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00:22 06.10.2014
Von Imre Grimm
Foto: Jetzt heißt es drei Folgen lang Abschiednehmen: Markus Lanz bei „Wetten, dass...?“
Jetzt heißt es drei Folgen lang Abschiednehmen: Markus Lanz bei „Wetten, dass...?“ Quelle: dpa (Archiv)
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Vielleicht wird sich mancher heute Abend so gegen 23 Uhr daran erinnern, warum es eine gute Idee war, „Wetten, dass ...?“ sterben zu lassen. Vielleicht aber wird bei vielen noch während der Sendung der Phantomschmerz einsetzen, die retrospektive Heiligsprechung eines Kindheitsklassikers, der zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte so großartig war, wie er es in der Erinnerung eines Tages gewesen sein wird. 33 Jahre alt wurde „Wetten, dass ...?“. Nichts ist besser, wenn es die Sendung ab Januar nicht mehr gibt. Aber sehr viel schlechter – so ehrlich muss man sein – wird es auch nicht.

Nach Frank Elstner, Thomas Gottschalk, Wolfgang Lippert, und Michelle Hunziker sollte Markus Lanz dem Konzept sein Gesicht leihen. 2014 ist klar, dass die Sendung eingestellt wird. Das Beste aus 212 Folgen „Wetten, dass...?!“

Dreimal also darf Markus Lanz (45) nun Abschied nehmen, genauso oft wie damals Thomas Gottschalk (64), aus dessen Schatten er sich nie befreien konnte. Der Abgesang beginnt heute um 20.15 Uhr in Erfurt. Am 8. November geht es nach Graz, am 13. Dezember dann zum Finale nach Nürnberg. Ehrenrunde – vielleicht kein passendes Wort für jemanden, der in Unehren entlassen wird. Die Ausgabe vom
5. April, als Lanz in den Schlussapplaus hinein das Aus der Sendung ankündigte, hatte 6,84 Millionen Zuschauer – nur noch etwas mehr als die Hälfte im Vergleich zu seinem Einstieg im Oktober 2012. Ja, sieben Millionen Zuschauer muss man erst mal haben. Aber: Sechs Millionen Zuschauer muss man erst mal verlieren.

Daran trifft nicht Lanz allein die Schuld. Es war der Sender, der gewarnt hätte sein müssen, dass es ein gelernter Journalist ohne Gottschalk’schen Mutterwitz schwer haben wird mit seinen hölzernen Scherzlein in dieser Wundertüte von Show, zwischen den Stars, zwischen den Stühlen. Es war am Ende dann aber unfair, Lanz – und nur Lanz – zum Totengräber des Formats zu erklären. Das auch von Jagdlust befeuerte Lanz-Bashing zu Jahresbeginn bis hin zu albernen Internetpetitionen überstieg jedes Maß. Es ging wahrlich nicht um Leben und Tod.

Ohnehin ist „Wetten, dass ...?“ nicht die einzige – wenn auch die mit Abstand prominenteste – Show, die im Fernsehjahr 2014 das Zeitliche segnet. Die vergangenen Monate sind voll von Entertainmentflops, und sie alle stehen symptomatisch für den allgemeinen Ideenmangel und die immer schwierigere Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Show-Nenner im Massengeschmack. Soziotope zerbröseln, Zielgruppen spezialisieren sich, die Jungen wandern ab, die Alten ermüdet das Ewiggleiche:

„Millionärswahl“ (Pro7): Netz und TV versöhnen – der alte feuchte Traum von Medienmachern ging spektakulär schief. Eine Internetcommunity sollte aus ihrer Mitte einen Kandidaten ermitteln, der eine Million Euro bekommen sollte. Bloß: Warum? Kaum jemand sah zu.

„Keep Your Light Shining“ (Pro7): Tja, Pech. Deutschland ist durchgecastet. „DSDS“ ist nur noch eine trashige Tee-nieklamotte, Castingshows sind mausetot. Da hilft auch keine klapprige App.

„Rising Star“ (RTL): siehe oben

„Die große Überraschungsshow“ (ZDF): Michelle Hunziker in patinöser Kulisse mit altbackenen Spielchen, das wirkte wie ein Bingoabend mit der Pflegerin. Es gab nur eine Ausgabe.

„Quizonkel.TV“ (ARD): Soll ironisch sein, dass der ewige Quizonkel Jörg Pilawa die Sendung nach dem Klischee benennt. Wirkt aber nur hilflos. Wie groß ist der Müggelsee? Und wer will das wissen? Keine neue Idee, nirgends.

„Sing wie dein Star“ (ARD): Inka Bause imitiert mit Pressdekolleté Kylie Minogue, Francis Fulton-Smith entehrt Freddie Mercury, und Gewichtheber Matthias Steiner macht auf Meat Loaf. Klingt schlimm. Und sah auch so aus.

Man darf daran erinnern, dass ähnliche Formatideen jahrzehntelang funktionierten (nur ohne App). Von „Wünsch Dir was“ mit Dietmar Schönherr bis „Auf los geht’s los“ mit dem gerade verstorbenen Joachim „Blacky“ Fuchsberger, von „Musik ist Trumpf“ mit Peter Frankenfeld über „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell bis zu „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff. Aber das ist vier Jahrzehnte her. „Die derzeitige Quotenkrise diverser Showformate basiert auf dem ständigen Wiederaufbereiten sattsam bekannter Erfolgsmuster“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher. Faschingshumor mit verkleideten Prominenten? Will niemand mehr sehen. Der Skandal um die manipulierten Rankingshows auf fast allen Kanälen schadete der Reputation erst recht.

Die Branche staunt, dass aus dem Nischenfernsehen so wenig Frisches kommt. Es herrscht kein Mangel an Erkundungsreportagen und Nabelschau-Talks, aber eine große Show ist nicht in Sicht. Nur noch „Tatort“ und Fußball bringen es auf zweistellige Millionenwerte – Indizien dafür, dass Konsensmoderatoren auf Showtreppen und geheuchelte Emotionen in Mehrzweckhallen nicht mehr den Zeitgeist treffen.

Ein wachsendes Publikum sucht realen Ehrgeiz statt Biedermeierisierung, Grenzerfahrungen statt Rüschenfernsehen, gesellschaftlich Relevantes ohne freudloses Pädagogisieren – und findet es im Fußball, im Krimi sowie (bei den Jüngeren) in unverlogenen Formaten wie „Schlag den Raab“ oder dem gerade Grimme-Preis-gekrönten „Circus HalliGalli“. Tom Hanks oder drei Klapperschlangen einzuladen ist eben nicht mehr das Nonplusultra. Das freilich muss nicht bedeuten, dass die Samstagabendshow begraben ist. Nein, der Tod von „Wetten, dass ...?“ ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Anfang. Von der großen Show nämlich, wie sie bisher war.

„Wetten, dass...?“

„Wetten, dass ...?“ | ZDF, Die erste von drei Abschiedsshows mit Markus Lanz | Heute, 20.15 Uhr

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