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09:04 19.06.2014
So schrecklich idyllisch: Corinna Harfouch (Mitte) im Kreise ihrer Lieben. Quelle: arte
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Hannover

Eigentlich könnte alles so nett sein, an diesem Wochenende bei den Eltern: Man könnte endlich mal wieder ausschlafen, die aktuelle, höchst sympathische Freundin des Bruders kennenlernen und den neu gewonnen Ruhestand des Vaters mit einem guten Tropfen begießen. Wenn da nicht dieses Jubiläum der Mutter wäre. „Meine Krankheit und ich feiern heute unser Dreißigjähriges“, verkündet Gitte (Corinna Harfouch) so gut gelaunt, als wäre ihre Depression bereits eine lieb gewonnene, alte Freundin. Wobei, vielleicht ist Gitte auch manisch-depressiv. Wer weiß das schon so genau, der letzte Befund ist gut zehn Jahre alt. Seitdem helfen ihr und ihrer Familie Psychopharmaka durch den Alltag. Eingestellt, nennt man das. Gefühlsmäßig bewegt sich diese Familie seit Jahren auf der Nulllinie.

Und doch ist „Was bleibt“ vor allem eines nicht: ein Film über die Volkskrankheit Depression. Hans-Christian Schmids Berlinale-Beitrag aus dem Jahr 2012 beschäftigt sich vielmehr mit den Nebendarstellern dieser so schwer zu verstehenden Krankheit. Es geht um Verlässlichkeit und Ehrlichkeit. Und um die Frage, wie viel Wahrheit eine Familie eigentlich verträgt. Das klingt zunächst trivial. Doch das idyllische Bild, das Schmid („Requiem“, „Sturm“) zeichnet, ist so trügerisch wie die Beziehungen der Protagonisten untereinander. Es geht nicht um Gitte, es geht um die pathologischen Strukturen innerhalb der gesamten Familie.

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Da wäre zum einen Marko, wie gewohnt beeindruckend stark gespielt von Lars Eidinger („Alle anderen“). Marko lebt eigentlich in Berlin und ist gerade dabei, sein neues Leben als alleinerziehender Vater zu ordnen. Die Eltern wissen nichts von der Trennung ihres Sohnes. Hauptsache, die Fassade stimmt. Auf der anderen Seite ist Marko der Einzige, der der Bitte seiner Mutter entspricht, sie – trotz ihrer Krankheit – als vollwertiges Familienmitglied zu behandeln. Und er ist der Einzige, der die Entscheidung Gittes respektiert, ohne Tabletten auszukommen. Die anderen versetzt diese Mitteilung dagegen in eine Art Schockzustand. Der Rückfall scheint für sie damit programmiert. Nur Marko teilt diese Sorge weder mit seinem Bruder noch mit seinem Vater (Ernst Stötzner). Dabei hat der sich klammheimlich ohnehin schon aus der Verantwortung gezogen. Wenn, dann spielt der ehemalige Verleger höchstens noch die Rolle des Versorgers.

Wie weit sich Vater und Mutter bereits voneinander entfernt haben, wird deutlich, als sie gemeinsam den Charles-Aznavour-Klassiker „Du lässt dich geh’n“ singen. Eine wunderbare Szene und ein großer Auftritt. „Seit Wochen leb ich neben dir und fühle gar nichts neben mir.“ Das ist traurig und doch schön zugleich. Man spürt, da war auch mal Liebe. Doch jetzt ist allen alles irgendwie zu eng in ihrem weiß getünchten Bauhausbungalow, in ihrer ach so stilvollen, bildungsbürgerlichen Welt. Schmid nimmt die Wohlstandsfassade nach und nach auseinander. Dahinter kommt Sprachlosigkeit zum Vorschein. Wenn, dann wird nur noch in kurzen Sätzen kommuniziert: „Es ist ja auch alles etwas viel gerade ...“

Für Harfouch ist die Rolle der Kranken wie geschaffen. Sie spielt Gitte eben nicht als das erwartbare Nervenbündel, sondern leise und zurückgenommen. Mal steht sie entrückt einfach nur da. Dann ist sie so viel gelöster, als alle anderen es wahrscheinlich je waren. Aber vielleicht hat Gitte auch einfach nur begriffen, worum es in ihrer Familie wirklich geht: „Was man liebt, muss man loslassen“, sagt sie einmal, „wenn’s zurückkommt, dann bleibt’s.“

Von Nora Lysk

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