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Medien & TV Mädchen, die Molche mögen
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12:32 24.01.2014
Jasna Fritzi Bauer spielt in „Ein Tick anders“ ein Mädchen mit Tourettesyndrom. Quelle: dpa
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Hannover

Behinderung ist ein Etikett, vor dem es kein Entkommen gibt. Eva Strumpf (Jasna Fritzi Bauer) hat deshalb die Schule abgebrochen und fährt lieber allein mit dem Fahrrad im Wald herum. Evas Etikett heißt Tourettesyndrom, eine Krankheit, die ihr Gesicht zucken und sie unkontrolliert fluchen lässt. Weil Begegnungen mit anderen Menschen Eva stressen, bleibt sie anderen fern und beobachtet lieber Molche.

Doch in ihrer schrägen Familie fällt die 17-Jährige damit kaum auf: Ihre Mutter (Victoria Trauttmansdorff) ist von Kaufsucht befallen, ihr Vater (Waldemar Kobus) hat seinen Job verloren. Evas Onkel ist kriminell, und ihre Oma schießt mit einem Gewehr im Garten auf Spielzeug. Eva kommt das alles ganz normal vor - so normal, wie es eben sein kann, wenn man selbst nicht normal ist.

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Durcheinander gerät ihre wundersame Welt erst, als ihre Familie wegen des neuen Jobs ihres Vaters nach Berlin umziehen soll. Neuer Stress, viele Menschen - und ihre Krankheit „immer wieder von vorne erklären“? Das will Eva auf keinen Fall. Sie versucht alles, um in ihrer Kleinstadt zu bleiben.

Andi Rogenhagen, der sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, erzählt mit „Ein Tick anders“ eine frische und skurrile Geschichte über ein Mädchen mit Behinderung, ohne dabei in Despektierlichkeit abzurutschen. Weil er ohne Ausrufezeichen und Zeigefinger auskommt, gelingt ihm das Kunststück, den Verlauf der kuriosen Geschichte fast immer glaubwürdig wirken zu lassen. Der Grimme-Preisträger erzählt in der 80-minütigen Koproduktion von NDR und arte mit viel Detailverliebtheit und in ruhigen Bildern. Diese lenken den Blick auf das Wesentliche: die Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer. Die 24-Jährige reißt mit ihrem natürlichen und intensiven Spiel mit. Ihre Protagonistin Eva erkundet und erfährt ihr Leben wie Audrey Tautou in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ - als wundersam und verrätselt. Der Film zeigt eindringlich und mit leichter Hand, wie das Leben von Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen aussieht. Menschen also, die ein bisschen anders sind als andere und deshalb nirgendwo reinpassen. Die Überzeichnung der Figuren nimmt dem Thema seine Last, etwa wenn Evas Psychologin nur ratlos Keksschälchen umherschiebt oder Phrasen von „Lebenswelten“ drischt oder wenn es bei Evas Jobsuche heißt: „Wir haben hier schon Behinderte. Behindert, leider ganz, überall - also fast tot.“

Rogenhagen lässt seine Hauptfigur Eva immer wieder scheitern. Sie wird deshalb von Selbstzweifeln geplagt („Früher wäre ich bestimmt verbrannt worden“) und hadert mit ihrer Krankheit: „Für Monster gibt es nichts zu gewinnen.“ Auch die Hilflosigkeit ihrer Mutter, mit Evas Krankheit umzugehen („Sie kauft sinnlose Sachen, um eine unheilbare Krankheit doch noch zu heilen“), wird ernsthaft, aber nicht überdramatisiert erzählt.

Einziges Manko ist, dass die intelligent inszenierte Geschichte an manchen Stellen doch über die Stränge schlägt. Wenn Evas Oma etwa zum Sterben unbedingt in Ruhe gelassen werden will oder Evas Gelddiebstahl auffliegt, aber ungestraft bleibt, büßt der ohnehin absonderliche Film seine innere Logik ein.

Die Geschichte vom Leben mit dem Tourettesyndrom wurde vor mehr als drei Jahren bereits mit dem erfolgreichen Roadmovie „Vincent will Meer“ erzählt. Rogenhagens Produktion lief ein Jahr später im Kino. Doch auch als Fernsehfilm ist „Ein Tick anders“ sehenswert, weil der Regisseur eine stillere, aber deshalb nicht weniger beachtenswerte Variante liefert.

„Ein Tick anders“ | arte Tragikomödie mit Jasna Fritzi Bauer, Sonnabend, 20.15 Uhr

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