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Medien & TV Lieder wie Meniskusrisse
Nachrichten Medien & TV Lieder wie Meniskusrisse
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00:15 29.05.2014
Von Imre Grimm
Jetzt singt sie auch noch: Dschungelkönigin Melanie Müller.
Jetzt singt sie auch noch: Dschungelkönigin Melanie Müller. Quelle: Youtube
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Der Name Müller hatte im internationalen Fußball bisher einen soliden Klang. So solide, dass sich der brasilianische Weltmeister Luís Antônio Corrêa da Costa als Fußballer schlicht „Müller“ nannte. War für TV-Kommentatoren nach vier Wochen WM und elf Vorabendbierchen auch leichter zu merken. Mindestens 121 namhafte deutsche Fußballer in den letzten 80 Jahren trugen den stolzen Namen Müller, darunter allein sechs „Christian Müllers“ und zwei „Gerd Müllers“ (ja, es gab noch einen: FC 08 Homburg, SC Göttingen 05, Kickers Offenbach, 1. FC Saarbrücken). Niemand von ihnen ist je negativ aufgefallen.

Dann kam Melanie Müller. Und versenkte in 186 Sekunden die Ehre der deutschen Fußballmüllers sowie der deutschen Tonsetzer- und Videoschnittkunst. Kurz hatte man die Hoffnung, dass aus dem wandelnden RTL-Blondinenwitz nach dem lustvollen Verzehr diverser wirbelloser Kriechtiere im australischen Dschungel doch noch ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden könnte. Aber mit dem WM-Song „Auf geht’s, Deutschland schießt ein Tor!“ hat die Discounter-Version von Marilyn Monroe einen traurigen Rekord aufgestellt: Kein Lied der jüngeren Popgeschichte ist auf so vielen Ebenen gleichzeitig schrecklich: akustisch, optisch, grammatikalisch, kostümtechnisch und vom Feeling her. Im Video hüpft Frau Müller im knappen Trikot auf dem Rasen herum wie ein Linienrichter bei einem Foul mit offenem Bruch, umtänzelt von einem mopsigen Brasilianerdarsteller mit Ölhaar und drei attraktiv gemeinten Nichtmusikerinnen, deren Job im Kern darin besteht, ihre Gitarren nicht fallen zu lassen, an denen noch das Preisschild baumelt. Man sagt, wenn Kinder spielen, sind sie gesund. Aber dann doch lieber Krokodilhoden.

Die fixe Idee, dass sich im Kielwasser der Fußball-WM ein paar schnelle Euro abgreifen lassen, hatte „Melli“ nicht exklusiv. Ein knappes Dutzend kompositorisch-ästhetischer Brandbomben macht ihr die Trash-Krone streitig, darunter ein rappendes Problemmädchentrio namens JUN, das aussieht wie direkt von einer Bushaltestelle in Bottrop gecastet. Ihr Song „Fußballwunderland“ klingt wie die Klingeltonsammlung eines Ericsson-Handys von 2002. „Brasilia, wir kommen / Haben Deutschland mitgenommen“, reimt man mit schmerzfreier Verve.

Den größten Karrieresturz ins Nichts erlebt jedoch ein anderer: Radioveteran Manfred „Manni“ Breuckmann hat sich mit der Wittener Altherrenkapelle „Franz K.“ zusammengetan und dröhnt im Song „So einfach – Brasilien ‘14“ zu Wolfgang-Petry-Stampfriffs traurige Floskeln in ein Megaphon („Die Deutschen rrrocken das Maracana!“). Dazu grinsen befederte Miet-Sambatänzerinnen in die Wackelkamera. Dabei sind Lieder, die mit „Eins, zwei, drei, vier“ beginnen, aus grundsätzlichen Erwägungen abzulehnen. Manfred Breuckmann – der Rostfleck am Schwert des Sportjournalismus – macht Discopop. Was kommt als Nächstes? Lothar Matthäus wird Trainer in Griechenland?

Das Elend setzt sich nahtlos fort. Die Ballermann-Nachwuchskraft Tobee („Du, ich trink Dich schön“) reimt in seinem Werk „Weltmeister“ eiskalt: „Ich sitz im Flieger, es geht nach Brasilien / Ich weiß es unser Team wird super spielen“, obwohl es natürlich „spilien“ heißen müsste. Frisch aus dem Drumcomputer des Todes stammt auch „Weltmeister“, eine Art Lied der beiden gelernten RTL-Autoverkäufer Jörg und Dragan, die mit den „Remmi Demmi Boys“ unsterbliche Verse ersannen: „Die Holländer, die essen Käse / Und in England trinkt man Tee / Italiener lieben Bolognese / Und der Spanier ruft: Olé!“. Olé. Danke, nee.

Die Generation Silversurfer beteiligt sich am Panoptikum der Peinlichkeiten mit einem programmatisch betitelten „WM Song“, in dem ein weibliches Amalgam aus Tine Wittler, Stiflers Mutter und Jogi Löw als Lehrerin durch ein Seniorenklassenzimmer schwankt und „Jaja ich will ja mit dir nach Brasilia“ jault. Während das Bontempi-Duo „Die Ganter“ aussieht wie die „Ö La Palöma Boys“ mit Grippe und lustigen Perücken. Und der offizielle WM-Song? Gleicht der das Elend ein bisschen aus? Er stammt von Jennifer Lopez und Pitbull, ist ein liebloses Pflichtwerk namens „We are One (Ole Ola)“ und klingt wie Shakiras „Waka Waka“. Ach, selige Zeiten von „Buenos Dias Argentina“ mit Berti Vogts im Mezzosopran.

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