch wären, würde ich das niemandem mitteilen wollen.“

„Fernsehen“, sagte Kuttner kürzlich, „ist eine alte Schlampe.“ Das hat lange niemand so schön erklärt. Also: lesen.