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Medien & TV Wir basteln uns eine Fernsehgala
Nachrichten Medien & TV Wir basteln uns eine Fernsehgala
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00:15 16.11.2013
28 Zentimeter hoch, zweieinhalb Kilo Bronze, mit 18-karätigem Gold überzogen: Am Donnerstag wird der „Bambi“ verliehen.
28 Zentimeter hoch, zweieinhalb Kilo Bronze, mit 18-karätigem Gold überzogen: Am Donnerstag wird der „Bambi“ verliehen. Quelle: dpa
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Nehmen wir kurz an, Sie seien Chef eines größeren Zeitschriftenverlags. Und Sie wollen einmal im Jahr ins Fernsehen. Wenigstens einmal so tun, als seien Sie ganzjährig der umschwärmte Impresario in einem schillernden Kosmos aus Supermodels und High Performern, auch wenn Sie in Wahrheit Klatschblättchen und Strickmodenhefte verlegen. Muss ja keiner wissen, dass Sie zehn Prozent ihres Erlöses mit Tierfutter und Kratzbäumen machen. Kratzbäume sind so unsexy.

Was also tun? Sie brauchen eine Fernsehgala. Aber bitte keine, die das bettschwere Publikum aus dem Sessel pustet. Es soll sich doch niemand vor Schreck an seiner Geleebanane oder dem Erfrischungsstäbchen verschlucken! Sie brauchen eine deutsche Fernsehgala. Beachten Sie einfach die folgenden Regeln, damit sie nicht versehentlich in einem Anfall von unkontrollierter Innovationswut von tradierten TV-Ritualen abweichen:
 

1. Sie meinen das alles ernst. Sehr.
Ganz wichtig: Das hier ist kein Spaß.  Deutsche Galas haben keinerlei Spaß zu machen. Ob „Bambi“, „Deutscher Fernsehpreis“ oder „Goldene Kamera“: Hier geht’s um die ganz große Geige, um staatstragende Gewichtigkeit, um Krokodilstränen zu Kinderelend. Das ist Weltrettung mit Goldkante. Die Erde war ein Jammertal, aber dann kamen Sie. Lassen Sie den Grafen von Unheilig mit einem Kinderchor „Imagine“ singen. Tun Sie Gutes und reden Sie darüber. Machen Sie irgendwas mit „Charity“, aber sagen Sie nicht „Schärritti“. Und lernen Sie von „Bunte“-Chefredakteurin Patricia Riekel, wie Pathos geht („Karl Lagerfeld ist der Leonardo da Vinci unserer Zeit“). Wagen Sie den dramaturgischen Spagat zwischen Lepra in Pakistan und Silbermond, zwischen Justin Bieber und Helmut Schmidt. Sie kriegen das hin.

2. Niemals ohne Mario Adorf.
Laden Sie Mario Adorf ein. Und Uschi Glas. Und Sky DuMont. Und Veronica Ferres. Und die Klitschkos. Irritieren Sie Ihr Stammpublikum nicht mit neuen Gesichtern oder irgendwas Jungem, Verrücktem aus dem Internet. Ist auch nicht schlimm, wenn Gisela Schneeberger wieder vergisst, wofür’s diesmal einen Preis gibt („Äh, wie hieß der Film noch mal?“).

3. Sprengen Sie die Genres!
Wer sagt, dass Models nicht moderieren können? Dass Sänger nicht schauspielern dürften? Dass Moderatoren nicht singen sollten? Die Erfahrung sagt das. Ignorieren Sie die Erfahrung.

4. Immer raus mit den Preisen.
Bloß kein Geiz. Heinz Rühmann bekam zwölf Bambis, Peter Alexander zehn, Sophia Loren bisher neun. Jopi Heesters legte eine beispiellose Serie hin: Er gewann 1967, 1987, 1990, 1997, 2003, 2007, 2008, 2009, 2010 und 2011. Und: Vergessen Sie die lange geplanten Spontan-Bambis für die Moderatoren nicht (Huch! Überraschung!). Günther Jauch muss aber bitte nicht jedes Mal einen Preis kriegen, wenn er von seinem RTL-Quizsessel aufsteht.

5. Die Legende gehört ans Ende!
Hinten sind die Enten fett. Zeit für die ganz großen Namen und für Rührung im Stehen. Die Gäste haben dann auch lang genug gesessen. Setzen Sie notfalls auf die Amnesie der Zuschauer. Caterina Valente („Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini“) bekam 1995 den Bambi fürs Lebenswerk und 2005 dann den „Ehren-Bambi“. Rein rechnerisch müsste Sie also 2015 den „Ehren-Bambi fürs Lebenswerk“ bekommen.

6. Sie brauchen einen Aufreger.
Sie wissen: Über Ruth-Maria Kubitschek wird sich in der Straßenbahn niemand das Maul zerreißen. Sie brauchen einen Gast mit Skandalpotenzial. Sibel Kekilli verfluchte 2004 die „Bild“-Zeitung („Hört auf mit dieser dreckigen Hetzkampagne!“). Frank Schirrmacher feierte 2007 die „Courage“ des Scientologen Tom Cruise („eine mutige Entscheidung“), weil der es gewagt hatte, in einem 50-Millionen-Dollar-Film den Hitler-Attentäter Stauffenberg zu spielen. Teufelskerl, der
Cruise. Und der gewalttätige Ex-Kleindealer und Schwulenhasser Bushido bekam 2011 den Integrations-Bambi. Das ist Schlagzeilenstoff. Pussycat Dolls, Pussy Riot – irgendwas mit „Pussy“ geht sonst auch immer. Heute Abend kommt Miley Cyrus. Dass sie wieder nackt auf der Abrissbirne turnt, ist unwahrscheinlich. Aber es genügt, dass sie es tun könnte.

7. Was vergessen? Ach ja, Hollywood!
Wir alle wissen: Christine Kaufmann und Andrea Kiewel alleine tragen nicht. Also mieten Sie sich US-Glamour. Machen Sie’s wie „Mörtel“ Lugner beim Wiener Opernball: Kaufen Sie sich „The Glitz“ in Hollywood. Merke: Lieber Scarlett Johansson bei einem 60-Sekunden-Routineauftritt als Sophia Thomalla drei Stunden beim Improvisieren. Nur blöd, wenn Ralf Schmitz wieder Denzel Washington und Morgan Freeman verwechselt.

8. Hören Sie nicht auf die Kritiker!
Kritiker sind zauselige Klugscheißer mit einem heimlichen, qualvoll sterbenden Late-Night-Traum. Lassen Sie sich nicht stören vom ewigen Genörgel, Ihre schöne Gala sei „schlimm“ (Marcel Reich-Ranicki), voller „Köche, Köche, Köche“ (auch Reich-Ranicki), längst in der Irrelevanz versackt, nur noch peinlich und in Wahrheit nichts anderes als ein anachronistischer Content-Generator für die eigene, künstlich erregte Klatschmaschinerie. Hier dürfen sich private Medienunternehmen Jahr für Jahr mit einer mehrstündigen Dauerwerbesendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen feiern? Na und? Alles Neidhammel. Ignorieren Sie auch die Tatsache, dass ihre Zeitschrift höchstens kurz nach dem Krieg für ein paar Jahre das Zentralorgan der deutschen Schickeria war. Machen Sie einfach immer weiter. Sie haben Verträge mit ARD und ZDF. Die müssen senden, selbst wenn nur noch sieben Leute zugucken. Zur Not weckt halt Christian Tramitz – wie 2004 – wieder live seine Mama („Aufwachen, Mutter!“).

„Bambi 2013“, Donnerstag um 20.15 Uhr, ARD. Moderiert von Nazan Eckes.

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