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22:46 22.01.2009
Von Karl-Ludwig Baader
Die Geschichte der Familie Weiß: Berta (Rosemary Harris) und Josef Weiss (Fritz Weaver) in Auschwitz. Quelle: WDR/Worldvision Enterprises.
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Die Tage vom 22. bis zum 26. Januar 1979 gehören zu den aufregendsten in der deutschen Fernsehgeschichte: Zwischen zehn und 15 Millionen Deutsche sahen an vier Abenden die vierteilige amerikanische Familienserie „Holocaust – die Geschichte der Familie Weiß“, die die Vernichtung der europäischen Juden am Beispiel zweier Familien, einer jüdischen und einer „arischen“, erzählt. Im April 1978 war die Serie schon mit überwältigendem Erfolg (120 Millionen Zuschauer) im US-Fernsehen bei NBC ausgestrahlt worden.

Es gibt in Deutschland im Bereich der Zeitgeschichte kein Fernseh- und Medienereignis, das eine vergleichbare Resonanz und ähnliche Folgen für das Geschichts- und damit das Selbstbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft hatte. Der Zuschauerzuspruch steigerte sich von Folge zu Folge – von 31 auf 41 Prozent Sehbeteiligung. Die Open-End-Debatten, die sich jeder Folge anschlossen, verfolgten noch 18 Prozent der Zuschauer. Mehr als 30.000 Anrufer beteiligten sich an den Gesprächsrunden, an denen Historiker und Zeitzeugen teilnahmen.

Die Reaktionen der Zuschauer wurden wissenschaftlich untersucht: Während ein Viertel aller Befragten forderte, man solle das Thema endlich ruhen lassen, zeigten sich zwei Drittel der Zuschauer tief erschüttert, zwei Fünftel empfanden Scham darüber, was die Deutschen getan hatten. Viele waren erstaunt über das Ausmaß und die Systematik der Verbrechen.
Diese überwältigende Wirkung wurde erst möglich durch die Debatten im Vorfeld der Serie, aber auch durch Terroranschläge von deutschen Rechtsradikalen, die vor der Ausstrahlung Sendeanlagen sprengten. In der ARD war man sich keineswegs darüber einig, ob man die Serie überhaupt senden sollte. Deshalb wurde sie – ein Kompromiss – zeitgleich in allen Dritten Programmen gezeigt.

Umstritten war vor allem die Machart der Serie. In Amerika kritisierte Elie Wiesel, Schriftsteller und Überlebender der Vernichtungslager, den „kommerziellen“ Stil, den „Soap“-ähnlichen melodramatischen Charakter der Dramaturgie und die Unterbrechung mit Werbeeinblendungen. Der Vorwurf der „Trivialisierung“ wurde auch in der deutschen Debatte erhoben.
Tatsächlich arbeitete Regisseur Marvin J. Chomsky (der schon das TV-Sklavenepos „Roots“ inszeniert hatte) mit Stereotypen und verband Emotionalisierung mit einem didaktischen Modell: So waren die historischen Ereignisse des 1978 produzierten Films authentisch, etwa der Partisanenkampf, die Ermordung in der Gaskammer oder die Rettung und Übersiedlung nach Palästina – sie wurden aber alle durch Mitglieder ein und derselben Familie durchlebt.

Für die Täterseite stand die Familie Dorf, vor allem der Jurist und Nazi Erik, der bei der Wannseekonferenz dabei war und schließlich auch noch das Massenmassaker von Babi Yar befahl. So erhielten Täter wie Opfer ein Gesicht: Das ermöglichte Einfühlung in das Leiden der Opfer – und erhöhte die Vorstellungskraft der Zuschauer. Eine solch persönliche Reaktion kann von noch so monströsen Opferstatistiken nicht erreicht werden.

Nach Ausstrahlung der „Kristallnacht“-Szene etwa meldeten sich zahllose aufgewühlte Deutsche in Polizeistationen, die sich – als Teilnehmer der Pogrome – selbst im Nachhinein anzeigen wollten. Die Wirkung war sicherlich beeindruckend, aber sie wäre ohne das publizistische Umfeld so nicht möglich gewesen. Es gab im Vorfeld nicht nur Kontroversen über die Machart, eine Woche vor der Ausstrahlung der Serie hatte die ARD eine „seriöse“ Dokumentation gezeigt.

Wichtiger aber war, dass zu jener Zeit eine „Hitler-Welle“ durch den Büchermarkt rollte. Der Fischer Verlag widmete dem Thema eine Taschenbuchserie, die Hitler-Biografie von Joachim Fest war schon Jahre zuvor herausgekommen und viel diskutiert worden. Der Generationswechsel hatte nicht nur das Interesse verstärkt (68 Prozent der 14- bis 29-Jährigen schauten sich die Serie an), sondern auch die Bereitschaft, sich wirklich auf das Geschehen einzulassen. Insofern wurde durch die Serie nur ein Trend verstärkt.

Sicher ist, dass erst mit dieser Serie der englische Begriff „Holocaust“ (Brandopfer) für den Genozid an den europäischen Juden in den deutschen Sprachgebrauch einging. Viele glauben, dass die Ausstrahlung der Serie die damalige Debatte um die Verjährung von NS-Verbrechen beeinflusst hat. 1979 hob der Bundestag die Verjährungsfrist für Mord auf.

Interessant ist, dass Vermutungen über die Trivialisierung historischer Themen und Kritik an amerikanischer „Oberflächlichkeit“ auch später laut wurden, bevor Filme wie Steven SpielbergsSchindlers Liste“ oder in jüngster Zeit das Stauffenberg-Drama „Walküre“ mit Tom Cruise überhaupt in die Kinos kamen. In der Regel wurden solche Kritikerpositionen revidiert, wenn die Filme dann tatsächlich gezeigt wurden. Die Zuschauer jedenfalls waren damals wie heute nach dem Anschauen nicht dümmer als zuvor.