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Medien & TV Du wurdest gegruschelt: StudiVZ feiert Rekord
Nachrichten Medien & TV Du wurdest gegruschelt: StudiVZ feiert Rekord
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14:46 03.02.2009
StudiVZ steht an der Spitze der beliebtesten Internetangebote hierzulande. Quelle: StudiVZ
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Es ist eines der erfolgreichsten Internet-Angebote der vergangenen Jahre: StudiVZ, ein Kontaktenetz für Studierende, verzeichnet explosionsartige Zugriffszahlen. Allein im August zählte das Unternehmen 3,3 Milliarden Klicks (Seitenaufrufe) von knapp 100 Millionen Besuchern. Damit setzt sich StudiVZ weit vor dem einstigen, jahrelangen Platzhirschen T-Online an der Spitze der bestbesuchten Internetangebote fest.

Die Seite hat diesen Zahlen zufolge Suchtpotenzial. Das Geheimnis des Erfolgs: Schlüssellocherlebnisse. Wer sich unter www.studivz.de anmeldet, wird dazu gezwungen, ein bis zu 50 Eingabefelder umfassendes Profil von sich selbst zu hinterlegen und möglichst auch ein Foto hochzuladen – erst dann darf man in den Profilen anderer stöbern – und das haben seit der Gründung im Oktober 2005 mehr als drei Millionen Mitglieder getan.

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Bei allen Teilnehmern beginnt es mit einer harmlosen Mail: „Du wurdest eingeladen“ heißt es darin – und fast immer stammt sie von einem Freund oder Bekannten, der dafür wirbt, in dem Internet-Netzwerk die reale Freundschaft auch virtuell zu pflegen. Wie ein Virus verbreiteten sich seitdem solche Mails. Einmal infiziert, stöbern viele gerne immer weiter und tiefer in der Datenbank von StudiVZ und geben im Gegenzug allerlei Privates von sich selbst preis. So entdeckt man entferntere Bekannte und Freunde von Freunden und immer mehr Details und Banalitäten des Lebens der anderen. Bestätigen würde einem das niemand, aber häufig wird dabei ein voyeuristisches Interesse befriedigt – wenn man durch private Fotos auch an deftigen Partys, romantischen Urlauben und privaten Familienfeiern teilhaben kann.

Ganz neu ist die Idee von StudiVZ nicht: Großes Vorbild in den USA war dem 27-jährigen Gründer Ehssan Dariani erkennbar die populäre Webseite facebook.com, die sehr ähnlich gestaltet ist. Bei facebook.com knüpfen Studenten ganz ähnlich Kontakte, lernen Partner für Sport, Studium und Freizeit kennen. Im Internet musste sich der Deutsche iranischer Abstammung, Student der Volkswirtschaftslehre, deshalb viele Vorwürfe des Plagiats gefallen lassen.
Mittlerweile sind auf der StudiVZ-Seite nicht mehr nur Studenten angemeldet. Eine Gruppe mit dem bezeichnenden Namen „Psst, ich bin gar kein Student!“ zählt mehr als 50.000 Mitglieder. Schließlich kann jeder ein „Studi“ werden, sofern er eine E-Mail-Adresse besitzt – und eine Einladung erhält. So kann sich auch der nächste Arbeitgeber auf StudiVZ ein Bild von dem Bewerber machen. Das kann recht aufschlussreich sein, denn die Profile verraten einiges über die Benutzer. Nicht nur persönliche Angaben wie Vor- und Nachname, sondern auch detaillierte, möglicherweise unvorteilhafte Aspekte des Privatlebens. Auf dem Präsentierteller liegen auch Teile des Lebenslaufs, die politische Einstellung, die eigene Sportlichkeit oder Unsportlichkeit sowie Nebenjobs und Freizeitinteressen.

Probleme mit dem Datenschutz hat StudiVZ solange nicht, wie die Teilnehmer ihre Daten freiwillig veröffentlichen. Jedoch offenbarte das Netzwerk im Februar 2007 Sicherheitslücken, als ein Hacker Kennwörter und E-Mail-Adressen der Teilnehmer ausspähen konnte. Alle Nutzer wurden aufgefordert, sich ein neues Passwort auszusuchen. Für Aufsehen sorgte auch das Vorgehen von StudiVZ, als mehrere junge Frauen sich dagegen wehren wollten, von fremden „Studis“ mit ihren Fotos für Miss-Wahlen nominiert zu werden: Wie die „taz“ und einige Weblogs berichteten, äußerten sich die Verantwortlichen anfangs darüber nur belustigt. StudiVZ-Sprecher Dirk Hensen indes dementiert: „StudiVZ hat sich zu keiner Zeit über Beschwerden seiner Nutzer lustig gemacht.“

Den Erfolg des Netzwerks haben solche Probleme bisher nicht geschmälert. Schon gründet StudiVZ einen neuen Ableger, SchülerVZ, und expandiert ins Ausland. So heißt es jetzt schon grenzüberschreitend: „Du wurdest gegruschelt“ – in der Sprache von StudiVZ eine Verbindung der Worte „grüßen“ und „kuscheln“. Dabei sind es eigentlich nur Klicks.

Von Marina Leunig