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Medien & TV „Warum schaut das Umfeld weg?“
Nachrichten Medien & TV „Warum schaut das Umfeld weg?“
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09:58 01.10.2014
Darf man einen Pädosexuellen sympathisch spielen? Im ARD-Drama „Die Auserwählten“ erzählt Regisseur Christoph Röhl heute Abend um 20.15 Uhr den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule in einer fiktiven Geschichte nach. Quelle: ARD
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Herr Röhl, ist „Die Auserwählten“ ein Unterhaltungs- oder ein Aufklärungsfilm?

Ich bin Engländer, da macht man solche Unterschiede zum Glück nicht. Durch Shakespeare haben wir seit Urzeiten eine Tradition, U und E übergangslos zu verbinden. Ich würde sogar sagen, gute Unterhaltung kann wichtige Inhalte besser vermitteln als jede Dokumentation.

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Und welche Inhalte wären das im Fall der „Auserwählten“?

Die Mechanismen hinter dem Missbrauch, das System, sein Umfeld. Das Delikt wird es immer geben, da darf man sich keine Illusionen machen. Deshalb verfolgt der Film ein bescheidenes Ziel: Der Zuschauer soll sich damit auseinandersetzen und abwägen, wie er selbst handeln würde.

Was ist dafür besser geeignet: eine Doku über den Skandal wie „Und wir sind nicht die Einzigen“, mit der Sie vor drei Jahren Furore gemacht haben, oder ein Spielfilm?

Letzteres, weil er emotionaler berührt. Das sagen auch Betroffene der Odenwaldschule, die ihn gesehen haben. Mit Fiktion erreicht man grundsätzlich mehr Menschen. In diesem Fall verfolgt sie aber auch einen ganz anderen Ansatz. Meine Dokumentation hat Missbrauch in seinen Grundzügen erklärt und verständlich gemacht. Der WDR-Film setzt all dies jetzt in den Kontext der Verhältnisse, indem wir zum Beispiel Petra Grust einführen, die als Lehrerin Einlass findet in dieses geschlossene System und dagegen aufbegehrt.

Unter anderem wegen dieser Figur haben zwei Opfer den Film heftig kritisiert, weil Julia Jentsch eine Mahnerin spielt, die es so nie gegeben habe.

Es ging uns um die Frage: Warum schaut das Umfeld weg? Der beste Weg, dies zu zeigen, ist eine Figur, die anderen davon berichten möchte und dabei wie die betroffenen Kinder selbst auf Abwehrmechanismen stößt. Wenn selbst eine Lehrerin am System scheitert, verdeutlicht es die hoffnungslose Lage der Schüler umso mehr. Wie alle anderen Figuren ist sie fiktional, aber nicht irreal. Ich selbst kann mich gut mit ihr identifizieren, weil ich dieses System ganz ähnlich kennengelernt habe.

Als Sie 1989 für zwei Jahre dort als Englischtutor tätig waren.

Wie Petra habe ich damals ständig fotografiert, ohne jedoch konkreten Missbrauch mitzukriegen. So setzen sich alle Charaktere aus echten Personen zusammen. Selbst der Film-Schulleiter Simon Pistorius ist nicht eins zu eins der echte Schulleiter Gerold Becker, bildet aber ab, was solche Menschen kennzeichnet: Charme, Intelligenz, Charisma. Bei meiner Ankunft war er zwar nicht mehr Direktor, aber alle haben von ihm geschwärmt. Eines Tages sah ich ihn auf den Speisesaal zukommen. Er war umringt von fröhlichen Kindern. Ich fragte eine Kollegin: „Who the hell is that?!“ Sie sagte mit leuchtenden Augen: „That’s Becker!“ Er wurde vergöttert in der Odenwaldschule.

Hat es den Film beeinflusst, dass Sie vor Ort drehen durften?

Ich finde schon. Die Odenwaldschule verkörpert ihr geschlossenes Missbrauchssystem nicht nur als Institution, sondern auch äußerlich. Gerade weil man dieser Idylle so wenig ansieht, was im Inneren vor sich geht, bietet sie die perfekte Fassade. Das Märchenhafte daran ist ein Geschenk für die Metaebene des Films und seine Authentizität.

Genau die spricht Ihnen das echte Odenwald-Opfer Andreas Huckele ab und fühlt sich durch den Film in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt.

Bis auf ihn und Till Boße waren alle anderen Betroffenen, die den Film bisher gesehen haben, begeistert. Uns war wichtig, keine Geschichte über einen Einzelfall zu erzählen, sondern über ein ganzes System. Der Grund ist klar: Im Falle der Odenwaldschule gab es mindestens 132 Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren. All diesen Schicksalen müssten wir mit unserem Film gerecht werden. Der Film schildert keinerlei Ereignisse, die nur Andreas Huckele widerfahren sind. Weder inhaltlich noch in der szenischen Umsetzung.

Zur Person

Christoph Röhl wurde 1967 im britischen Brighton geboren und wuchs zweisprachig in East Sussex auf. Er studierte Geschichte und Germanistik an der University of Manchester und arbeitete dann von 1989 bis 1991 als Englischtutor an der Odenwaldschule, bevor er Regie und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte. Sein Dokumentarfilm „Und wir sind nicht die Einzigen“ über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule wurde 2011 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert.

Interview: Jan Freitag

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