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Medien & TV Gelbsucht
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16:28 01.10.2013
Von Tatjana Riegler
Sie stehen immer in der Gelben Wand: Knapp 25 000 anderen Enthusiasten fiebern mit dem BVB auf der Südtribüne.
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Dortmund

Sie ist 100 Meter breit, 52 Meter tief und 40 Meter hoch. Wenn man vom Grashalm am Unterrang bis zur Dachkante am Oberrang misst. Oder die 125 Stufen hinaufsteigt. 37 Grad beträgt der Neigungswinkel dort oben, das sind zwei Grad mehr als bei der Großen Olympiaschanze der Skispringer in Garmisch-Partenkirchen.

Doch hier ist Dortmund, hier ist Fußball. Hier verlieren all die nüchternen Zahlen ihre Bedeutung. Auf der Südtribüne des Signal-Iduna-Parks, das für Traditionalisten stets das Westfalenstadion bleiben wird, regieren die Emotionen. Spätestens dann, wenn 24 454 Menschen ihren Platz eingenommen haben. Dann wandelt sich dieses bedrohliche Monument, grau und in endlosen Stahlbeton gegossen, in eine gelbe Wand. In die Gelbe Wand. Sie ist die größte Stehplatztribüne Europas, das Epizentrum der Fußballbegeisterung in Dortmund. Wenn der Borsigplatz die Heimat des BVB ist, sitzt hier das Herz.

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TV-Tipp

„Wir die Wand“ | WDR
Dokumentation
3. Oktober, 21.45 Uhr
*****

Klaus Martens hat diese Kulisse mit ihrer einmaligen Stimmung eingefangen. Der WDR-Autor hat einen Dokumentarfilm über das große Spektakel und die kleinen Sehnsüchte gedreht. „Wir die Wand“ heißt der 90-Minüter, den der WDR am Donnerstag, 3. Oktober, von 21.45 Uhr an sendet. Er solle zeigen, was die Fans zusammenhält – und nicht Borussia Dortmund nach vorn bringen, sagt Martens. Und tatsächlich kommt sein Film ohne eine einzige Spielszene aus. Die Partie (BVB gegen Mainz 05 am 20. April) ist so nebensächlich wie das Ergebnis (2:0).

Elf Protagonisten begleitet der Autor. Da ist Fabian (27), den alle Borsti nennen und der weit vor Anpfiff akribisch seine Zaunfahne aufhängt. Ute, 57-jährige Sachbearbeiterin, die mit Tochter, Frikadelle und zig Schals ihren Platz einnimmt. Rentnerin Karin (70), die an Krücken auf den Oberrang humpelt, „solange ich das Stehvermögen habe“, Vorsänger und Ultra-Mitglied Olli (24), Gewürzmischer Bruno (59, „das is ja wie ’ne Ehe hier“), Ex-Fußballer Thorsten (31), der homosexuelle Christian (29, „schwul ist im Fußball ein Synonym für scheiße“). Mathematik-Professor Matthias (32) steht ebenso in der Wand wie die Prostituierte Anna (20), Heinz (59), einst Bergmann, und der türkischstämmige Ordner Tayfun (45). Einziger Prominenter im Film ist Stadionsprecher Norbert Dickel, ehemals BVB-Profi.

„Ein breites soziales Spektrum“ will Martens aus nächster Nähe zeigen. Menschen, die für 90 Minuten ihre Lebensgeschichte vergessen und zu einer gesellschaftlichen Einheit jenseits von Bildung und Besitz verschmelzen. Was sie „über alle Klassenschranken hinweg“ zusammenstehen lässt, wie Mathe-Professor Matthias sagt? Ihre hingebungsvolle Liebe zu Schwarz-Gelb – sie kommen in Trikot oder Kutte, mit Schal und Mütze, in der Hand ein Pils und ’ne Kippe. Auf der „Süd“ stehen die Treuesten der Treuen, die sich vor Spielbeginn in den Armen liegen, den Schal in die Luft recken und inbrünstig „You’ll never walk alone“ singen. 24 454 Fans, eine Stimme, Dutzende Tränen und ganz viel Gänsehaut.

So ungehemmt und authentisch geben sich die Anhänger auch während des Spiels. Denn irgendwann vergessen Borsti und Co., dass einer der 16 WDR-Kameramänner neben ihnen steht. Irgendwann brüllen sie ihre Freude heraus, ihre Aufregung, ihren Ärger. Da wird gesungen, gerempelt, da fliegen Bierbecher, explodiert die Euphorie. Eine wogende Masse voller Individualisten, in der jeder seinen festen Stehplatz hat. Denn obwohl auf den Dauerkarten nur der jeweilige Block vermerkt ist, folgt hier jeder seiner festen Koordinate zwischen den Blöcken 10 und 140.

„Dieser Platz wurde für den Fußball und für die Fans erbaut“, hat die britische „Times“ geschrieben, als sie das Westfalenstadion im Jahr 2009 zum besten Stadion der Welt kürte. Diese Dokumentation  wurde für den Fußball und für die Fans gedreht. „Wir die Wand“ ist eine Hommage an alle Fans, die dem Fußball eine Seele geben, nicht nur in Dortmund. Schalker müssen’s ja nicht anschauen.

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