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Medien & TV Es brennt? Schicken Sie ein Fax!
Nachrichten Medien & TV Es brennt? Schicken Sie ein Fax!
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20:57 10.07.2012
Von Imre Grimm
Ein Ausschnitt aus dem Notruf-Fax für Gehörlose. Quelle: HAZ
Hannover

Es ist mitten in der Nacht, als Julia Probst plötzlich aufwacht. Blaulicht flackert durch die Schlitze ihrer Jalousie. Es riecht nach Rauch. „Mir war sofort klar, dass etwas passiert sein musste“, sagt sie. Aber was?

Julia Probst ist gehörlos, seit ihrer Geburt. Keine Polizeisirene hat sie geweckt, kein Rauchmelder, kein Alarm. Nur der Zufall. Im Nachbarzimmer schläft ihre WG-Mitbewohnerin, auch sie ist gehörlos. „Riechst du das?“, fragt Probst in Gebärdensprache. Beide laufen auf die Straße. Das Nachbarhaus steht in Flammen, „der Dachstuhl brannte lichterloh“. Auch hier wohnt eine gehörlose Bekannte, von ihr fehlt jede Spur. Erst 24 Stunden später erfahren die Frauen: Das Haus war leer. Die Nachbarin schlief bei Freunden, zufällig.

Ein Notfall, wie er sich zehntausendfach ereignet jedes Jahr. Hörende Menschen wählen die 110 oder 112. Und Gehörlose? Müssen im Ernstfall ein Fax an die Feuerwehr schicken. Was sich anhört wie ein schlechter Witz, ist im Jahr 2012 Standard in Deutschland. Denn einen bundesweit erreichbaren, einheitlichen Notruf per SMS an die 112 gibt es nicht - anders als in England, den USA, Irland, Schweden, Finnland, Norwegen, Österreich oder Portugal. Wer in Deutschland an die 112 simst, landet im digitalen Nirgendwo. Von deutschen Gehörlosen wird stattdessen erwartet, dass sie

- ein spezielles Faxformular aus dem Internet herunterladen und ausdrucken,

- bis zu 24 vordefinierte Felder entschlüsseln und korrekt ausfüllen,

- die Faxnummer der zuständigen Behörde heraussuchen,

- ein funktionstüchtiges Faxgerät finden,

- das Fax losschicken,

- und am Faxgerät auf Antwort warten.

Unmöglich, wenn das Schlafzimmer brennt. Unmöglich bei einem Fahrradunfall im Wald. Unmöglich, wenn ein bewaffneter Einbrecher durch die Wohnung schleicht. Ein Handy hat jeder. Ein Faxgerät aber? Im Jahr 2012? Es hat ja auch niemand mehr ein Grammofon. „Früher besaßen so gut wie alle Gehörlose ein Fax“, sagt Julia Probst, „heute aber ist das Smartphone die Norm“. Sie ist bei Twitter unter dem Namen @einaugenschmaus populär und machte zuletzt mit ihrem Lippenableseservice während der Fußball-EM auf sich aufmerksam. Dass Gehörlose im Notfall faxen sollen, hält sie für „ungeheuerlich. Der Zeitverlust ist extrem und kann lebensgefährlich sein.“

Seit Jahren kämpfen sie und andere Betroffene für einen bundesweit einheitlichen Notruf per SMS. Einzelne Feuerwehrstandorte wie in Köln, Brandenburg, Berlin oder Sachsen bieten einen solchen Service an. Doch es herrscht Chaos: Alle haben eigene Nummern mit bis zu 13 Ziffern, alle unterscheiden sich je nach Leitstelle, Netzbetreiber und Standort - ein bunter Mix. „Angela Merkel hat in ihrem Videopodcast vom 3. März 2012 einen SMS-Notruf versprochen“, sagt Probst. „Wir haben jetzt Juli, und es ist immer noch kein Startdatum in Sicht.“

Jeder zehnte Deutsche ist schwerhörig oder ganz gehörlos, etwa 1,5 Millionen können nicht mehr telefonieren. Dazu kommen rund 800000 Stotternde, die im Notfall zu aufgeregt sein könnten, um sich klar zu äußern. „Diese Menschen haben ein Problem“, sagt Volker Meyer vom Deutschen Feuerwehrverband. Im Sommer 2011 etwa rief in den Alpen ein verunglückter gehörloser Wanderer per SMS um Hilfe. Er konnte nur gerettet werden, weil Österreich den SMS-Notruf schon eingeführt hatte.

Das EU-Parlament hat sich im November 2011 für einen barrierefreien 112-Notruf ausgesprochen. Passiert ist seitdem: nichts. Es liefen Gespräche, sagte gestern ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Die in Hannover angesiedelte „Expertengruppe Notruf“ der Innenministerkonferenz lote derzeit Alternativen zum Fax aus, auch im Kontakt mit dem Deutschen Gehörlosenbund. „Das Problem ist erkannt.“ Grund für das Zögern: Man traut der „modernen“ Technik nicht recht und fürchtet, dass eine SMS zeitverzögert eintreffen könnte. Mit der Folge, dass Betroffene vor Gericht klagen könnten. Im Übrigen enthalte eine SMS keine Standortinformationen.

Im Netz erntet derlei SMS-Skepsis Spott. „Klar - ich verblute lieber, als dass ich mir von einer so unsicheren Technik wie SMS das Leben retten lasse!“, kommentiert ein Leser des Netzmagazins „Tele­polis“ süffisant. Auch Pierre-Enric Steiger schüttelt den Kopf. Er ist Präsident der Björn-Steiger-Stiftung, die sich für eine Beschleunigung der Rettungskette nach Unfällen einsetzt. „Bei einem Test mit knapp einer Million SMS brauchten nur zwei Prozent länger als fünf Minuten bis ans Ziel“, sagt Steiger. „98 Prozent kamen sofort an.“

35 Millionen Notrufe gehen in Deutschland jährlich ein. Was ein rechtsverbindlicher Notruf ist, ist dabei klar definiert - mit allen juristischen Konsequenzen. Sieben Jahre hat die zuständige Bundesnetzagentur an einer neuen Notrufverordnung gebastelt, die 2011 in Kraft trat. Das Ergebnis klingt altertümlich: Für Notrufe sind weiterhin nur Telefon und Fax vorgesehen. Auch eine GPS-Ortung (etwa von eingeklemmten Personen), die Notrufexperten heute vermissen, ist nicht vorgesehen. „Die neue Verordnung ist von vorgestern“, kritisiert „Telepolis“. In freier Natur seien verletzte Gehörlose chancenlos. „Schade, dass kein Faxgerät am nächsten Baum hängt.“

Technisch gesehen wäre der bundesweit einheitliche SMS-Notruf kein Problem, teuer wäre die Umrüstung Fachleuten zufolge auch nicht. Und auch Hörende würden davon profitieren - etwa, wenn der Handyakku nur noch für eine SMS ausreicht. Oder wenn Telefonieren den Täter aufschrecken würde. Die Missbrauchsgefahr hat sich in Ländern mit SMS-Notruf als äußerst gering erwiesen - sie betrug etwa ein Prozent.

2009, nach dem schweren Erdbeben im italienischen L’Aquila, lag die schwerhörige Eleonora Calesini zwei Tage lang verschüttet unter Trümmern. Sie konnte die Rufe der Retter nicht hören, die nach ihr suchten. Nur weil ihr Vater ahnte, wo sie lag, wurde sie gerettet. Gehörlose haben kein Verständnis dafür, dass Politbürokratie und technische Bedenken im Hightechland Deutschland eine sinnvolle und unter Umständen lebensrettende Neuerung blockieren. Dabei ist erst in diesen Tagen wieder eine dreimonatige Testphase für den SMS-Notruf erfolgreich zu Ende gegangen. In Slowenien.

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Imre Grimm 12.07.2012