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Medien & TV Gelobt sei, was zart macht
Nachrichten Medien & TV Gelobt sei, was zart macht
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00:25 27.11.2014
Von Imre Grimm
Siebenunddreißig Grad - das ist die Fieberschwelle des menschlichen Körpers. Was für ein perfekter Name für eine Reihe, die seit 20 Jahren auch dahin geht, wo es schmerzt, und die dabei nicht urteilt, nicht verurteilt.
Siebenunddreißig Grad - das ist die Fieberschwelle des menschlichen Körpers. Was für ein perfekter Name für eine Reihe, die seit 20 Jahren auch dahin geht, wo es schmerzt, und die dabei nicht urteilt, nicht verurteilt. Quelle: Montage/HAZ
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Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, singt die Berliner Band Mia, frei nach Erich Fried, im Vorspann der ZDF-Reihe „37°“. Und weiter: „Was es ist, sagt der Verstand / Ich freu’ mich auf mein Leben / Mache frische Spur’n in den weißen Strand.“ Jedes Mal ein Liebesbekenntnis, dazu Bilder eines sanften Babybauchs, eines alten Liebespaares, einer glücklichen Malerin mit Down-Syndrom, küssender Kinder. Seht her, sagen diese 26 Sekunden - jetzt kommt das Leben. Und das Leben ist eben nicht nur schön und nicht nur schrecklich, nicht nur laut und nicht nur leise. Es ist, was es ist.

Mit dieser freundlichen Unaufdringlichkeit, mit Nachdenklichkeit, Geduld und der perfekten Balance zwischen Nähe und Distanz ist „37°“ zur stillen Instanz der 30-Minuten-Reportage in Deutschland geworden. Siebenunddreißig Grad - das ist die Fieberschwelle des menschlichen Körpers, an der Grenze zwischen krank und gesund. Was für ein perfekter Name für eine Reihe, die seit 20 Jahren auch dahin geht, wo es schmerzt, und die dabei nicht aufwertet, nicht abwertet, nicht urteilt, nicht verurteilt. Die ihrem Publikum Urteilskraft zutraut, die keine andere Mission hat als diese: daran zu erinnern, dass das Leben so unendlich viele Facetten hat, dass keine Weltanschauung, keine Lebensweise, kein Wertemodell und kein Familienbild Anspruch darauf hat, als allein seligmachend zu gelten. Keine Experten, keine Psychologen, keine Interpreten kommen zu Wort. Nur die Helden ihrer eigenen Geschichten selbst. Geschichten von Magersucht. Der neuen Nase. Seiteneinsteigern im Beruf. Sex im Alter. Kinderarmut. Patchworkfamilien. Burn-out. Glück. Unglück.

Fast 1500 Themenvorschläge gehen jedes Jahr in der Redaktion ein - nur 40 davon landen dienstags um 22.15 Uhr im ZDF. Man nimmt sich Zeit bei der Auswahl. Und beim Dreh. Sechs bis acht Monate kann eine Recherche dauern, Langzeitbeobachtungen auch deutlich länger. Hartnäckigkeit, Langmut, Bedachtsamkeit sind Raritäten in einer Zeit, in der das in acht Stunden heruntergekurbelte Regalgeräume bei irgendeinem „Schnäppchenkönig“ schon als „TV-Report“ gilt. Den ZDF-Ausdauerrekord hält Dokumentarfilmer Manuel Fenn, der den Jungen Adrian acht Jahre lang begleitete. Adrian will Balletttänzer werden. Dann verletzt er sich. Das Ergebnis waren zwei Filme: „Adrian will tanzen“ (2003) und „Adrians großer Traum“ (2010).

Ebenso unvergessen: Stephanie Schmidts Porträt des ehemaligen Schalke-04-Managers, dem eine schleichende Demenz den Zugang zur vertrauten Welt zu versperren beginnt. „Rudi Assauer - Ich will nicht vergessen“ war der letzte öffentliche Gruß eines Menschen, der Abschied nehmen musste von der Welt und von sich selbst. Sein Schicksal rührte Millionen. „Anrühren“ heißt ja auch: an etwas rühren. „Das Thema der Reihe sind nicht Sachfragen und aktuelle Geschehnisse“, sagt ZDF-Kulturchef Peter Arens, „sondern die Grundbefindlichkeiten des Daseins: Freundschaft, Liebe, Glück, Erfolg, aber auch Scheitern, Armut, Krankheit, Tod.“

Das Ergebnis sind oft Geschichten, die - im Wortsinne - „bewegen“. Die Vorurteile verschieben, unverrückbar erscheindende Grundsätze aufweichen. Erwin ist 16. Renate ist 43. Sie könnten Mutter und Sohn sein. Das geht nicht, sagten alle, auch die Gerichte. Aber Erwin und Renate sind seit drei Jahren ein Paar, verheiratet und Eltern eines gemeinsamen Kindes. Es ist die klassische „37°“-Geschichte, die einfach erzählt, nah dabei und trotzdem behutsam. Bei keinem anderen aktuellen deutschen Reportageformat ist die Kamera - die so viel verfälscht, verkünstelt und verzerrt - nebensächlicher als bei diesem. Und dass dann im Hintergrund irgendwann leise die ersten Takte von Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ zu hören sind, wirkt merkwürdigerweise nicht stumpf und naheliegend, sondern sehr präzise. Ohnehin müssen im ZDF-Soundarchiv die Tonspuren mit den schüchtern eingestreuten Klavierakkorden, sanftem Synthesizergewaber und klagenden Gitarren nach 20 Jahren „37°“ einigermaßen abgenutzt sein.

Exakt 826 Reportagen sind seit dem Start im November 1994 entstanden. 2,3 Millionen Menschen sehen im Schnitt zu. Zuständig für den Sendeplatz sind neun Redakteure der beiden ZDF-Kirchenredaktionen „Kirche und Leben“ (eine evangelisch, eine katholisch) und der Redaktion „Terra X“. Der Lohn des Mutes, sich vom Aktuellen zu lösen, auch vom politisch-wirtschaftlichen Komplex, und sich den Menschen selbst zu öffnen, sind bisher 43 Medienpreise. Gleich für den allerersten Film („Jenseits der Schattengrenze - Ein Vietnamsoldat kann nicht vergessen“) gab’s den Grimme-Preis. In anderen Kurzreportagen jaulen die ewig gleichen Rettungswagen, streiten Nachbarn um Bäume, geht’s um Einbrecher, Wetter, Nepper, Schlepper, Bauernfänger. „37°“ aber ist kein Angstformat. Es warnt nicht. Es glaubt fest an die menschliche Fähigkeit zur Lebensverbesserung. Es ist humanistisches Fernsehen.

In drei Jubiläumsfolgen feiert „37°“ im ZDF Geburtstag. Am 25. November, um 22.15 Uhr mit „jung.verliebt“ (über Teenagerliebe), am 2. Dezember mit „jung.erfolgreich“ (Jungunternehmer) und am 9. Dezember mit „jung.radikal“ (junge Aktivisten).

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