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22:15 23.11.2015
Idealismus trifft Ideologie: Die Stasimitarbeiter Andreas L. (Hannes Wegener) und Gerhard P. (David Rott, r.) werben in Frankfurt die westdeutsche Studentin Bea Kanter (Julia Koschitz) an. Quelle: ARD
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Der österreichische Regisseur Johannes Fabrick hat mit seiner Landsfrau Julia Koschitz schon einige herausragende und vor allem berührende Melodramen fürs deutsche Fernsehen gedreht - darunter das unendlich traurige Suiziddrama „Der letzte schöne Tag“ oder die ungewöhnliche Liebesgeschichte „Pass gut auf ihn auf!“.

In „Unsichtbare Jahre“ geht es ausnahmsweise mal nicht ums Sterben. Eine existenzielle Geschichte erzählt der auf einem Drehbuch von Hannah Hollinger basierende Film dennoch: Die junge Bea verlässt Mitte der Siebziger nach dem Tod der Mutter ihr stockkonservatives Elternhaus, um in Frankfurt Volkswirtschaft zu studieren, widmet sich aber in erster Linie der sozialistischen Hochschularbeit.

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Wie viele Linke jener Jahre idealisiert sie die DDR und lässt sich vom Ministerium für Staatssicherheit als Agentin anwerben. Vorerst soll sie jedoch ihr politisches Engagement radikal einschränken und ein unauffälliges Leben führen. Für ihre regelmäßigen Reisen zum Rapport in Ostberlin benutzt Bea falsche Papiere.

Eines Tages vergisst sie die Handtasche mit dem gefälschten Reisepass in der S-Bahn; der Ausweis landet beim BND. Zunächst hat der Verlust keinerlei Folgen. Die Konsequenzen ereilen Bea - mittlerweile Diplomatin im Dienst des Auswärtigen Amts in Lissabon - erst viele Jahre später, als die Stasiakten durchforstet werden.

Das Drehbuch nimmt das Ende von Beas Karriere als Agentin vorweg und erzählt ihre Geschichte in Rückblenden. Die private Seite ist dabei allerdings plausibler als die politische, selbst wenn sich das in jenen Jahren angeblich nicht trennen ließ: Während sich Beas ideologische Haltung in linken Kalendersprüchen erschöpft, nehmen ihre Auseinandersetzungen mit dem Vater (Friedrich von Thun) sowie ihre Beziehung zur etwas lästigen jüngeren Schwester (Anna Julia Kapfelsperger) deutlich größeren Raum ein. Die Reduktion von Politik auf plakative Parolen ist zwar durchaus authentisch, aber dennoch vermittelt der Film in diesen Szenen zu wenig empathische Erlebnisse, um Beas Überzeugung, die DDR sei der bessere deutsche Staat, nachvollziehen zu können.

Kein Wunder, dass Vater Norbert ihre Aussagen als Geschwätze abtut. Bea selbst erklärt ihr politisches Engagement mit der zwischenmenschlichen Leere, die sie empfinde. Tatsächlich ist sie ein Mensch ohne Freund und Freunde, weshalb die wechselnden Führungsoffiziere (unter anderem David Rott und Godehard Giese) naturgemäß eine exponierte Rolle in ihrem Leben spielen. Das ändert sich erst, als sie im Zug nach Lissabon einen Wissenschaftler (Tim Bergmann) kennen und lieben lernt. Auch diese Beziehung bleibt jedoch fast zwangsläufig oberflächlich, zwar nicht für Bea, aber für den Zuschauer: Da sich die Handlung über 16 Jahre erstreckt und Hollinger die Geschichte episodisch erzählt, können die Figuren gar nicht die nötige Tiefe bekommen.

Sehenswert ist „Unsichtbare Jahre“ dennoch: weil es Fabrick gemeinsam mit Kostüm und Ausstattung gelingt, das Lebensgefühl der Siebzigerjahre sehr glaubwürdig zum Leben zu erwecken; und weil der Film die Geschichte vieler Westdeutscher erzählt, für die 1989 ein Weltbild zusammenbrach. Umso wichtiger wäre es allerdings gewesen, Beas ideologische Motive glaubhaft zu vermitteln. Im Grunde kann den Film nur verstehen, wer die Zeit erlebt hat. Wie viele Menschen in Westdeutschland für die Stasi spionierten, darüber schwanken die Angaben von Historikern. Die Stasi-Unterlagen-Behörde spricht von rund 3000 Bundesbürgern, die zuletzt für das MfS im Westen tätig waren. Der spektakulärste Fall war wohl der von Kanzleramtsspion Günter Guillaume in der Regierungszeit von Willy Brandt.

Von Tilmann P. Gangloff

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