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Medien & TV „Heute will jeder ein Paparazzo sein“
Nachrichten Medien & TV „Heute will jeder ein Paparazzo sein“
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07:59 23.06.2010
Der Vater aller Paparazzi: Der Fotograf Tazio Secchiaroli 1952 auf dem Rücksitz einer Vespa. Secchiaroli erfand in den Fünfzigern einen neuen Markt für Promibilder. Federico Fellini ließ sich von ihm inspirieren. Quelle: Archiv
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Seit 50 Jahren sind Fotografen auf der Jagd nach dem besten Promi-Schnappschuss. Der Job der modernen Glücksritter ist mittlerweile zu einem knallharten Geschäft mutiert, ihr Image liegt mittlerweile irgendwo zwischen Gesetzesbrecher und Schmeißfliege.

Regenbogenpresse und TV-Boulevardmagazine lechzen nach immer neuen Exklusivbildern und -filmen von aktuellen Skandalen, außerehelichen Affären oder vom ungeschminkten Promi beim Einkaufsbummel im Schlabberlook. So unverfroren wie seine heutigen Nachahmer war Fellinis Paparazzo noch nicht. Er begleitete den Boulevardjournalisten Marcello Rubini – gespielt von Marcello Mastroianni – auf der ständigen Suche nach den Geheimnissen der römischen Prominenz. Bei seiner Jagd durch die Nachtklubs und Bars an der Via Veneto bewegte sich ein ganzer Fotografen-Tross in seinem Schlepptau, dabei tat sich der aggressive Pressefotograf Giuseppe Paparazzo (Walter Santesso) besonders hervor.

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Es gibt mehrere Deutungen, wie Fellini auf den Namen Paparazzo kam. Einige sprechen von einem Hotelbesitzer namens Coriolano Paparazzo aus Catanzaro, der in dem Reiseführer „By The Jonian Sea“ des britischen Autors George Robert Gissing erwähnt wird. Andere glauben, dass Fellini zur Namensfindung durch einen früheren Klassenkameraden angeregt wurde. Wegen der schnellen Sprechweise und seiner flinken Bewegungen war er wie eine „surrende Mücke“ und wurde Paparazzo genannt. Fest steht wohl nur, dass Fellini vom Fotografen Tazio Secchiaroli inspiriert wurde, der in den Fünfzigern auf seiner Vespa Jagd nach Stars und Sternchen machte. Er erfand einen völlig neuen Markt, da die Boulevardpresse lieber Schnappschüsse statt gestellter Fotos haben wollte, je kompromitierender desto besser. Sein größter Coup: Er bedrängte König Farouk von Ägyptens so lange, bis dieser aufsprang und den Tisch umwarf – Secchiarolis Foto ging damals um die Welt.

Heute sind die bekanntesten Paparazzi manchmal selber Stars der Fotografenszene. Sie gründeten eigene Agenturen wie Frank Griffin mit seinem Hollywood Hunt Club oder Darryn Lyons Big Pictures. Deren Fotografen waren als erste am Unfallort von Lady Di. Dass sie seither niemand mag, stört die Bad Boys der Fotografie nicht. Lyons beschaffte außerdem als Erster ein „Beweisfoto“ von Angelina Jolie und Brad Pitt als Paar. Der bekannteste deutsche Paparazzo, Hans Paul, ist seit 1998 meist in Kalifornien unterwegs. In Los Angeles ist die Stardichte am größten, zum Leidwesen der Promis auch die Aufdringlichkeit der „Paparazzis“. Ganze Scharen patrouillieren stundenlang auf der Melrose Avenue, dem Rodeo Drive und dem Sunset Boulevard zwischen West Hollywood und Beverly Hills.

Henry Flores gründete 2006 mit seinem Kollegen Brad Elterman die Agentur Buzz. Er glaubt, ohne ihn und seine Berufskollegen würde der Marktwert der Promis sinken, und die Yellow Press könnte einpacken, es sei ein Geben und Nehmen. Schaut man sich die Berichterstattung über die kahl geschorene Britney Spears oder eine sturzbetrunkene Lindsay Lohan an, mag darin ein Funken Wahrheit liegen. Promis inszenieren sich eben auch gern selbst und liefern passende Vorlagen. Der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger unterzeichnete 2006 ein Gesetz, das die Aktivitäten der Paparazzi einschränkt. Nach Unfällen von Scarlett Johansson und Reese Witherspoon ist es dort bei hohen Geldbußen verboten, Prominente im Auto zu verfolgen.

Um schnell herauszufinden, wann und wo die Stars auftauchen, sollte ein erfolgreicher Paparazzo über ein Netzwerk von Türstehern, Kellnerinnen und Hotelboys verfügen. Die Tipps werden mit 50 Euro oder mehr belohnt. Schon für ein weniger spektakuläres Promibild gibt es bis zu 150 Euro, durch Mehrfachverkäufe können selbst dabei 1000 Euro zusammenkommen. Doch die wahren Paparazzi sind auf der Suche nach ungewöhnlichen Exklusivfotos. Hans Paul erhielt für das erste Bild von Pierce Brosnan mit seinem Sohn Paris 50 000 Dollar.

Angeblich verdiente der in Italien lebende Argentinier Daniel Angeli mit seinem Foto der britischen Herzogin „Fergie“ rund drei Millionen Dollar, als sie sich von einem texanischen Milliardär die Füße küssen ließ. Kein Wunder, dass auch die Konkurrenz der Paparazzi untereinander härter wird. Schlägereien, zerstochene Autoreifen und Parkplatzblockaden sind an der Tagesordnung, vor dem Anwesen von Britney Spears wurde Paparazzo Brad Diaz durch einen Schuss ins Bein verletzt.

Zudem ködern Boulevardblätter „Leserreporter“ mit Honoraren für Star-Schnappschüsse, im Zeitalter von Kamerahandys kein Problem. „Früher hat mir das ,People‘-Magazin 4000 Dollar für ein exklusives Foto gezahlt“, klagt Paul, „heute sind es 500. Die Hobbyknipser versauen mir verdammt viel Geld. Heute will jeder ein Paparazzo sein.“ Und die Promis wehren sich. Mit einstweiligen Verfügungen und Sicherheitsdiensten. Der russische Milliardär Roman Abramovich hat seine 300 Millionen Euro teure Jacht „Eclipse“ mit einem Superlaser ausrüsten lassen. Kommt ihm ein Fotograf zu nahe, spürt das Hightech-Gerät die elektronischen Signale der Lichtsensoren von Fotokameras auf und schießt mitten in die Linse.

Michael Ossenkopp