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Medien & TV "Manchmal ist dieser Böhmermann schnöselig"
Nachrichten Medien & TV "Manchmal ist dieser Böhmermann schnöselig"
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13:02 30.10.2013
 Am 31. Oktober kehrt Jan Böhmermann mit dem „Neo Magazin“ zurück auf dem Bildschirm. Quelle: dpa
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Gemeinsam mit seiner Kollegin Charlotte Roche erhielt Jan Böhmermann den Deutschen Fernsehpreis für eine Talkshow in der geraucht, getrunken und Viagra geschluckt wurde. Doch dann kriselte es offenbar zwischen den beiden, und ZDFneo bestätigte kurze Zeit später das Aus der Talkshow. Am 31. Oktober kehrt der 32-jährige Moderator mit dem „Neo Magazin“ zurück auf dem Bildschirm. Ganz im Stil des Kult-Formates „Roche & Böhmermann“. Produziert vom kreativen Team der Bild und Tonfabrik, ausgestrahlt von ZDFneo.

Guten Tag Herr Böhmermann.

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Hallo. Wissen Sie, wo ich gerade sitze? In Hamburg, direkt an der Elbe mit einem faszinierenden Blick auf das „Spiegel“-Gebäude.

Das Foto haben Sie schon auf Twitter veröffentlicht. Sind Sie eigentlich internetsüchtig?

Ja. Wenn ich drei Wochen Urlaub in Costa Rica mache, dann wird das Telefon natürlich zu Hause gelassen. Aber wenn man es kann, dann sollte man es auch nutzen. Wenn ich an einem Ort bin, wo ich nur EDGE habe, macht mich das wahnsinnig. Da bin ich Medienfuzzi. Ich will immer wissen, was passiert.

Ein rein berufliches Interesse also?

Antwort: Genau. Wobei ich nach meiner Donnerstagssendung Lateline auf EinsPlus, die erst um 23 Uhr beginnt, immer so voll mit Adrenalin bin, dass ich regelmäßig bis vier Uhr nachts wach bleibe. Um diese Uhrzeit gibt es nicht mehr viel außer dem Internet, das einem die warme, nasse Hand hält.

Ende Oktober startet ihre neue Sendung, das „Neo Magazin“. Und zwar auch immer Donnerstags um 23 Uhr, wenn zeitgleich auf Einsfestival ihre „LateLine“ läuft. War das Absicht oder ein Versehen?

Das ist von langer Hand geplant gewesen, dass ich auf zwei Digitalkanälen gegen mich selbst sende. Und zwar von mir und von meinem von Markus Lanz persönlich trainierten, subversiven Guerillamarketingteam. Zum einen, um die öffentlich-rechtlichen Sender darauf aufmerksam zu machen, was für eine geniale Digitalspartenstrategie sie fahren. Und zum anderen, um so etwas wie eine Digitalsparten-Kernschmelze herbeizuführen, die am Ende zur Explosion des Lerchenberges oder des Kopfes von Volker Herres führt.

Das klingt jetzt nicht danach, als ob Sie sich gerne selbst Konkurrenz machen würden.

Klar, endlich mal eine ernstzunehmende Konkurrenz für mich: ich selber. Manchmal ist dieser Böhmermann zwar ein bisschen arrogant und schnöselig. Er scheitert gerne vor Kameras, aber er ist mir ein lieber Konkurrent. Davon abgesehen ist es entweder das letzte Projekt von ARD und ZDF auf getrennten Digitalkanälen oder das erste gemeinsame im gemeinsamen Jugendkanal.

Sie haben eine Polit-Satire angekündigt. Können Sie schon was zum Inhalt sagen?

Der Begriff Polit-Satire wurde nur gewählt, um edler zu klingen, als wir eigentlich sind. Ich traue mich nur nicht zu sagen, dass ich eine Late-Night-Show moderiere, weil der Begriff so schal ist wie ein warmes Bier bei 30 Grad. Im Grunde ist es eine ganz klassische Unterhaltungsshow. Eine halbe Stunde mit einem oder zwei Gästen, vielleicht spielt auch mal eine Band. Und darüber hinaus gibt es Elemente, die sich mit dem Tagesgeschehen beschäftigen und lustig sind. Im Kern des „Neo Magazin“ steckt die weiterentwickelte Grundhaltung aus „Roche & Böhmermann“.

Gibt es weitere Vorbilder für die Sendung?

Im letzten Sommer, als die Idee fürs „Neo Magazin“ entstanden ist, haben wir uns zunächst ins Archiv des ZDF gesetzt und uns alte Sendungen des ZDF-Magazins mit Gerhard Löwenthal angesehen. Löwenthal hetzte gegen die DDR und auf der anderen Seite der Mauer saß Karl-Eduard von Schnitzler und man erklärte sich gegenseitig medial den Kalten Krieg. Da wurde nicht abgewogen und erst die eine Seite und dann die andere zu Wort kommen gelassen. Die Dinge wurden einfach gesagt. Auf dieser Grundlage versuche ich die Lage auszuchecken und zu sehen, auf welche Seite man sich am besten begibt. Aber das als Polit-Satire zu verkaufen, wäre völlig falsch. Ich bin ja nicht einmal Akademiker.

Da Sie sehr internetaffin sind - welche Rolle spielt das Netz in der Sendung?

Man könnte uns als Post-Crossmedial bezeichnen. Alleine sich darüber Gedanken zu machen, wie unsere Internetseite aussehen wird, ist überflüssig, da wir nicht eine, sondern 30 Internetseiten haben könnten. Denn die sind heute innerhalb von zwei Minuten gemacht und eine Domain kostet zwei Euro im Monat. Wir denken die Sendung so, wie wir das auch leben. Ich habe mit zwölf Jahren begonnen, meine Computer selbst zusammenzubauen. Das Technische und das Nerdtum verbindet das ganze Team sehr. Das ist einfach unser Leben.

Sie bezeichnen sich also selbst als Nerd?

Total! Allerdings sollten die Leute, die schon vor 15 Jahren Kapuzenpullover trugen und sich einen Bart stehen ließen, umdenken. Denn da mittlerweile lassen sich selbst Mathias Döpfner und Kai Dieckmann Bärte stehen. Es ist an der Zeit, in die schicken, teuren Springer-Anzüge zu steigen. Und genau das machen wir jetzt.

Fühlen Sie sich im Anzug nicht eh wohler?

Ja, denn das ist der Look von Leuten, die sich langsam aber sicher in die relevante Gruppe der gesellschaftlich und wirtschaftlich Leistungsfähigen reinzecken möchten. Stichwort: Anzuggate! Warum sollten heute nicht die gleichen Codes gelten, die für Menschen galten, die vor 20 Jahren 30 waren?

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