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Medien & TV Gefangen im Netz – frei im Netz
Nachrichten Medien & TV Gefangen im Netz – frei im Netz
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22:09 11.07.2012
Freiheit durch Facebook? Ein Demonstrant hält im Februar 2011 in Kairo ein Transparent mit der Aufschrift „Danke, Facebook“. Die sozialen Medien spielten im arabischen Frühling eine wichtige Rolle. Quelle: dpa
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Berlin

Das Internet einfach abschalten – davon träumen viele Diktatoren. Doch eine Dauerlösung wäre das auch für sie nicht. Zu wichtig ist das Netz inzwischen für die industrielle Infrastruktur selbst in Diktaturen. Zudem gibt es längst trickreiche Wege, auch die schärfsten staatlichen Zensurmaßnahmen zu umgehen – das ist das Thema von John A. Kantaras sehenswerter TV-Dokumentation „Freiheit fürs Internet“.

Im Mittelpunkt steht die sogenannte Facebook-Revolution in Ägypten im Frühjahr 2011, aber es geht auch um die Ereignisse in Syrien und die staatliche Netzzensur in China. Und wieder einmal wird deutlich, welche große Rolle das Netz in autoritär regierten Staaten spielt. Das ist nicht neu, wesentlich interessanter aber wird die Dokumentation, wenn es darum geht, die staatliche Zensur raffiniert zu umgehen. Und in diesem Fall spielt ausgerechnet die US-Regierung eine wichtige Rolle – das dürfte eine Überraschung sein für viel e Netzaktivisten, für die die USA als globale Supermacht traditionell zum Reich des Bösen gehört. Doch es ist tatsächlich das US-Außenministerium, das gezielt die Entwicklung von Techniken finanziert, mit denen sich Internetsperren umgehen lassen.

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Gerade am Mittwoch hat das russische Parlament den Weg für eine gesetzliche Sperrung von Internetseiten freigemacht. „Ich bin stolz darauf“, erklärt US-Außenministerin Hillary Clinton dazu im Film, „dass wir mittlerweile in mehr als 40 Staaten Menschen helfen, die von ihren repressiven Regierungen zum Schweigen gebracht werden sollen.“ Einige dieser Instrumente werden im Film kurz vorgestellt. Dabei handelt es sich vor allem um Software, die es Netzsurfern erlaubt, durch einen recht simplen Trick auf von der Zensur gesperrte Netzangebote zu gelangen – eine Technik, die auch zahlreiche deutsche Nutzer anwenden, wenn sie YouTube-Musikvideos sehen wollen, die wegen des Rechtsstreits zwischen Google und der Gema für Deutschland gesperrt sind.

Mit derselben Software lassen sich auch US-Fernsehfilme und -serien im Netz sehen, die aus Copyrightgründen ausschließlich US-Bürgern vorbehalten sind. Damit muss eine Internetfreiheitskämpferin wie Clinton sich eben arrangieren. Denn das Netz lebt in vielen Nischen trotz aller staatlicher Regulierungswut und Bezahlschranken („Paywalls“) immer noch nach der alten Sponti-Devise: Legal, illegal, scheißegal.

Clever ist auch das ebenfalls in den USA entwickelte „Internet im Koffer“. Es ermöglicht Menschen mittels simpler technischer Geräte – die tatsächlich alle in einen einzigen Koffer passen – einen freien Zugang zum Internet. Und auch in Mitteleuropa gibt es Initiativen, die den Aufbau völlig unabhängiger Netze anstreben. Beispielsweise „FunkFeuer“ in Österreich, wo Aktivisten ein von Providern unabhängiges, nichtkommerzielles Netz in Wien errichtet haben.

Aber es gibt – wie der Film zeigt – leider auch die Gegenbewegung: Späh- und Spionagesoftware, die heimlich wie ein Virus auf den Computern der Zielpersonen installiert wird, um deren Aktivitäten „auszuhorchen“. Die entsprechende Software wird meist in westlichen Ländern entwickelt – ein mehr als zwielichtiges Geschäft, an dem deutsche Firmen immer noch beteiligt sind. Und das von Staaten geduldet wird, die sich sonst gern wortreich für Freiheit einsetzen.

Im Anschluss an den Film, um 21 Uhr, diskutiert Gert Scobel mit dem Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer und dem Soziologen Armin Nassehi über Vernetzung und Zensur.

Ernst Corinth

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