Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV „Gutes Glück, Deutschland!“ - Europa freut sich auf Lena
Nachrichten Medien & TV „Gutes Glück, Deutschland!“ - Europa freut sich auf Lena
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:43 23.03.2010
Von Imre Grimm
Nicht nur in Deutschland gefragt: Auch europäische Medien freuen sich auf Lena in Oslo. Quelle: ap
Anzeige

Drei große Missverständnisse prägen das Verhältnis der Deutschen zum Eurovision Song Contest. Erstens: Früher, als es noch um Schlager ging, war alles besser. Mary Roos, Joy Fleming, Katja Ebstein – das war noch Musik. Zweites Missverständnis: Die osteuropäischen Eurovisions-Frischlinge schieben sich doch eh nur gegenseitig die Punkte zu. Der Osten feiert, der Westen zahlt. Und das dritte Missverständnis: Keiner hat uns lieb. Wir sind umzingelt von übelwollenden Neidern und zickigen Nachbarn mit Minderwertigkeitskomplex. Deutschland könnte mit Elvis, Michael Jackson und den Beatles antreten – es würde trotzdem niemand für uns stimmen. Da brach sich jahrelang ein teutonischer Selbsthass Bahn, der mit den jüngsten Misserfolgen nur ein neues Ventil für alte Vorurteile fand. Dabei waren die blutleeren Aufritte der vergangenen vier Jahre einfach nur: nicht gut genug.

Anzeige

Auftritt: Lena Meyer-Landrut. Und plötzlich ist alles anders. Die 18-Jährige, die mit den hohen Erwartungen einer entzückten Nation auf den schmalen Schultern nach Oslo reisen wird, wird auch von der europäischen ESC-Gemeinde größtenteils mit offenen Armen empfangen. Überrascht bis erfreut registrieren die ESC-Fans in den Onlineforen dieses kleine Goldstück, das Deutschland da entdeckt hat. „Deutschlands Beitrag ist der beste zusammen mit Schweden!“, schreibt der griechische ESC-Fan Gianis Mantes. „Mein iPod ist auf Dauerschleife gestellt. Gut gemacht!“ Und Karl Pasaporte von den Philippinen (!) schreibt: „Ich LIEBE es. Es erinnert mich an den französischen Beitrag von 1994. Ihr Akzent ist göttlich und lustig gleichzeitig.“ Und dann auf Deutsch: „Gutes Glück, Deutschland!“

Rita Markovich aus Israel lobt: „Bravo Germany. Der Song ist wunderbar, und das Mädchen singt und performt sehr gut. Ich würde mich freuen, wenn sie in den Top Ten landet.“ Für Blaise Jones aus Großbritannien ist Lenas „Satellite“ gar „der beste Song in diesem Jahr – mit Abstand“. Und sein Landmann Mark schreibt: „,Satellite’ ist ein kleines Licht in einem der düstersten Jahre des ESC. Lena ist brilliant, einfach das Beste, was dem ESC passieren konnte. Sie ist modern, schrullig, frisch – einfach alles, was sich der ESC auf seinem Weg zu der modernen Show wünschen kann, die er so gerne sein will.“

Und die professionellen Medien? Der spanische Musikkritiker José Vicente Delfa von „Radio Onda Madrid“ sagt: „Lena ist ein junges, attraktives Mädchen und erinnert an Katy Perry. Der Song hat einen Rythmus, der in Erinnerung bleibt. Spanien wird ihr sicher sieben Punkte geben.“ Koray Peközkay, Redakteur der „Hürryiet Istanbul“, sagt in der „Bild am Sonntag“: „Super Song. Er ist sehr frisch und frech. Ich glaube, Lena hat gute Chancen auf den Sieg.“ Die italienische Journalistin Johanna Gasser vom Tiroler Tageszeitung „Dolomiten“ urteilt: „Lenas Song gefällt mir sehr. Er ist ein echter Ohrwurm.“

„Satellite“ wird vom deutschen zum europäischen Hit: Bei Youtube ist das Lied mit bisher 1,95 Millionen Aufrufen das meistgesehene Video aller ESC-Teilnehmer. Bei den britischen Buchmachern von nicerodds.co.uk, die 2009 den Sieg des geigenden Norwegers Alexander Rybak („Fairytale“) korrekt vorhergesagt haben, sieht man Lena Meyer-Landrut unter den besten Fünf von 39 Teilnehmern. Bei www.bettingchoice.co.uk steht sie gar auf Platz vier. Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz belegt „Satellite“ Platz eins in den Downloadcharts – keineswegs eine Selbstverständlichkeit: Deutsche Neulinge haben es dort traditionell eher schwer.

Der ESC-Jahrgang 2010 gilt als musikalisch äußerst schwach. Selten waren derart viele Merkwürdigkeiten am Start – vom billigen, niederländischen „Shal-la-lie, Sha-la-la“ bis zum seltsamen Schweizer Ross-Anthony-Verschnitt Michael von der Heide. Alle 39 Beiträge mussten bis zum gestrigen Montag bei der European Broadcasting Union eingehen. Chaos gab es in der Ukraine: Das Land, das seit seiner ESC-Premiere 2003 schon eine Siegerin (Ruslana, „Wild Dances“) und zwei zweite Plätze vorweisen kann, hatte zunächst den Sänger Vasyl Lazarovych gekürt, doch ukrainische Künstler kritisierten massiv das undurchsichtige Auswahlverfahren. Innerhalb von drei Tagen stampfte das Land eine neue Auswahlshow aus dem Boden – und wollte dann die Blondine Alyosha ins Rennen schicken. Deren Titel „To Be Free“ entpuppte sich freilich als Plagiat. Nun hat die Ukraine eine Sängerin für Oslo – aber kein Lied. Die EBU gewährte eine Gnadenfrist von einer Woche.

Und was ist nun mit der Mär vom osteuropäischen „Blockvoting“, von den Kungeleien des ehemaligen Warschauer Paktes? ESC-Experte Jan Feddersen hat nachgewiesen, dass die Sieger der vergangenen Jahre jeweils aus allen Ländern gleichermaßen gewürdigt wurden. Kein einziger Sieg kam durch explizites „Blockvoting“ zustande. Wenn auch der subjektive Eindruck ein anderer ist: Ein Lied, das ins europäische Herz trifft, das den Geist der Jetztzeit transportiert, hat eine faire Chance auf einen Sieg – egal, von wem es stammt. Es geht dabei weniger um sängerische Präzision, um kompositorische Meisterschaft oder eine heilsbringerische Botschaft, sondern vor allem um: Sympathie. Man darf sich vom aktuellen nationalen Lena-Hype nicht den Geist vernebeln lassen, aber: Das Zeug dazu, jetzt auch den Rest Europas zu erobern, hat die Hannoveranerin (aber erst nach dem Abitur, natürlich). Denn beraten wird sie dabei von einem Mann, der ganz genau weiß, wie man die multinationale Medienmaschinerie zum Glühen bringt: Stefan Raab. Brainpool spielt mit dem Gedanken, seine Show „Tv total“ wie 2004 in Istanbul direkt aus Oslo zu senden.

Anzeige