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Medien & TV Erste „Wetten, dass ...?“-Sendung nach Unfall
Nachrichten Medien & TV Erste „Wetten, dass ...?“-Sendung nach Unfall
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09:27 12.02.2011
Von Imre Grimm
Thomas Gottschalk muss den richtigen Ton treffen, ohne die Feierlaune zu zerstören. Quelle: ZDF
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Alles wird wie immer aussehen am heutigen Sonnabendabend, die Bühne, die Lichter, die Gummibärchen auf dem Glastisch vor dem weißen Sofa. Thomas Gottschalk wird ein paar freundliche Worte sagen zu Beginn, und man wird applaudieren in Halle an der Saale. Und dann wird eine Sendung beginnen, die zu den schwersten gehören dürfte, die Gottschalk jemals moderiert hat.

Denn was kann schon normal sein bei der ersten Ausgabe von „Wetten, dass ...?“ nach dem Drama, nach dem Unfall von Samuel Koch vor 71 Tagen, bei dem sich der 23-Jährige vor 8,13 Millionen Live­zuschauern zwei Halswirbel brach. 30 Jahre alt wird „Wetten, dass ...?“ in diesen Tagen. 884 Wetten lang ging alles gut. Doch die 885. Wette stürzte den ZDF-Klassiker in die tiefste Krise seiner Geschichte. 60 Millisekunden dauerte der Aufprall von Samuel auf das Auto, das sein Vater fuhr. In der Notfallaufnahme sagte er: „Es tut mir so leid, Papa.“ Das berichtet der „stern“, der die Familie in den vergangenen Wochen begleitet hat.

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Tags darauf hatte sein Vater Geburtstag. „Schenk dem Papa, dass du wieder läufst“, sagte die Mutter. „Lässt sich einrichten“, sagte Samuel.

Mit einem Wimpernschlag veränderte sich sein Leben. Er ist gelähmt, manchmal sind die Schmerzen unerträglich, auch wenn er leichte Forschritte macht. Samuel Koch liegt in einer Schweizer Spezialklinik. Er sei „nun wieder Kind“, hat er seinen Eltern gesagt. Und er kämpft. Vier Stunden Therapie täglich, bei den Mahlzeiten füttern ihn Mutter oder Vater. Alle zwei Stunden wird er umgelagert, damit er sich nicht wund liegt. Die Krankenschwester ruft er mit einem Gerät, das er mit dem Mund bedient. Er will wieder laufen können, er ist Sportler, sein Wille und Ehrgeiz sind stark. Vater und Sohn haben über den Unfall gesprochen: „Wir haben es zusammen verbockt“, sagte Christoph Koch. „Entweder bist du zu flach abgesprungen, oder ich bin zu schnell gefahren. Oder beides.“ Es gibt keine Schuldvorwürfe zwischen ihnen. Auch der Glaube hilft den Kochs, schreibt der „stern“.

Die Anteilnahme ist unverändert hoch. Die Facebook-Gruppe „Gute Besserung für Samuel Koch“ hat 75.000 Mitglieder. „Am liebsten hätte ich auch etwas von deinem Kämpferherz“, hat einer geschrieben. Und immer wieder heißt es: „Du schaffst das.“

Und Gottschalk? Er wollte sich vor der heutigen Sendung – anders als sonst – nicht öffentlich äußern. Ein ZDF-Mitarbeiter hat Samuel im Krankenhaus besucht. Als er zurückkam, schrieb er an den Vater: „Ich glaube, Samuel hat mir mehr Kraft geben können als ich ihm.“ Immer wieder verwies das ZDF in den vergangenen Tagen auf die hohen Sicherheitsstandards, die auch in Halle Gültigkeit hätten. „Das war schon immer so, und das bleibt auch so“, sagte ZDF-Sprecher Peter Gruhne während des Aufbaus in der Messehalle. Hoch sportive, riskante Wetten werde es nicht mehr geben. Auch wenn Gutachter das ZDF von jeder Mitschuld freisprachen: In Mainz fühlt man sich mitverantwortlich.

Die 193. Ausgabe der noch immer größten TV-Sendung ihrer Art in Europa wird ein Balanceakt. ­Einerseits liegt nun ein Schatten über der Show. Andererseits feiert „Wetten, dass ...?“ in Halle seinen 30. Geburtstag: Am 14. Februar 1981 ging Frank Elster (heute 68) erstmals mit der Show auf Sendung. Entwickelt hat er das Konzept in einer einzigen schlaflosen Nacht 1980. Seine ersten vier Wettkandidaten hat er sich genau gemerkt. „Denn wenn die alle verloren hätten, gäbe es die Sendung nicht mehr.“ Zu Gast waren: „Eine Berliner Porzellanmalerin, die vom Einmeterbrett ins Wasser gesprungen ist, ohne mit dem Kopf unterzugehen, dazu der Schmied von Attendorn, der ein Eisen glühend geschlagen hat, ein Bodybuilder aus Bayern, der eine Wärmflasche zum Platzen gebracht hat, und ein junger Mann, der die Zahl Pi bis 100 Stellen nach dem Komma exakt kannte.“

Keine Stunts also zur Premiere, keine waghalsigen Aktionen. Erst später kamen die Baggertricks und Fallschirmsprünge. Für das ZDF dürfte ein Blick zurück die Richtung für die Zukunft vorgeben: Risiko minimieren, zurück zu den kleinen, schrägen, ungefährlichen Ideen: ein Bauer, der seine 18 Kühe am Schmatzen erkennt. Ein Freundestrio, das Popsongs am rhythmischen Zucken von Brustmuskeln erkennt. Für den heutigen Sonnabendabend verspricht das ZDF „viel Wind um eine Frisbeescheibe“ sowie einen Kandidaten, der „mit seinen Ohren kann, was andere nicht mit den Händen können“. Das klingt nach Kleinkunst statt Skisprungschanze.

Zu den Gästen in Halle (20.15 Uhr live im ZDF) gehören Take That mit Robbie Williams, die schon am 4. Dezember hinter der Bühne warteten und nach Samuel Kochs Sturz geschockt abreisten. Mit dabei sind auch Roxette, Naomi Campbell, Udo Lindenberg (mit dem Musical „Hinterm Horizont“), Max Raabe sowie Anna Loos, Jan Josef Liefers, Annette Frier und Maria Furtwängler, die für den ZDF-Zweiteiler „Schicksalsjahre“ wirbt.

So richtig in Feierlaune ist man beim ZDF nicht. Eine Party mit gebremstem Schaum also? 144 Ausgaben hat Gottschalk seit 1987 moderiert. Die 145. wird eine echte Bewährungsprobe.

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