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Medien & TV HDTV legt klassischen Fehlstart hin
Nachrichten Medien & TV HDTV legt klassischen Fehlstart hin
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16:29 23.02.2010
Das war noch einfach: Mit einem Knopfdruck startet der damalige deutsche Vizekanzler Willy Brandt am 25. August 1967 auf der 25. Deutschen Funkausstellung das Farbfernsehen. Quelle: dpa
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Als Willy Brandt 1967 einen Knopf drückte, um die Fernsehära des Farbfernsehens gegenüber dem bis dato üblichen Schwarzweißprogramm zu starten, konnte es ein unbekannter Techniker im Hintergrund gar nicht abwarten. Er drückte seinen eigenen Umschaltknopf hinter den Kulissen eine Sekunde zu früh, und so geriet die schöne Show zu einem asynchronen Ereignis: Die Farbe war schon da, ehe der Knopf tatsächlich gedrückt worden war. 43 Jahre später, im Jahr 2010, ist es ganz ähnlich. Der nächste gravierende Schritt der Fernsehtechnik namens HDTV ist schon da, nur wird das Scharfschalten für die breite Öffentlichkeit noch eine Weile andauern.

Heute wie damals kommen nicht auf einen Schlag die Fernsehzuschauer in den Genuss der neuen Technik. Damals brauchte man nur ein neues Fernsehgerät. Heute ist für den neuen Stand der Technik alles komplizierter. Der Zuschauer benötigt nicht einfach nur einen geeigneten Fernseher, der das Prädikat „HD-Ready“ trägt, sondern er benötigt auch: einen geeigneten Übertragungskanal wie eine Satellitenschüssel oder einen Kabelnetzbetreiber, der mitspielt, oder einen IPTV-Anschluss; einen für den jeweiligen Übertragungskanal geeigneten Receiver; für das volle Programm aller deutschen Kanäle, die zu Beginn des Jahres 2010 in Deutschland in HD senden, einen „HD+“-fähigen Receiver samt kostenpflichtiger „HD+“-Karte, die im ersten Jahr kostenlos ist und später an die 50 Euro jährlich kosten soll.

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Das Positive: Alles das geht. Das Negative: Es bleibt eine Sache des Aufwands und nicht zuletzt des Geldbudgets, um die vielfältigen Fragen der heute verfügbaren Technik zum Empfang von HDTV gelöst zu bekommen.

Harry Potter war zum Jahreswechsel 2009/2010 vermutlich das sinnbildende Fernsehereignis, weil es fast unter Ausschluss der Zuschauerschaft auf dem Kanal „Eins Festival“ in voller HD-Pracht ausgestrahlt wurde. Netzbetreiber wie Kabel Deutschland hatten den Sender noch nicht in ihren Kanälen. Erst Ende Januar einigte man sich mit den öffentlich-rechtlichen Sendern, „Das Erste HD“, „ZDF HD“ und „Arte HD“ (statt „Eins Festival“) in die Kabelnetze einzuspeisen – ohne Zusatzgebühr. Ob das bei den bereits ausgestrahlten privaten HD-Kanälen von RTL, SAT.1 und PRO7 auch so wird, ist offen. Wer auch diese Kanäle in HD sehen möchte, kann derzeit nicht das TV-Kabel nutzen. Dies gelingt nur über Satellit und besondere „HD+“-fähige Receiver.

Die Privatsender wollen mit ihrer „HD+“-Initiative ein zusätzliches Einnahmemodell etablieren. Denn wenn der nächste Blockbuster in der Größenordnung von Harry Potter ins Fernsehen kommt, beispielsweise der Kinoknüller „Avatar“, dann könnte durchaus der eine oder andere Zuschauer dazu bereit sein, für den Empfang der Ausstrahlung in HD-Qualität ein paar Euro extra zu bezahlen. Alle bekommen dann das normale Signal wie gewohnt kostenlos (und mit Werbeunterbrechungen), das HD-Signal hingegen betrachten die Fernsehschaffenden als einen lukrativen neuen Markt, den es zu sezieren gilt.

In diesem HD-Markt mischen weitere Protagonisten mit. Insbesondere die Hollywood-Studios wollen die Verwertung ihrer millionenteuren Spielfilme nicht einfach den Programmmanagern in den Fernsehländern der Welt überlassen. Die Verwertungskette wird zunehmend länger. Heute erscheint ein Film zunächst in den Kinos in den USA, dann im Ausland, dann auf DVD, später in den gesonderten, extra zu bezahlenden Kanälen des Bezahlfernsehens, anschließend dort ohne Extragebühr; schließlich als „Free-TV-Premiere” im freien Fernsehkanal eines Landes.

Wenn nun HDTV als zusätzliche Qualitätsstufe aufkommt und populär wird, so das Kalkül der Studiobosse, kann schließlich auf vielen Stationen der Verwertungskette ein weiterer Anreiz fürs Bezahlen geschaffen werden. Empfänger des T-Home-IPTV-Fernsehens beispielsweise zahlen aus der per Internet bereitgestellten virtuellen Videothek schon jetzt einen Euro mehr für einen einzelnen Spielfilm in HD. Auf anderen Plattformen spielen die Vertreiber damit, die Empfänger herkömmlicher TV-Signale via Satellit und Kabel hinzuhalten. Sie warten darauf, dass die Satelliten- und Kabelnetzbetreiber ihre Plattformen auf Bezahlmodelle getrimmt haben.

Der bei Sky genutzte Werbespruch „ohne Werbeunterbrechung“ ist ein denkbarer nächster Schritt. Zurzeit nämlich werden einzelne hochwertige Filme bei Bezahlkanälen mit Gängelungen für den Zuschauer ausgestrahlt, die das Überspulen von Werbung oder das Aufnehmen verhindern – kein Aufnehmen, kein Anhalten eines Films, obwohl man die fortschrittlichste aller TV-Techniken im Wohnzimmer vorhält. Und wer sich einen DVB-T-Receiver angeschafft hat, wird kein HD-Fernsehen empfangen können, denn das ist nicht gewollt.

Ein Liebhaber des gelungenen Fernsehabends muss das glücklicherweise alles gar nicht mitmachen. Die Vielfalt der Kanäle erlaubt mittlerweile eine zunehmend freie Gestaltung des persönlichen Fernseherlebnisses — vorausgesetzt, man ist dazu bereit, etwas länger zu warten. Die Fußball-Bundesliga gibt es in HD nun auch in der Sportschau später am Sonnabend in der Zusammenfassung, den Harry Potter bekommt man ein paar Wochen später aus der Online-Videothek oder auf DVD oder mit Werbeunterbrechungen im Free-TV. Wer einmal HD in voller Pracht werbefrei erlebt hat, mag davon gefesselt sein und schon mal Sendungen gucken, die ihn sonst nicht interessiert hätten. Doch wenn es auf den Inhalt ankommt, akzeptiert man auch niedriger Aufgelöstes.

Am Horizont zeichnet sich derweil bereits der nächste große Schritt mit der Technik des 3D-Fernsehens ab. Eins steht fest: Fernsehen wird nie wieder so einfach sein wie damals, als ein Techniker den Umschaltknopf auf Farbe betätigte.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit HDTV? Über Tipps und Probleme diskutiert Marcus Schwarze ausführlich in seinemBlog