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21:24 03.04.2014
Von Imre Grimm
Den "Echo" in der Kategorie "Partner des Jahres" haben sie schon. Am Donnerstag bekommen die beiden Ulknudeln nun den Grimme-Preis. Quelle: dpa
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Der Grimme-Preis also. Für einen Typen, der sich einen Donut aus Kochsalzlösung in die Stirn spritzen lässt. Und für seinen Kumpel, der sich von einem Profieishockeyspieler mit Karacho aufs Eis rammen und von einer Wrestlerin vermöbeln lässt. Für zwei mit Pupshumor gesegnete Pipikackafuzzis also, gefangen im Designeranzug.

Einerseits. Andererseits sind Klaas Heufer-Umlauf (30) und Joachim „Joko“ Winterscheidt (35) nicht bloß Kindsköpfe, sondern auch Grenzgänger des Geschmacks. Helden des Halbwissens, die mit stabilem Selbstbewusstsein im genormten Einerlei des Entertainments konsequent die Selbstentzauberung ihres Mediums betreiben. Zwei Freigeister, die eines jedenfalls nur selten sind: langweilig.

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Humor ist subjektiv. Nicht jedes infantile Geguffel über Pupsspray ist supersubtiles, kulturkritisches Metafernsehen. Aber man kann als Zuschauer nicht jahrelang über die Blässe und Eigenschaftslosigkeit von Allerweltsmoderatoren wie Jörg Pilawa oder Kai Pflaume lawmentieren und dann zusammenzucken, wenn zwei Fernsehvögel mal ein bisschen schriller pfeifen. Im Bergwerk des gehobenen Blödsinns ist Platz für viele Kinder.

Am Donnerstagabend also erhalten Joko & Klaas in Marl den Grimme-Preis für ihre Pro7-Show „Circus Halligalli“, die „witzigste Wundertüte der deutschen Fernsehunterhaltung“, wie die Jury fand. „Endlich können wir unseren Eltern erzählen, was wir beruflich machen“, twitterten die Preisträger durchaus glücklich. Der Aufschrei im Feuilleton war nicht ganz so grell wie vor einem Jahr, als das RTL-Dschungelcamp nominiert war – und Kritiker in naserümpfenden Essays gleich mal den Untergang des Bildungsstandorts fürchteten. Als gehe es nicht auch in der Unterhaltung um handwerklich saubere, leidenschaftliche Arbeit.

Die Geschichte des Entertainments ist voll von „dynamic duos“, von fiktionalen oder menschlichen Buddypärchen, die aus ihrer Gegensätzlichkeit Funken schlagen; von Jerry Lewis & Dean Martin bis Jake & Elwood Blues, von Abbott & Costello bis zu Ernie & Bert. Man täte Joko & Klaas zu viel der Ehre an, sie mit Legenden wie Walter Matthau & Jack Lemmon zu vergleichen oder gar mit Stan Laurel & Oliver Hardy. Aber sie folgen denselben Prinzipien: freundschaftliche Frotzelei, Hassliebe als Bindemittel, Gag-Pingpong, ein Schuss fröhlicher Sadismus. Ihre Kragenweite – das sind eher Beavis & Butthead, Tom & Jerry, Wayne & Garth aus „Wayne’s World“. Was Duos angeht, hat sich ja nicht mehr viel getan im deutschen Spaßkosmos seit Rudi Carrell & Ilja Richter, Diether Krebs & Beatrice Richter oder Harald Schmidt & Herbert Feuerstein. Erkan & Stefan? Ach bitte. „Ihr seid wie Marianne & Michael!“, sagte Sido neulich. So loben Rapper heutzutage. „Minus mal minus ergibt offenbar tatsächlich plus“, sagt Winterscheidt selbst. „Manchmal stehen wir einfach nur da und wundern uns.“

Sie haben das alles nicht erfunden, diese Selbstverstümmelungsexperimente à la „Jackass“, die Spontanmutproben, das Große-Jungs-Gekabbel beim „Rangeln“ mit dem heimlichen Dritten im Bunde, dem wundervollen Olli Schulz. Aber in einem sonst sekundengenau durchgetakteten Medium fällt eben jedes bisschen Anarchie, jede Spur von Spontanität schnell auf.

Dabei deutete in beider Leben nun wirklich nicht viel auf eine Karriere als TV-Rampensäue hin. Winterscheidt, geboren im 11 000-Einwohner-Städtchen Waldniel im Ruhrpott, schmiss nach dem Abitur eine Ausbildung zum Werbekaufmann und machte die Ochsentour als „Mädchen für alles“ bei Vox, RTL, arte, Pro7 und MTV, wo Markus Kavka ihn dann in ein Moderatorencasting schubste. Das passte. Er ist Vater einer dreijährigen Tochter mit Lebensgefährtin Lisa. Und Inhaber der dreckigsten Lache im Lande.
Heufer-Umlauf, Realschüler aus Oldenburg und gelernter Friseur, arbeitete in Weimar als Maskenbildner, bevor er bei Viva anfing. Er ist mit der österreichischen Moderatorin Doris Golpashin liiert, ihr erstes Kind ist knapp ein Jahr alt.

Im Juni 2009 kreuzten sich ihre Wege mit der Show „MTV Home“. Seitdem läuft’s rund als Duo: „neoParadise“, halbgare „Wetten, dass ...?“-Pläne, Lobeshymnen, dann der Sprung ins „große Fernsehen“, zu Pro7, weg vom ZDF, dass eben nicht „Punkrockhausen“ sei, wie Klaas dem „Spiegel“ sagte. Man definiere sich ja auch über das, was man nicht macht. Komoderatoren von Markus Lanz zu werden zum Beispiel. Ihre Show „Circus Halligalli“ ist schnelles, lautes Ideenfernsehen, verspielt pathetisch, grell, beschwipst – und zwar nicht nur, wenn Matthias Schweighöfer Schnäpse kippt. Wie Kiffen ohne Kiffen. Und mit den Bands, die zur Werbepause aus dem Schrank hüpfen, hätte man 1998 einen kompletten Grand-Prix-Vorentscheid bestücken können.
Echte Freunde aber, behaupten beide, seien sie nicht. Joko sei eher „wie ein Bruder, den man nicht richtig wollte“, sagt Klaas. Gemeinsam einen trinken? Nach Feierabend? Warum denn, wenn man sich am nächsten Tag sowieso sieht? Und nächste Woche? Und nächstes Jahr?

Was treibt sie bloß an? „Ganz ohne Persönlichkeitsstörung strebst du unseren Beruf nicht an“, sagt Winterscheidt. Eine tief sitzende Angst vor der Korrumpierung  durch das Medium begleitet beide, als fürchteten sie den Verrat an der Leichtigkeit. Als könnten sie wie eine Band werden, die früher Punk machte und heute CDU-Wahlkampfhymnen. Heufer-Umlauf nerven „diese Leute, die vorn in die Autowaschanlage Fernsehen reingehen und hinten wieder rauskommen und anders aussehen“. Aber kann man das verhindern? Grimme-Preis – das ist dann doch schon bedrohlich nah am Establishment. Auch wenn es den Preis im Prinzip dafür gibt, einfach wie früher in der letzten Reihe im Bus zu sitzen und Quatsch zu machen. Nur eben mit Pro7-Etat.

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