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Medien & TV Ganz im Glück mit Google? Die Mitarbeiter sind es gewiss
Nachrichten Medien & TV Ganz im Glück mit Google? Die Mitarbeiter sind es gewiss
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18:11 23.02.2009
„Don‘t be evil“: Im Hausrestaurant des amerikanischen Konzerns Google in Mountain View werden den Mitarbeitern Köstlichkeiten serviert. Quelle: Marcus Schwarze
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Sergei Michailowitsch Brin ist ein ganz besonderer Mensch, besonders erfindungsreich, besonders erfolgreich, besonders reich: Zusammen mit seinem Partner Larry Page hat der erst 35-Jährige die beliebteste Suchmaschine der Welt auf die Beine gestellt. Das hat den Mitgründer und Chef von Google zum 18-fachen Milliardär gemacht. Und er passt auch mit seinem persönlichen Selbstverständnis an die Spitze des Unternehmens, das es als seine Mission begreift, jegliches Wissen über Menschen und Menschheit auffindbar zu machen.

Denn auch über sich selbst stellt der gebürtige Russe sogar intime Details öffentlich zur Verfügung: Wie mag es etwa um den Gesundheitszustand des gebürtigen Russen bestellt sein, seine Lebenserwartung, seine Fähigkeit zur Zeugung gesunder Kinder? Um das herauszufinden, braucht man lediglich nach „Gesundheit von Sergej Brin“ auf englisch zu googeln – und schon stößt man im Internet auf „G2019S“: So lautet die wissenschaftliche Bezeichnung des menschlichen Gens, das im Körper von Brin mutiert, also geschädigt ist. Sein Gendefekt sorgt nach übereinstimmenden Quellen, die Google ebenfalls bereitstellt, für eine um 20 bis 80 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, dass Brin im Alter an Parkinson erkranken wird – wie bereits seine Mutter. Nicht nur für seine Familie, sondern auch für Versicherer, Geschäftspartner und Aktionäre ist so eine öffentlich zugängliche Krankenakte eine überaus wertvolle Information.

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Die Internet-Suchmaschine Google gilt als erfolgreichstes Unternehmen des 21. Jahrhunderts. Das US-Unternehmen hat es sich zur Mission gemacht, jegliches Wissen der Menschheit auffindbar zu machen. Ein Besuch beim beliebtesten Arbeitgeber der Welt in Montain View in Kalifornien.

Bis hinein ins Allerpersönlichste macht die Suchmaschine von Brin und seinem Partner Larry Page immer mehr Wissen der Welt auffindbar. Billionen von Einzelinformationen werden durch geschickte Eingabe von Suchwörtern im Internet bei Google zugänglich. Das ist jene Seite des Suchmaschinenprimus, die Datenschützer weltweit immer wieder kritisieren. Den Gefahren ist auch Brin gewahr, wie er kürzlich bei einer Konferenz in San José sagte: „Die Menschen sorgen sich um ihre persönlichen Informationen. Es ist ihre Karriere, ihre Gesundheit, ihre Ausbildung. Und das macht den Einfluss von Google auf die Psyche der Welt nur noch größer.“

Doch passen auch derart schlechte Nachrichten in die schöne neue Welt von Google? Brin pflegt ein gerade durch seine persönliche Offenheit überaus offensives Selbstverständnis über den Umgang mit Informationen. Er selbst hat schließlich die Information über sein Gen G2019S in seinem Weblog preisgegeben und damit auch bei Google eingespeist. Er wollte damit seine Wertschätzung für allverfügbare Informationen dokumentieren. Der Google-Gründer hatte seine genetische Veranlagung von der Firma 23andMe seiner Frau Anne untersuchen lassen. Er sei nun „glücklich“, sagt er, früh gegen die Krankheit vorbeugen zu können.

„Don't be evil“

Am Küchentresen seines Unternehmens in Mountain View in Kalifornien nimmt man den Gesundheitstrip des Firmengründers gelassen. „Think positive“, sagt ein Google-Mitarbeiter. Seid froh, und alles wird gut, heißt das frei übersetzt. Das Firmenmotto „Don't be evil“ („Sei nicht böse“), sei echt, es werde gelebt, sagt der junge Mann mit der schneidigen Frisur, die ein bischen an den Schauspieler und Scientology-Anhänger Tom Cruise erinnert.

Wer offen sagt, was ihn drückt und was er braucht, der kann es auch bekommen – das ist die unausgesprochene, und damit umso selbstverständlicher praktizierte Philosophie von Sergei Michailowitsch Brin und von Google. Deren soziales Engagement für die 20 222 Mitarbeiter ist längst legendär. Auf dem Firmengelände, im „Googleplex“ in Kalifornien, herrscht eine Stimmung wie auf dem einem Campus einer amerikanischen Elitehochschule. Schließlich ist Google keine triste computerisierte Verwaltungszentrale für das Wissen dieser Welt, sondern eine moderne, riesige Universität. Computer und Server sind gut versteckt. „Ihr wichtigstes Arbeitswerkzeug tragen die meisten auf den Schultern – es ist ihre Intelligenz im Kopf, zusätzlich zum Laptop unterm Arm“, sagt Mitarbeiter Chris Andrews.

In zwei Dutzend Gebäuden entlang der Charleston Road hat Google-Gründer Brin allerlei Rückzugsmöglichkeiten für seine Mitarbeiter geschaffen: weiße Zelte in den Büros zum Beispiel. Sie dienen als „Thinktanks“. Zweimal die Woche wird auf dem Parkplatz Rollhockey gespielt. In den verglasten Fluren in den Gebäuden warten neben weißen Ledercouches wertvolle Massagesessel, um verspannte Programmierermuskeln zu lockern. Für professionelle Massagen gibt es eine Masseurin. Hunde dürfen zumindest bis zur ersten Beschwerde mitgebracht werden, Katzen indes nicht. Kinder natürlich auch, für sie gibt es einen eigenen Kindergarten. „Hier zu arbeiten ist großartig, ich kann meine Arbeitszeit frei bestimmen“, sagt eine Googlerin beim Mittagessen – 55 oder 60 Stunden in der Woche kämen dabei allerdings schon zusammen.

Das US-Magazin „Forbes“ listet Google seit 2007 als weltweit beliebtesten Arbeitgeber. Grund sind neben der Erfolgsgeschichte dieses global wichtigsten Internetunternehmens zahlreiche Vergünstigungen. So erhalten Mitarbeiter 5000 Dollar Zuschuss beim Kauf eines Hybridautos. Oder Lebensmittel zum Mitnehmen im Wert von bis zu 500 Dollar binnen vier Wochen nach der Geburt eines Babys. Oder Aktienbezugsrechte, die an 99 Prozent aller Googler ausgegeben werden. Wer bei Google unterkommt, hat es geschafft: Das aufwändige Bewerbungsverfahren um offene Stellen beginnt mit fiesen Fragen auf der Google-Bewerbungsseite („Wie viel Tennisbälle passen in einen Schulbus?“) und ist äußerst vielstufig. Am Ende entscheiden die Firmenchefs selbst über jede Neueinstellung.

Viel mehr Männer als Frauen

Erfolgreich bei diesen Bewerbungsverfahren sind vorwiegend junge Männer, mit 65 Prozent Anteil überwiegen sie bei weitem den der Frauen. Gruppenübergreifende Treffen werden daher umso wichtiger. Die Mitarbeiter treffen sich in der Firmenzentrale regelmäßig zum Mittagessen oder auf eine Limonade im Freien. Oder in weiträumig gestalteten offenen Räumen, deren Mittelpunkte jeweils ein offener Küchenbereich mit verglasten Kühlschränken bildet. „Kein Mitarbeiter soll mehr als 50 Meter von einer food source entfernt sein“, sagt Brin.

Oder man trifft sich in der Kantine. Die kann sich durchaus mit Restaurants in einem Nobelviertel messen: Das kulinarische Angebot ist überwältigend und zumindest mittags und morgens kostenlos. Getränke und Snacks sind generell frei. Neben Köstlichkeiten von der Sushi-Bar gibt es frisch zubereitete fleischlose Kost, Obst, Kaffee, Cornflakes, herzhafte Burger ebenso wie gesunden Joghurt. „Nooglers“, die neuen Mitarbeiter bei Google, nehmen laut Mitarbeiter Andrew Pederson die berüchtigten „Google-Seven“ beziehungsweise die „Google Fifteen“ zu: sieben Kilogramm oder 15 Pfund, wie er in der Kantine dem Besucher erzählt.

Der Fitness ihrer Mitarbeiter widmet die Unternehmensleitung daher besonderes Gewicht. Unweit eines stark genutzten Beachvolleyballfelds ist eine Gegenstromanlage im Freien gebaut, in der zwei Mitarbeiter gegeneinander und gegen den Strom im Wasser schwimmen. Sie werden überwacht von einem Schwimmmeister im Google-Shirt. In einem riesigen Fitnessraum, dem „G-Fit“, arbeiten Mitarbeiter an Dutzenden von Fitnessgeräten ihre Pfunde ab. Kürzlich wurden Fahrräder an alle Mitarbeiter verschenkt. Dazu gibt es kostenlose Massagemöglichkeiten, Tischtennisplatten, Krökel- und Billardtische, ein elektronisches Schlagzeug zum Abreagieren, Kletterwände, TV-Räume mit Spielkonsolen und auf dem Boden verstreut aufgebaute Autorennbahnen - nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch deren Kinder. Schmutzige Wäsche kann man in der Wäsche-Sammelstelle abgeben. Der Strom wird von einer 1,6-Megawatt-Solaranlage auf den Dächern des Googleplex eingespeist, die bei der Installation 2007 die größte in den USA war. Ein Friseurteam sorgt für den richtigen Haarschnitt à la Tom Cruise.

Und wird hier auch gearbeitet? Wer genau hinschaut, entdeckt im Googleplex immer wieder weiße Tafeln, auf denen mit abwaschbarer Farbe Ideen, Zusammenhänge und Konzepte erstellt werden können. Chris Andrews spricht von einer „Whiteboard-Kultur“. Auf den Tafeln finden sich Sprüche wie von Klotüren ebenso wie Ablaufpläne für Software. Aushänge auf schlichtem Papier weisen zudem auf interne Webadressen hin, in denen die Mitarbeiter ihre Ideen benennen und entwickeln können. Hier ist das Internet analog.

Ein Fünftel der Arbeitszeit für eigene Projekte

Selbstverständlich überspannen den gesamten Campus in Mountain View Funknetze, damit die Mitarbeiter an jedem Ort ins Internet können. Und so sind viele mit dem Laptop unterwegs. Googlers haben ein Spielbein bei ihrer Arbeit: Mitarbeiter dürfen 20 Prozent ihrer Arbeitszeit an eigenen Projekten arbeiten. So entstand beispielsweise der Taschenrechner, mit dem Rechenaufgaben ins Google-Suchfeld eingetippt werden können. Ursprünglich sollte der Google-Programmierer, der diesen Rechner erfunden hat, eine Rechtschreibkontrolle erstellen.

Trotz solcher Freizeitmöglichkeiten während der Arbeit bleibt die Effizienz nicht auf der Strecke. „Open 24 Hours“, 24 Stunden geöffnet ist eben nicht nur ein verglaster „Tech Stop“, ein Technikraum. Aber das Gefühl, von Google aufgesaugt zu werden, kann auch zu Abwehrreaktionen führen: „Von meinen 48-Stunden-Tagen hatte ich genug“, sagt einer, der kürzlich bei Google ausgestiegen ist.

Die Lust, an der Bereitstellung des unendlichen Wissens der Menschheit mitzuarbeiten, Google ein für allemal zu Ende zu googlen, kann so unendlich werden, dass sie den einzelnen auffrisst. Das Wissen darum scheint der zentrale Grund dafür zu sein, dass die Google-Gründer ihren Mitarbeitern so viele Vorzüge und sozialen Rückhalt einräumen.