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Medien & TV Im US-Fernsehen darf wieder geflucht werden
Nachrichten Medien & TV Im US-Fernsehen darf wieder geflucht werden
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17:23 15.07.2010
Von Imre Grimm
"Das böse Wort": Die "Simpsons" machen sich über die Sprachprüderie lustig.
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Es ist eine kleine Kulturrevolution, die sich da in den USA anbahnt: Die US-Justiz hat die strengen Vorschriften gegen Flüche und andere „obszöne Inhalte“ in Radio und Fernsehen gekippt. Die von der gestrengen Medienaufsicht FCC (Federal Communications Commission) in den siebziger Jahren eingeführten Regeln seien „von einer gegen die Verfassung verstoßenden Unbestimmtheit“, urteilte ein Berufungsgericht in New York und verwies auf die Meinungsfreiheit. Das bedeutet wohl das baldige Ende für ein Ärgernis, das in keinem anderen Land so exzessiv betrieben wird wie in den USA: das lästige Überpiepsen von „fuck“, „shit“ & Co.

Die Richter bestätigten damit eine Entscheidung eines Gerichtes aus erster Instanz. Es hatte im Streit zwischen der FCC und der US-Senderkette Fox festgestellt, dass die geltenden Regeln „eine lähmende Wirkung“ auf die Gestaltung von Programmen hätten, die „weit über die Eindämmung von Obszönitäten hinausgeht“. Im konkreten Fall hatte Sängerin Cher während einer Fox-Livesendung geflucht. Die FCC erregte sich. Die Grenzen für „Obszönitäten“ in den US-Medien müssen nun neu gezogen werden.

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Es sind die berühmten „four-letter-words“, die der Behörde seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge sind (wer es ganz genau wissen möchte: „fuck“, „shit“, „piss“, „cunt“, „tits“, „damn“ sowie „cocksucker“ und „motherfucker“). Radio- und Fernsehsender, die diese Worte tagsüber zwischen sechs und 22 Uhr senden, müssen bis zu 325.000 Dollar Strafe zahlen – egal, ob Medienmulti oder kleiner Collegesender. Die FCC unterschied dabei zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion. So darf Pink bei einer TV-Preisverleihung nicht „shit“ sagen, Leonardo diCaprio in einem Actionfilm aber doch, freilich nicht zu oft, sonst geht die Jugendfreigabe flöten.

Die Organisation Media Access Project begrüßte das Urteil: „Es steht jetzt eins zu null für die Meinungsfreiheit gegen die Zensur.“ Die fünf Mitglieder der 1934 gegründeten FCC werden von der US-Regierung ernannt. Sie sehen sich traditionell als eiserne Tugendwächter und oberste Seelenveredler der amerikanischen Jugend. Besonders unter Barack Obamas Vorgänger George W. Bush gaben sie sich steiflippig und erzkonservativ. FCC-Commissioner Michael J. Copps, noch von Bush ernannt, zeigte sich entsprechend entsetzt über das jetzige Urteil: „Ich bin schockiert. Das ist eine Entscheidung gegen die amerikanischen Familien, die es jetzt schwerer haben werden, ihre Kinder vor den Obszönitäten zu schützen, die uns von Tag zu Tag stärker bombardieren.“

Was ist „obszön“? Die aktuellen Vorgaben der FCC sind schwammig. Die Folge: Sender schneiden übereifrig „kritische“ Passagen ohne Rücksicht auf Sinn und Story heraus, überpiepsen sie oder schwächen sie ab. („Oh my gosh!“ statt „Oh my god!“). Inzwischen pixeln manche sogar den Mund von Fluchenden. Seit dem Super Bowl 2004, als für Sekunden Janet Jacksons rechte Brust nackt zu sehen war, ist live in den USA zudem nicht mehr live: Die Sender senden fünf Sekunden zeitversetzt, um ein neues „Nipplegate“ zu verhindern. Manche Nachmittagstalkshow hört sich an wie das Morse-Alphabet.

Für europäische Ohren klingt die angelsächsische Vokalprüderie eher albern und verkniffen – als müssten Kinder ihren Mund mit Seife auswaschen, wenn sie „Scheiße“ gesagt haben. Wer glaubt ernsthaft, die Hirne der Jugend durch bloßes Überpiepsen der „bösen“ Wörter rein halten zu können – zumal doch jeder weiß, was da überpiepst wird? US-Popstar Ke$ha staunte nicht schlecht, als sie kürzlich im deutschen Fernsehen „Shit“ sagen durfte („Wirklich? Darf man das hier? Einfach so?“). Beim Dreh des Films „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ musste 1993 jede Szene, in der jemand „fuck“ sagte, für den US-Markt neu gedreht und das Wort durch ein harmloses „goodness“ („Herrje“) ersetzt werden. Sony Pictures erlaubt vorsorglich höchstens zwei „fuck“ und acht „shit“ pro Drehbuch. Ein Dokumentarfilm von 2004 heißt gleich vorauseilend „What The Bleep Do We Know?“.

Das Gepiepse war ein Quell der Freude für Comedians und Parodisten. In der „Simpsons“-Folge „Das böse Wort“ wird TV-Nachrichtensprecher Kent Brockman wegen eines Live-Fluches entlassen, kommt bei den „Simpsons“ unter und erzählt Lisa, dass der Sender Fox (der auch die „Simpsons“ zeigt) der FCC viel Geld dafür bezahlt, „obszöne Sendungen“ zeigen zu dürfen. Das britische Modelabel „FCUK“ provoziert die Sittenwächter mit Slogans wie „fcuk on the beach“. Nicht wenige Künstler fühlen sich herausgefordert, die Grenzen des Erlaubten ironisch auszuloten. Die verbotene Frucht treibt wilde Blüten: In der „Southpark“-Folge „It Hits The Fan“ ist in 23 Minuten exakt 162-mal „shit“ zu hören. Limp Bizkits Song „Hot Dog“ kommt auf 48 „fucks“ in vier Minuten. Martin Scorseses „Casino“ von 1995 mit Robert de Niro bringt es auf 367 „fucks“ in 178 Minuten, macht 2,37 „fucks“ pro Minute. Rekordhalter ist – Kunststück – freilich die Dokumentation „Fuck“ von 2005, die die Kontroverse um das Wort selbst beleuchtet und stolze 824-mal in 93 Minuten „fuck“ verwendet, macht eine Quote von 8,86 pro Minute. Zu den „abgefuckteren“ Filmen gehören auch „Goodfellas“ (300), „Reservoir Dogs“ (269) und natürlich „Pulp Fiction“ (265) und „The Big Lebowski“ (260).

Nun sieht es so aus, als habe die Fluchzensur in den USA unter Bush ihre letzte Blüte erlebt. „Die englische Sprache enthält viele kreative Arten, Sexualorgane und sexuelle Aktivitäten zu beschreiben“, sagte das Gericht in seiner Erklärung. Wenn die FCC nun einfach eine neue Liste solcher verbotenen Wörter erstelle, würden weiter „jeden Tag neue Schimpfworte und unanständige Ausdrücke erfunden“. Der Fall wird wohl vor dem Obersten Gerichtshof landen.