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Medien & TV „Durch die Nacht mit ...“ Lena und Rapper Casper
Nachrichten Medien & TV „Durch die Nacht mit ...“ Lena und Rapper Casper
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17:18 04.01.2012
Von Imre Grimm
Eine Currywurst bringt Menschen zusammen: Casper und Lena loten in der Neuköllner Nacht Gemeinsamkeiten aus.
Eine Currywurst bringt Menschen zusammen: Casper und Lena loten in der Neuköllner Nacht Gemeinsamkeiten aus. Quelle: arte
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Hannover

Auf Französisch klingt der Name dieser feinen Sendereihe so viel schöner als auf Deutsch: „Au cœur de la nuit“. Im Herzen der Nacht. Da schwingt ein Hauch von Tom-Waits-Melancholie mit, von eisblauem Licht in der Stunde des Wolfs, von lauwarmem Kaffee in Edward-Hopper-Diners, in denen die Übriggebliebenen der Nacht auf den Morgen warten. Die deutsche Variante „Durch die Nacht mit ...“ ist da deutlich sachorientierter. Muss aber nichts Schlimmes heißen. Es geht ja nicht um den Titel, sondern um die beiden Menschen aus Kultur und Kunst, die der Sender arte in seinem experimentellen Paarlauf einander zur Seite stellt und sie dann einfach mal machen lässt.

Das ist immer ein Wagnis. Manchmal geht es gut (wie bei dem entlarvenden Stück Gockelfernsehen mit Kai Diekmann und Henryk M. Broder), manchmal geht es schief (wie bei Moritz Bleibtreu und Oliver Pocher, die wirkten wie der King of Currywurst mit seinem Bewährungshelfer). Und manchmal treffen zwei junge, coole Popmenschen aufeinander und brauchen eben ein paar Minuten, bis man sich sicher fühlt jenseits des Drucks, hier irgendwie liefern zu müssen. Rapper Casper (29) – bürgerlich Benjamin Geffrey –, der sich mit seiner Reibeisenstimme einen Namen als nachrückender Gerechtigkeitspoet gemacht hat („Wenn schon scheiße tanzen, dann so, dass die ganze Welt es sieht“). Und eben Lena, 20 Jahre alt, früher mal Eurovisionssiegerin, jetzt hauptberuflich Künstlerin.

Man kannte sich vorher kaum, das ist ja der Witz der Sendung, und so sitzen Lena und Casper jetzt im schwarzen Mercedes auf der Rückbank und lassen sich durchs dämmrige Berlin chauffieren, schön mit Wackelkamera und allem, was dazugehört, wenn’s jung und hip aussehen soll.

Gepost wird nicht. Ein bisschen staunt er dann doch, der Casper, dass sich die Lena nicht so leicht knacken lässt. Die Tattoobücher auf seinem Couchtisch? Ist nicht so ihr’s. Ein Stückchen Minimal Rave von Booka Shade auf ihrem iPhone? Ist nicht so sein’s. „Es fließt einfach nicht“, sagt Casper später ein bisschen traurig, als die beiden in einer Kreuzberger Konditorei mit einem rotwangigen Konditor und seiner rosawangigen Muse Torten backen. „Dann brauchst du mehr Schoki“, sagt Lena – ein Dialog, der mehr Lebensklugheit enthielt, als den beiden in diesem Moment wohl bewusst war. Es fließt nicht? Mehr Schoki.

Es ist ein echter Coolness-Parcours, den Lena und Casper in dieser Berliner Nacht absolvieren: gemeinsames Malen über den Dächern der Stadt, Schwarzlicht-Minigolf in einer unterirdischen Anlage, die aussieht wie eine vor 30 Jahren zu Recht geschlossene Geisterbahn. Und davor klettern sie im Kunstmuseum „Hamburger Bahnhof“ ein bisschen unentschlossen über die überdimensionalen, transparenten Kunststoffballons des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno. So richtig warm wird man selten miteinander. Da britzelt’s eher zwischen den jungen Ausstellungsbegleiterinnen und Casper. „Die waren total verliebt in dich“, sagt Lena. Casper guckt, als hätt’ er’s nicht gemerkt.

Dann ein Stopp in der Deutschen Popakademie. Funktioniert nicht. War vielleicht doch ein bisschen zu stumpf: Die zwei machen Pop – fahren wir halt in die Popakademie und reden mit Leuten, die auch Pop machen, über Pop. „Das war jetzt ein bisschen zäh irgendwie“, sagt Lena hinterher, obwohl sich eine junge Studentin schwer um sie bemühte, dann aber leider doch wieder nur die alten Fragen stellte („Wie ist das so für dich ...“). Dafür zuckte sie nicht zusammen, als Lena einen knallharten Lena-Satz raushaute: „Ich finde, du könntest mir ein bisschen was von deinen Brüsten abgeben.“

Doch dann, als Lena und Casper mit je einer Currywurst in Neukölln am Straßenrand sitzen, findet sich doch noch ein Thema, das sie teilen: dieses seltsame Leben in der Öffentlichkeit, die Unmöglichkeit, Dienst Dienst und Schnaps Schnaps sein zu lassen. Diese Typen, die dich zu kennen glauben und dich anpöbeln: „Sing mal was, Lena, sing mal was!“. Das kennt Casper auch. Er will nicht nölig klingen, aber es ist eben nicht immer nur spitze, Popstar zu sein. Am Rande sagt Lena, dass sie „keine Party-Maus“ ist. Dass sie an ihrem dritten Album arbeite. Dass vor allem Stefan Raab es war, der nach dem Eurovision Song Contest eine Auszeit brauchte. Und dass sie eigene Songs entwickle. Man wünscht sich eine Nachfrage, aber Casper wirkt nicht interessiert. Die 91. Ausgabe von „Durch die Nacht mit ...“ (Sonnabend, 7. Januar, 23.45 Uhr) ist eine 52-minütige Annäherung geworden. Etwas kühl, aber das kann auch am Morgentau liegen.