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Medien & TV Erbgutmanipulation im Kölner „Tatort: Auskreuzung“
Nachrichten Medien & TV Erbgutmanipulation im Kölner „Tatort: Auskreuzung“
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19:23 23.09.2011
Von Imre Grimm
Ermittlung im Gewächshaus: Die Kommissare Schenk und Ballauf (Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt, M.) versuchen, Genforscher Dr. Christoph Rubner (Mišel Maticevic, r.) inhaltlich zu folgen. Quelle: ARD
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Manchmal könnte man auf den Gedanken kommen, die hätten da beim WDR ein Themen-Glücksrad im Keller stehen mit dem Besten aus „Tageschau“ und „Tagesthemen“. Und immer, wenn eine neue „Tatort“-Story her muss, wandert der Redakteur in Köln ins Untergeschoss und dreht einmal kräftig am Rad: klack-klack-klack-klack – Asyl-Kirche-Missbrauch-Atom-Prostitution-Mafia-Nahostkonflikt-Irakkrieg-Menschenhandel – und zack: Diesmal blieb das Glücksrad bei „Gentechnik“ stehen. Gentechnik also. Gott ja, warum nicht? Schön kontrovers, da hat jeder eine Meinung, das passt.

Und so schleppen sich die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Alfred „FreddySchenk (Dietmar Bär) diesmal durch einen Fall, in dem es um transgene Kartoffeln geht, um Antikörpersequenzen und Aminosäuren und Proteindosen und transformierte Agrobakterien und das berühmte Blasenmützenmoos. Jawohl, Blasenmützenmoos.

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In einem Gentechnikinstitut ist eine Wissenschaftlerin ums Leben gekommen. Tod durch Trockeneis. Die Forschungseinrichtung experimentiert mit genmanipulierten Tabakpflanzen, um neue Medikamente zu entwickeln. Unfall, fahrlässige Tötung oder Mord? Welche Rolle spielt der Konkurrenzdruck innerhalb der Firma? Hat der militante Gentechnikgegner Alexander Geyda (Tom Schilling) etwas damit zu tun, der mit seinen Kumpels auf einem besetzten Feld mit genmanipulierten Kartoffeln herumlümmelt und gentechnikkritische Schattenspielchen veranstaltet? Und warum ist die ehrgeizige Laborantin Lara Bahls so verhuscht (irritierend, angemessen spröde, aber sprachlich etwas zu sehr vom Theater geprägt: Luise Berndt)? Hat sie etwas zu verbergen?

„Die krempeln hier die Welt um, Max“, sagt Dietmar Bär alias Freddy Schenk, „und wir merken’s nicht mal.“ Aber alle Bemühungen, diesem allzu sterilen Krimi aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft, in dem sich alles um Fördergeld und Publikationen in Fachmagazinen dreht, eine globale Dramatik zu verleihen, laufen ins Leere. Zu holzschnittartig sind manche Dialoge, zu groß die Müdigkeit, die über diesem Film liegt. Selbst die sonst so temperamentvollen Kölner Kumpels wirken seltsam tranig in ihrem 51. Fall, dessen Bildsprache sich mit depressivem Pop und einer verwackelten Traumsequenz allzu gewollt um Coolness bemüht.

Regisseur Thorsten C. Fischers Film ist inkonsistent und zerfasert, und dann muss sich Ballauf auch noch mit der Frage beschäftigen, ob er vor 14 Jahren versehentlich seine eigenen Gene weitergegeben hat: Plötzlich steht der heftig pubertierende Finn (Kai Malina) vor seiner Haustür, Sohn einer verflossenen Liebschaft. Ist Ballauf der Vater? Ein Bluttest soll Klarheit bringen.

Das Skript von Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer will Für und Wider der Gentechnik beleuchten, will deutlich machen, dass es bei der Manipulation von Pflanzen nicht nur um Erträge geht, sondern auch um neue Medikamente, um wissenschaftliche Chancen, etwa bei der Suche nach einem HIV-Impfstoff. Aber irgendwann ist es dem Zuschauer dann leider auch egal, warum der Kühlschrank abgestellt ist oder die Mülltüten keine Fingerabdrücke aufweisen oder Oberforscher Dr. Prangel (Ole Puppe) so komisch guckt. Spannungsarmut ist bei Fernsehkrimis ein Kapitaldelikt. Die ermüdenden wissenschaftlichen Details und die sterile Laboratmosphäre schaffen zusätzliche Distanz. Sogar die olle Würstchenbude am Rhein fehlt diesmal.

Gerade erst waren Ballauf und Schenk mit ihrem starken 50. Fall zu sehen. „Auskreuzung“ ist der Lückenbüßer für den Matthias-Brandt-„Polizeiruf“ („Denn sie wissen nicht, was sie tun“), den der Bayerische Rundfunk wegen verstörender Bilder und expliziter Gewaltdarstellungen vom angestammten Sonntagssendeplatz ins Nachtprogramm vom Freitag verschoben hatte. Ein würdiger Ersatz? Leider nicht. Wissenschaft kann sehr zäh sein.

TatortAuskreuzung“ | ARD
Mit Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär.
Sonntag, 20.15 Uhr

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