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Medien & TV Duzen oder Siezen? In Deutschland herrscht Verwirrung über Anreden
Nachrichten Medien & TV Duzen oder Siezen? In Deutschland herrscht Verwirrung über Anreden
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10:33 26.01.2011
Von Imre Grimm
Der holländische Trainer von Bayern München, Louis van Gaal, wird von seinen Kindern gesiezt. Quelle: dpa
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Bei Ikea ist die Sache klar: Es wird geduzt, dass sich die Schränke biegen. „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“, fragt der schwedische Möbelgigant keck. Nicht alle deutschen Kunden jenseits der 40 finden solche Vertraulichkeit toll („Hej, brauchst du Hilfe?“), aber so ist das nun mal bei den putzigen Skandinaviern: Alle sind eine große, glückliche, blaugelbe Billy-Familie. Das ist die kommerzielle Variante der „tipis sverige Snörrigkeit“.

Mit seiner offensiven Zwangsduzerei aber könnte der Möbelkonzern über kurz oder lang altmodisch wirken. Nach dem Ende des Dotcom-Booms, nach dem Aus für viele, coole Softwareschmieden voller Tischkicker und junger, hipper, urbaner, duzender Menschen, registrieren Soziologen und Germanisten eine zaghafte Renaissance bürgerlicher Förmlichkeit. Seit Jahren zeichnet sich ein Trend zum „Sie“ ab, der mit dem Neobiedermeier Hand in Hand geht: Das sorglose Duzen ist auf dem Rückmarsch. „In vielen Bereichen ist eine Rückkehr zum ,Sie‘ empirisch nachweisbar“, sagt der Linguist Martin Hartung.

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„Es dauert wieder länger, bis zum Du gegriffen wird“, konstatiert auch das Institut Allensbach in der aktuellsten Studie zum Thema. 1993 sagten noch 59 Prozent der 16- bis 29-Jährigen, sie gingen schnell zum „Du“ über. Zehn Jahre später waren es weniger als die Hälfte. Allen „Ey Alter!“-Klischees zum Trotz: Vor allem die jüngere Generation ist im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren wieder „förmlicher geworden“. Was bedeutet das? Ein Volk von kleinen Karl-Theodor zu Guttenbergs, die sich auf dem Schulhof den iPod Touch mit den Worten „Erlauben Sie ...“ aus den Händen nehmen? Ein Urlaubsflirt auf Ibiza, der mit den Worten beginnt „Schönes Fräulein, darf ich’s wagen ...“?

So weit ist es noch lange nicht. Aber in Deutschland, wo ohnedies babylonische Anredeverwirrung herrscht, wird’s nicht leichter mit der Balance zwischen plumper Vertraulichkeit und kühler Distanz. Wer zu schnell duzt, gilt als unhöflich. Wer zu lange duzt, wirkt steif.

„Die verbale Distanzregelung schwankt mit den Zeitläufen“, sagt Peter Walschburger (65). Er lehrt Psychologie an der FU Berlin. „Die Jüngeren haben heute ein viel größeres Abgrenzungsbedürfnis als die 68-er. Das ist evident.“ Das Pendel schlägt zurück – Facebook zum Trotz. Walschburger bestätigt eine „Zunahme der Hierarchisierung“ nach der Gleichmacherei der Apo-Kultur.

Die Duz-oder-Siez-Frage ist hochkomplex. Ab 30 wird’s richtig schwierig. Gleichaltrige duzen? Chefs siezen? Gilt das „Du“ von der Weihnachtsfeier auch noch im Januar? Kann ich „Duzen“ verweigern? „Mit Mitte 30 wird das Selbstbild und das Fremdbild in Bezug auf die eigene Jugendlichkeit prekär“, sagt der Linguist Leonhard Kretzenberger. Wer jetzt gesiezt wird, fühlt sich alt. Gleichzeitig will er respektiert werden. Ein Widerspruch. Die Entscheidung über die Anrede aber hängt auch von sozialer Stellung, Umfeld und Firmentradition ab. Der „Knigge“ schreibt: Das „Sie“ sei die Regel, das „Du“ die Ausnahme. Das hilft wenig. Grundsätzlich gilt:

Gleich und gleich duzt sich gern. Ältere bieten Jüngeren das „Du“ an. Plumpe Vertraulichkeit ist zu vermeiden.

Das „Du“ ist ein großer Schritt – zwischenmenschlich gesehen. Man gebrauche dieses Instrument achtsam. Unvergessen die glücksbesoffene „Bild“-Schlagzeile während der Fußball-WM 2006: „Wollen wir uns alle duzen?“

Das Umfeld ist wichtig. Ein „Sie“ unter Kindergärtnern wirkt seltsam, ein „Du“ unter Bankangestellten unseriös. Die „Corporate Identity“ einer Firmen entscheidet. Das kann aber auch nach hinten losgehen: 1998 klagte ein Hennes & Mauritz-Angestellter in Hamm gegen die Zwangs-Duzerei unter Kollegen. Er sei 45 und „kein junger Hüpfer mehr“ – und bekam recht.

Die Zwischenlösung: Vorname und „Sie“. Diese US-Variante wird auch in deutschen Firmen populärer und soll teamfördernd, aber respektvoll wirken. Vorsicht: „Oft tun duzende Chefs nur so, als seien sie nicht autoritär“, sagt Hartung.

Im Job niemals von jemandem duzen lassen, den Sie selbst siezen. Das wirkt unterwürfig.

Der „Ihr-Trick“: Die Lösung für gemischte Du/Sie-Gruppen („Habt ihr lange gewartet?“).

Die 3000-Meter-Regel: In der Schweizer Armee fallen bei Seilschaften über dieser Höhe alle Formalitäten zwischen Offizieren und Soldaten weg.

Polizisten nicht duzen. Das kann teuer werden, muss aber nicht: Das Hamburger Landgericht entschied 2006 zugunsten von Dieter Bohlen. Begründung: Bohlen rede im Alltag auch nicht anders, damit liege kein „ehrverletzendes Verhalten“ vor.

Jahrhundertelang standen das „Ihr“ und das „Er“ für das spätere „Sie“ und „Du“ der Deutschen. Respektspersonen aus Klerus und Adel wurden seit dem 8. Jahrhundert „geihrzt“ („Erlaubt Ihr, dass ich mich nähere?“), der Fürst wiederum sprach von sich selbst im „Pluralis Majestatis“ („Wir erlauben es!“) – in der festen Überzeugung, dass ein einsames Singular für eine solche Lichtgestalt wie den Fürsten wohl kaum genügen kann. Untertanen wiederum wurden mit einem abschätzigen „Er“ (noch unter dem „Du“) beschieden – also „geerzt“ („Kerl, hat er denn überhaupt Pulver auf der Pfanne?“). Sozialer Aufstieg wurde gelegentlich mit „Ihrzen“ belohnt. Martin Luther zum Beispiel duzte seinen Sohn Hans, fühlte sich dann aber zum „Ihr“ verpflichtet, als Hans sein Magisterexamen bestand.

Wichtigster Zweck solcher „Honorifica“: Das Respektsgefälle wird klar, das soziale Gefüge einer Gesellschaft. Im Ungarischen gibt es gar drei Anredeformen: te (sehr vertraut), maga (distanziert) und Ön (sehr förmlich und respektvoll). Asiatische Sprachen kennen noch viel komplexere Höflichkeitssysteme. Und in manchen afrikanischen Sprachen gibt es gar eigene „Vermeidungssprachen“: Das sind vokabelarme Spezialvarianten, die sämtliche potenziellen Fallstricke und Missverständnisse ausklammern und nur für Personen vorgesehen sind, mit denen die Kommunikation unbedingt sein muss. Im Englischen hat sich dafür der Begriff „Mother-in-law-Language“ (Schwiegermuttersprache) durchgesetzt.

Nur scheinbar leicht haben es englische Muttersprachler: Zwar hat das „you“ die veraltete, nach Shakespeare klingende Singularform „thou“ völlig verdrängt. Das „you“ ist aber keinesfalls mit dem intimen deutschen „Du“ gleichzusetzen, sondern eine respektvolle Pluralform. Man könnte also sagen: In England duzen sich nicht etwa alle, sondern siezen sich. Im 19. Jahrhundert dann, als die ständische Gesellschaft sich in eine bürgerliche wandelte, wurden das Siezen und die Anrede „Herr“, „Frau“ und „Fräulein“ gang und gäbe. Bis um 1920 siezten auch Kinder ihre Eltern. Und keinesfalls hätten sich Liebende vor Elvis Presley vor dem ersten Kuss geduzt. FC-Bayern-München-Trainer Louis van Gaal lässt sich von seinen Kindern bis heute siezen, wobei das traditionelle niederländische „Sie“ eine deutlich weichere Siezvariante ist als das deutsche.

In den sechziger Jahren dann propagierte die studentische Linke im Sinne flacherer Hierarchien – und in Anlehnung an das kommunistisch-genossenschaftliche Bruder-Du – das allgemeine Duzen. „Sie“ war out, galt als spießig, verklemmt. Nun wendet sich das Blatt erneut.

Im Grunde sei die Sache ziemlich klar, sagt Walschburger. Je verunsicherter eine Gesellschaft, je bröckeliger die Werte, desto beliebter die „Rückkehr in die Rituale“.