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Medien & TV Ex-„Rolling Stone“-Redakteur leitet „Spex“
Nachrichten Medien & TV Ex-„Rolling Stone“-Redakteur leitet „Spex“
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23:22 15.06.2012
Von Karsten Röhrbein
Kein Kaffeetisch-Magazin?: Seit Freitag gibt es die neue „Spex“ am Kiosk. Quelle: Handout
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Hannover

Die Aufregung war groß. Ein Bruce-Springsteen- und David-Bowie-Fan soll das Popdiskursblatt „Spex“ übernehmen? Einer, der beim „Rolling Stone“ gearbeitet hat, dem nicht eben für popkulturelle Grundsatzdiskussionen bekannten Nachlassverwalter von Rolling Stones und Beatles? Als sich Neuchefredakteur Torsten Groß dann auch noch herausnahm, in einem Interview mit „Spiegel Online“ zu kritisieren, dass sich die „Spex“ zuletzt zu einer Art „Kaffeetisch-Magazin für eine extrem spitze Zielgruppe überdurchschnittlich gut Informierter“ entwickelt habe, war für die Kritiker das Ende des intellektuellen Popjournalismus ausgemachte Sache.

Seit Freitag nun liegt die erste, von Groß verantwortet Ausgabe des Berliner Magazins am Kiosk. Man muss allerdings genau hinschauen, um sie zwischen dem „Rolling Stone“ und dem „Musikexpress“ (beide erscheinen beim Axel Springer Verlag) überhaupt zu finden. Auf dem Titelfoto lächeln die Beastie Boys – und fügen sich nahtlos ein in die Reihe der mutlosen Musikmagazincover: Der „Rolling Stone“ hat mal wieder ein Mick-Jagger-Foto rausgekramt, während der „Musikexpress“ mit einer Zeichnung von Radiohead-Mastermind Thom Yorke um Kunden buhlt, die zumindest noch nicht mit dem Mord an John Lennon mit der Popkultur abgeschlossen haben. Das „Spex“-Cover, das ist nicht zu übersehen, ist ein Kompromiss. Schließlich mussten sich die beiden Groß-Vorgänger Jan Kedves und Wibke Wetzker vom Verleger Piranha Media den populistischen Vorwurf gefallen lassen, immer obskurere Künstler auf den Titel zu bringen. Leute wie den Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor James Franco etwa, die angeblich kaum einer kennt, und über die angeblich auch kaum einer etwas wissen will. Die „Spex“ gab sich gerne etwas sperrig, umschmeichelte den Leser – anders als die Konkurrenz – nicht mit der in mundgerechte Texthäppchen aufgegliederten Diskografie der Titelband. Doch in erhellenden Exkursen zu Crowdfunding bei Filmproduktionen, zur Sehnsucht nach Instagram-Nostalgie und mit überraschenden Musikerporträts hob sich das 1980 gegründete Blatt angenehm ab vom kunterbunten Mainstream der Pop-Postillen – bis die Zahlen nicht mehr stimmten. Anfang 2012 brach die „Spex“-Auflage ein: Wurden nach IVW-Angaben im ersten Quartal 2010 noch etwa 20.000 Exemplare verkauft, waren es zwei Jahre später nur noch rund 14.400.

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Das Beastie-Boys-Cover anlässlich des Todes vom Gründungsmitglied Adam Yauch ist Groß’ Versuch, es mit neuer Redaktion beiden recht zu machen: den Abonnenten und dem Verlag. Die drei smarten Rüpel, die Hip-Hop salonfähig gemacht und viele Musiker- und Musikhörergenerationen ermutigt haben, Genregrenzen zu überwinden, dürften der größte gemeinsame Nenner der „Spex“ sein.

Ein Spagat ist auch der Rest des Hefts: Dort findet sich eine Reportage zur Britrockband Maximo Park, aber auch ein Zwiegespräch zwischen David-Bowie-Produzent Tony Visconti und Moses Schneider, der den Sound von Bands wie Tocotronic und den Beatsteaks geprägt hat. Ted Gaier von den Goldenen Zitronen darf Punkikone John Lydon (Ex-Sex-Pistols) interviewen und der Gründer des Spreeblick-Blogs, Johnny Haeusler, widmet sich zum Auftakt seiner neuen Kolumne dem Streit ums Urheberrecht. Es gibt Nischen für Rap-, Pop- und Klubmusik, und das „Spex“-­Pop­theoretiker­urgestein Diedrich Diederichsen darf sich „willkürlich und anlassfrei“ durch die Musikgeschichte hören. Unter „Gutes von gestern“ fällt auch die Wiederaufnahme von „Bilder, die die Welt bewegten“, einer Rubrik, in der Filme mithilfe der zentralen Screenshots analysiert werden. Die sei „von vielen Lesern schmerzlich vermisst“ worden, schreiben die „Spex“-Macher, ehe sich der Analytiker ausführlich dem Arthouse-Werk „Vier im roten Kreis“ von Jean-Pierre Melville widmet. Ach ja, und Mode gibt es auch noch.

Auch künftig, das ist die Botschaft, will die „Spex“ möglich viele Facetten von Pop im Blick behalten – anders als mancher Konkurrent offenbar nicht nur, um den Anzeigenkunden ein passendes Umfeld zu bieten. Die notorisch kritischen Leser dürfte das freuen. Bislang hatte schließlich noch jeder Wechsel in der Chefredaktion zu erregten Debatten geführt.

„Ich wünsche mir ein Magazin, das eine angesagte Lieblingsband auch mal auf den Mond schießt (auch wenn’s manchem wehtut)  und auch mal wieder eine neue Lieblingsband herausfischt, ohne gleich mit ihr Bier zu trinken oder einen heimeligen Kochkurs mit ihr zu veranstalten“, hatte ein Leser geschrieben, als die „Spex“ 2007 unter Max Dax widerwillig nach Berlin zog. Diesen Wunsch hat jetzt auch Chefredakteur Groß beherzigt. Und er darf sich bereits über erste selbstkritische Leserkommentare freuen: „Ich war bis jetzt noch bei jedem Redaktions- und Layoutwechsel zunächst mal angepisst, und das hier erscheint mit auch wieder wie der Untergang“, schreibt einer. „Aber dann hat sich die letzten Male doch immer viel Gutes und Schönes gefunden.“

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