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Medien & TV Gründermodell des WAZ-Verlagshauses vor dem Aus
Nachrichten Medien & TV Gründermodell des WAZ-Verlagshauses vor dem Aus
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16:54 30.08.2011
Mit einer halbe Milliarde Euro will WAZ-Mitbesitzerin Grotkamp ihre Mitgesellschafter auszahlen, um bei dem Familienkonzern für übersichtlichere Eigentümerstrukturen zu sorgen. Quelle: dpa
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Essen

Mit einer Lizenz der britischen Militärregierung gründeten Erich Brost und Jakob Funke 1948 die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“. Heute ist daraus der größte regionale Zeitungsverlag in Europa geworden - zu gleichen Teilen im Besitz der Nachfahren der beiden Pioniere. Eine Funke-Tochter will das jetzt ändern. Eine halbe Milliarde Euro hat Petra Grotkamp, bislang mit rund 16,7 Prozent beteiligt, den drei Brost-Enkeln für deren 50-Prozent-Anteil an der WAZ-Gruppe geboten. Die sind bereit, auf das Geschäft einzugehen. Sie hätten „kein Interesse am Verlagsgeschäft“, schrieb WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz am Dienstag im Blatt.

Jahrzehnte lang ging es in Essen aufwärts. Die Geschäftsführer Günther Grotkamp und Erich Schumann kauften und gründeten. Beide fanden auch familiäre Bindungen zu den Gesellschaftern - Grotkamp heiratete Funke-Tochter Petra, Schumann wurde von Brost adoptiert. Im Ruhrgebiet sicherte sich die WAZ-Gruppe die Vorherrschaft mit mehreren Zeitungstiteln.

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Nach der Wende ging die Expansion weiter Richtung Ostdeutschland und dann Richtung Balkan. In Österreich kaufte sich die Gruppe bei Boulevardzeitungen ein, zahlreiche Zeitschriften und Anzeigenblätter kamen hinzu. Die Auslandsinvestitionen bereiten in Essen aber nicht nur Freude. Die Beteiligung an Österreichs mächtigem Boulevardblatt „Kronen Zeitung“ sorgt immer wieder für Ärger. Und im vergangenen Jahr kündigte die WAZ-Gruppe an, sich aus Serbien vollständig zurückzuziehen.

Auch bei vielen großen Medien-Deals in Deutschland war die WAZ-Gruppe im Gespräch. Eine Übernahme der ProSiebenSat.1-Gruppe aus dem Erbe von Leo Kirch wurde in Essen ebenso geprüft wie ein Einstieg beim Springer-Konzern und ein Kauf der „Süddeutschen Zeitung“. Aus alldem wurde nichts, auch weil sich die drei Stämme des Funke-Zweigs der WAZ-Eigentümer untereinander nicht einig waren.

Denn für große Geschäfte muss auch innerhalb der beiden Gesellschaftergruppen Einstimmigkeit hergestellt werden. Das gelingt nicht immer, bisweilen werden die Streitigkeiten auch vor Gericht ausgetragen. Als kürzlich bekanntwurde, dass ein Gesellschafter der Funke-Gruppe sich von der Brost-Seite ein Darlehen gesichert hatte, um einen Erben auszuzahlen, war bei Petra Grotkamp offenbar der Geduldsfaden gerissen. Mit ihrem Kaufangebot wolle sie nun für „klare Gesellschafterstrukturen“ sorgen, teilte ihr Anwalt mit.

Ob es zu dem Eigentümerwechsel kommt, hängt jetzt an dem Essener Anwalt Peter Heinemann, einem Sohn des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Er wacht als Testamentsvollstrecker von Erich Brost über den letzten Willen des Gründers und müsste einem Verkauf zustimmen. Sollte das Geschäft klappen, hielte Petra Grotkamp zwar die Mehrheit an der WAZ-Mediengruppe. Die Frage bleibt aber, ob für große Geschäfte weiterhin Einigkeit innerhalb der Funke-Gesellschafter hergestellt werden müsste. Das könnte Megadeals wie gehabt verhindern.

An den redaktionellen Grundsätzen über die Ausrichtungen der Zeitungen werde sich nichts ändern, hat Petra Grotkamp versichert. Politisch waren die Gründerväter konträr ausgerichtet. Brost war Sozialdemokrat, Funke CDU-Mitglied. Das hat Folgen bis heute. Der aktuelle Brost-Geschäftsführer Bodo Hombach hat ein SPD-Parteibuch, sein Funke-Pendant Christian Nienhaus gehört der CDU an. Hombach, so schreibt Reitz, würde bei einem Erfolg des Grotkamp-Angebots nach neun Jahren an der WAZ-Spitze gehen. Es laufen nach dpa-Informationen sogar schon Verhandlungen über seinen Ausstieg.

dpa

30.08.2011
29.08.2011