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Medien & TV Der große Selbstbetrug
Nachrichten Medien & TV Der große Selbstbetrug
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08:16 25.06.2014
Von Imre Grimm
„Dein Fernseher lügt“: Moritz Bleibtreu, Milan Peschel und Elsa Sophie Gambard manipulieren im Kinofilm „Free Rainer“ die TV-Quote.
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Gewonnen! Schon wieder! Jeden Morgen um 8.30 Uhr werden Deutschlands Fernsehschaffende Zeugen eines mathematischen Wunders: Sie sind alle Sieger. Wenn die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ihre frischen Quotendaten aus Nürnberg in die Funkhäuser schickt, rechnet man sich dort blitzschnell die Welt schön. Marktführer! (In der Zielgruppe der weiblichen 29- bis 38-Jährigen ohne Abitur). Spitzenreiter! (Am Vormittag zwischen zehn und zwölf Uhr in katholischen Kleinstädten). Prime-Time-Sieger! (Dienstags im Genre „Sitcoms/Comedy“ bei volljährigen, linkshändigen Einzelkindern mit Balkontomaten).

Kaum jemand ist so begabt darin, noch die miesesten Zahlen zur Erfolgsmeldung hochzujazzen wie die PR-Abteilungen der TV-Sender. Und das ist kein Wunder. Denn das Ausblenden der Wirklichkeit gehört zum System. Längst haben sich die Inhalte vom Fernsehgerät entkoppelt, längst guckt das Publikum massenhaft über PC, Tablet, Smartphone wann und wo es will. Doch die Quote – immerhin das wichtigste Erfolgsbarometer einer Milliardenbranche – funktioniert größtenteils noch immer nach einem Muster aus der Mediensteinzeit: Zurzeit dokumentieren 5000 sogenannte „GfK-Meter“ in ebenso vielen „repräsentativ“ ausgewählten Testhaushalten den TV-Konsum von 10 500 Personen, die sich mit einer Spezialfernbedienung jeweils am Gerät anmelden müssen, das dann auswertet, was und wie lange sie fernsehen. Jede Testperson repräsentiert damit rechnerisch 7200 deutsche TV-Zuschauer. Dafür gibt’s monatlich 7,50 Euro Aufwandspauschale.

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Warum die Quote so wichtig ist

Die Einschaltsquote ist die wichtigste „Währung“ auf dem Fernsehmarkt. Bei RTL, Pro7, SAT.1 oder Vox entscheidet sie über Werbemillionen, bei den gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen dient sie vor allem als oft strapazierter Legitimationsnachweis. Bereits seit der ZDF-Gründung 1963 wird das deutsche TV-Verhalten erforscht. Seit 1988 wird die Quote im Auftrag der senderübergreifenden Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg ermittelt – Aufwand: 20 Millionen Euro jährlich. Die Messung mit 5000 „GfK-Metern“ (Bild) ist jedoch stark fehleranfällig: Das System ­registriert zum Beispiel nicht, ob ein Fernseher unbeachtet vor sich hin läuft. Der Potsdamer Mathematiker Gilles Blanchard warnt vor übertriebener Zahlengläubigkeit: Bei einem Marktanteil von zehn Prozent etwa liege die Fehlerquote bei 0,8 Prozent. Die höchste Gesamtzuschauerzahl bisher wurde beim WM-Halbfinale Deutschland gegen Spanien am 7. Juli 2010 gemessen (31,10 Mio.). gri

Nur in 140 Testhaushalten sind die Hauptverdiener EU-Ausländer, obwohl jeder Zehnte in Deutschland keinen deutschen Pass hat (und trotzdem fernsieht). Hotels, Büros, Studenten-WGs, Altenheime, Nicht-EU-Bürger wie die 2,5 Millionen türkischen Einwanderer? Werden ignoriert – ebenso wie iPhone-, Mac- und Android-Gucker. Immerhin: Inzwischen ermittelt die GfK bei 25 000 zusätzlichen Deutschen auch den Internet-TV-Konsum – allerdings nur auf Windows-PCs. Und auch eine Mediatheken-Hitliste gibt es seit 2014, allerdings parallel zur klassischen Quote. Hier können sich auch Portale wie YouTube oder Verlage anmelden, denn Fernsehen geht inzwischen auch ohne Fernseher. Allerdings misst keine Quote der Welt, ob dem Zuschauer das, was er sah, auch gefiel. Und zusammengeführt werden all diese Daten erst 2015.

Es ist zwei Jahrzehnte her, dass RTL-Gründer Helmut Thoma die „werberelevante Zielgruppe“ der 14- bis 49-Jährigen erfand – eine „imaginäre Spanne“, wie er später zugab. Sie gilt als Schnee von gestern, sei aber eben „ein Tanker, der sich schwer wenden lässt“, wie Matthias Wagner von der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung sagte. Zuletzt machte sich RTL für eine „neue“ Zielgruppe der 20- bis 59-Jährigen stark, was das Quotenwesen endgültig verwässert.
Niemand in der TV-Branche bezweifelt die begrenzte Belastbarkeit der Zahlen. Doch der Selbstbetrug hat Methode. Zwar vermeldet man stolz, wenn wieder Hunderttausend Zuschauer Jan Böhmermanns „Neo Magazin“ in der Mediathek abgerufen haben – aber ganz weg vom alten Messsystem? Das ist riskant. Denn es könnte sich herausstellen, dass das lineare Fernsehen schneller stirbt als gedacht, dass also RTL-Castings, SAT.1-Schmonzetten und die Christine-Neubauer-Happy-End-Konsensware bei ARD und ZDF eben nicht zwingend mehrheitsfähiges Fernsehen bleiben müssen. Werbekunden und Redaktionen aufschrecken? Das will niemand, solange der Milliardenmarkt mit der zähneknirschend akzeptierten Vergleichswährung „14 bis 49“ halbwegs funktioniert.

Derzeit arbeitet man bei der GfK – immerhin einem der fünf größten Konsumforschungsunternehmen der Welt mit knapp 13 000 Mitarbeitern – trotzdem an einem neuen Standard für die Quotenmessung. Ein Zeitpunkt, ab wann auch Mobilnutzer berücksichtigt werden, steht aber noch nicht fest. Dafür wirbt die GfK damit, schon 2015 ein neues, „innovatives System zur TV-Messung einzuführen, das auch Echtzeit-Quoten misst und Daten zu TV-Spots und Werbekampagnen erfasst“ – in Brasilien.

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