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Medien & TV Fernsehsender SAT.1 beweist Mut zur Heiterkeit
Nachrichten Medien & TV Fernsehsender SAT.1 beweist Mut zur Heiterkeit
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10:01 19.04.2011
Mit der leichten Komödie "Jetzt sind wir dran" will SAT.1 glänzen.
Mit der leichten Komödie "Jetzt sind wir dran" will SAT.1 glänzen. Quelle: SAT.1
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Bonbonbunt, zuckersüß und kantenfrei – so wurde SAT.1 zum Sender für Romanzenfilme. Dass das kein schmeichelhaftes Label ist, weiß auch Joachim Kosack – und plant den Strategiewechsel. Als „Senior Vice President German Fiction ProSiebenSat1.TV“ ist er zuständig für alle fiktionalen deutschen Eigenproduktionen. Vor seinem Dienstantritt 2008 hat er mit „Die Flucht“ einen Riesenerfolg fürs Erste verbucht und mit „Bianca“ im ZDF den Telenovela-Boom losgetreten. Er produzierte plumpe Plagiate wie „Verschollen“ für RTL oder Schmonzetten für SAT.1. Kein Niveau war ihm zu niedrig, keine Hürde zu hoch – Kosack, geboren in Indonesien, aufgewachsen in Wuppertal, lebt ein Unterhaltungsleben durch und durch.

Da wundert es wenig, dass der 45-Jährige auf dem Höhepunkt seiner Karriere eine echte Herausforderung sucht: Kosack will SAT.1 sanieren – inhaltlich und fiktional. Die Mission scheint erfüllt. Denn Kosack hat den Krisenkanal mit kreativer Energie zurück in die Wahrnehmbarkeit geführt. Ein Beleg läuft heute und heißt „Jetzt sind wir dran“.

Die rustikalen Ruhrpottler Helmut (Ingo Naujoks), Georg (Jan-Gregor Kremp) und Frank (Rüdiger Klink) überfallen darin einen Geldtransporter, um sich aus finanziellen Schieflagen der gesellschaftlichen Mitte zwischen Überschuldung, Ausbruchsträumen oder Kinderwunsch zu holen. Doch nach dem Coup gehen die Probleme erst richtig los, mit den eigenen Frauen nämlich, die dahinterkommen.

Klingt wenig innovativ, ist es auch nicht, und doch bemerkenswert. TeamWorx ist eine Gaunerkomödie gelungen, deren Charme rar ist im Fernsehen. Überzeichnete, nicht absurde Charaktere, bedächtige, nie betuliche Dramatik, gefilmt mit witziger Weitwinkeloptik, fast spartanisch orchestriert, dazu Herz, Hirn, Humor abseits plumper RTL-Zotigkeit – SAT.1 nimmt Eigenproduktionen ernster und zugleich leichter als die Konkurrenz und füllt somit eine Lücke im Programm.

Denn gerade ARD und ZDF haben das Terrain seriöser Heiterkeit sukzessive geräumt. Nach der „Tagesschau“ laufen zumeist nur Schnulzen, Krimis und Historienschinken. Wenn es darüber hinaus anspruchsvoll wird, dominieren Problemstoffe oder Kinoadaptionen. Genuine Fernsehkomödien liefert neben SAT.1 im Grunde nur PRO7, wenn auch meist zu kaugummiartig, um ein erwachsenes Publikum anzusprechen.

Dabei ist sicher nicht jede der jährlich 20 Eigenproduktionen aus Kosacks Abteilung gelungen, geschweige denn geschmackssicher. Doch selbst vom Feuilleton verrissene Publikumserfolge wie die Romanverfilmung „Wanderhure“, vom Publikum verrissene Kritikerlieblinge wie „Die Grenze“ oder von allen verrissene Thriller wie „Restrisiko“ bringen neben interessanten Sujets immerhin eine Portion Mut auf – und sorgen zwischen der Heimatfilmparodie „Bollywood lässt Alpen glühen“ oder „Jetzt sind wir dran“ für Abwechslung. Und ganz nebenbei hat Kosack auch noch erschaffen, woran niemand mehr glaubte: erfolgreiche Serien made in Germany wie „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“.

Was er eine Strategie nennt, „Zuschauer immer wieder überraschen zu wollen“, ist also Ausdruck einer Vielfalt, die andernorts selten wird. Und selbst wenn nicht jeder SAT.1-Ulk mit dem Sendergesicht Annette Frier, nicht jede Clipshow mit Anke Engelke, nicht alles von und mit Bastian Pastewka die Hoch- mit der Spaßkultur versöhnt: Während der Fernsehschirm jenseits von Kinoadaptionen und Importware fiktional zur humorfreien Zone wird, traut sich SAT.1 auch mal mit sperrigen Themen ans Zwerchfell. Als neues Label schlägt Joachim Kosack „Sender für die großen fiktionalen TV-Events“ vor. So falsch liegt er da nicht.

Jan Freitag