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Nachrichten Medien & TV In Hannover gedrehter ARD-Thriller kommt am Mittwoch
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21:25 21.02.2011
Katja Flint und Kostja Ullmann drehten für den ARD-Terrorismusthriller „Der verlorene Sohn“ auch in der hannoverschen U-Bahn.
Katja Flint und Kostja Ullmann drehten für den ARD-Terrorismusthriller „Der verlorene Sohn“ auch in der hannoverschen U-Bahn. Quelle: ARD
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Er ist Anfang 20. Ein wenig ausgezehrt sieht er aus. Die Haare sind kurz geschoren. Seine Kleidung ist unauffällig, fast spießig. Die dunklen Augen schauen unergründlich. Nur gelegentlich offenbaren sie Emotionen. Sieht so der mutmaßliche Terrorist aus der gutbürgerlichen Vorortsiedlung aus, der radikale Islamist aus gutem deutschem Hause? Regisseurin Nina Grosse hält dies zumindest für möglich – und inszeniert Rainer Schröder (Kostja Ullmann), einen der beiden Protagonisten des unter anderem in Hannover gedrehten ARD-Thrillers „Der verlorene Sohn“ (Mittwoch, 20.15 Uhr), entsprechend.

Nach zwei Jahren Haft in Israel wegen Terrorismusverdachts kehrt Rainer zurück nach Hause in eine nicht näher bezeichnete niedersächsische Stadt; zurück zur Mutter Stefanie Schröder (Katja Flint), dem jüngeren Bruder Markus (Ben Unterkofler) und zu all den kleinen familiären Problemchen, die einst dazu beitrugen, dass Rainer sich von der Familie ab- und dem radikalen Islam zuwandte. Der Vater ist in der Zwischenzeit gestorben. Die Polizei observiert Rainer weiterhin, weil sie in ihm einen sogenannten Schläfer vermutet. Wo steht er jetzt? Diese Frage beschäftigt den Zuschauer während der ersten – eher spannungsarm inszenierten – Filmstunde.

Der Ansatz der Geschichte ist mutig – und trotzdem offenbart der Film über weite Strecken Längen, die nur knapp an Langeweile vorbeischrammen. Erst in den letzten dramatischen und etwas lebendiger gefilmten Minuten ist endgültig Schluss mit den kleinen Hinweisen, anhand derer sich die Zuschauer durch den Plot hangeln müssen. Nun sind die Fronten klar. Der Film nimmt dementsprechend im Finale an Fahrt auf – und präsentiert dabei Hannover in eindrucksvollen Bildern: In der U-Bahn-Station Kröpcke liefern sich Mutter und Sohn einen packenden Showdown, während die Stadtbahn mit dem Ziel „Rethen“ davonfährt. Die grünen Wand- und Säulenmosaike in der Unterwelt von Hannovers Innenstadt bilden dafür einen kühlen, geradezu steril anmutenden Rahmen.

Zuvor lebt der bereits 2008 gedrehte Fernsehfilm vom starken Duell der Schauspieler Katja Flint und Kostja Ullmann. Ruhig, manchmal geradezu stoisch, klebt die Kamera an ihren Gesichtern. Flint, die in Stadthagen geboren wurde, mimt dabei überzeugend die Mutter zwischen Hoffen und Bangen um ihren Sohn. Eine Mischung aus Unsicherheit, Sprachlosigkeit und familiärer Liebe kennzeichnet bereits die erste Umarmung der beiden nach Jahren. Sie versucht, Verständnis für seine Weltsicht aufzubringen, und schüttelt dann doch wieder frustriert den Kopf über seine Ansichten. Erleichtert reagiert sie auf seine – gelogene? – Aussage, für ihn sei der Dschihad vorbei. Dass der Sohn nicht mehr Rainer, sondern nun Omar genannt werden möchte, sorgt bei ihr für eine Mischung aus Verwunderung und ungläubigem Gelächter. Nach und nach fasst sie jedoch wieder Vertrauen zu ihm, verschafft ihm einen Job und kämpft sogar vor Gericht für ihn. Die Zweifel aber bleiben. „Was gibt dir das eigentlich?“, fragt die Mutter den Sohn und meint mit „das“ den Islam. „Das bringt doch jetzt nichts“, lautet seine Antwort. Rainer hat bereits verstanden, dass seine Weltsicht in der Vorstadtidylle kaum auf Verständnis treffen wird. Warum also irgendetwas erklären? Er versucht es schließlich trotzdem – und scheitert.

Im Film ist Flint beruflich Handballtrainerin des fiktiven Vereins TSV Wandsburg. Zeitweise zieht dieses ungewöhnliche Konstrukt den Film beispielsweise bei den Dialogen mit ihrem Vereinsboss ins Lächerliche. Wegen des terrorismusverdächtigen Sohnes der Trainerin fürchtet er um den Ruf des Klubs. Die aufgrund des Berufes der Mutter entstandenen und in wenigen Nebensätzen abgehandelten familiären Zwistigkeiten wirken arg konstruiert. Der Film spielt mit dem Tabu des Extremismus in gutbürgerlicher Umgebung. Ein etwas „normalerer“ Beruf der Mutter hätte die Gründe für das Ausbrechen des Jugendlichen hin zu Fanatismus und Radikalismus sicherlich logischer illustriert. So fehlt eine plausible Erklärung dafür, warum Rainer nicht nur zum Islam konvertierte, der ihm nach eigener Aussage so viel innere Ruhe verschaffe, sondern diesen Glauben offenbar auch extremistisch auslegt.

Ullmann spielt dafür den Undurchschaubaren. Der Zuseher darf raten, was ihm gelegentlich ein verschmitztes Lächeln auf die Lippen treibt. Spricht Rainer über seinen Glauben, lässt Ullmann dessen Augen fanatisch aufflackern.

Die ARD wagt sich mit dem Film an ein Thema heran, das nicht unbedingt auf der Hand liegt – und vielleicht deswegen Fragen hinterlässt. Wie groß ist die Gefahr von islamistischem Terrorismus wirklich in Deutschland? Und vor allem: Ist der Extremismus bereits in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen? „Diese Geschichte könnte jedem passieren“, sagt Drehbuchautor Fred Breinersdorfer über „Der verlorene Sohn“. Man will es ihm nach diesem Film trotz fehlender Effekthascherei und einer relativ klar erzählten Geschichte einfach nicht glauben.

„Der verlorene Sohn“ mit Katja Flint am Mittwoch, 20.15 Uhr, in der ARD.

Sebastian Harfst