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Medien & TV Jugendforscher fordert Kontrolle fürs Internet
Nachrichten Medien & TV Jugendforscher fordert Kontrolle fürs Internet
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19:26 13.03.2009
Von Jutta Rinas
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Der Amoklauf von Winnenden hat im Internet eine ungefilterte Nachrichtenflut zur Folge gehabt. Jemand hat sogar den Selbstmord Tim K.s gefilmt und ins Netz gestellt. Ist das ein Einzelfall oder können Jugendliche im Internet viele reale Tode erleben?
Das ist überhaupt kein Einzelfall. Man kann im Internet fast täglich solche Szenen finden: Hinrichtungen, Morde und auch Selbsttötungen sind zu sehen. Das ist leider etwas durchaus Gängiges. Es befriedigt Neugierde, Sensationslust. Im Fall von Winnenden kommt dazu, dass ja auch die öffentlich kontrollierten Medien sehr intensiv, sehr emotional berichtet haben. Das steigert den Effekt eines solchen Videos natürlich noch.

Wie kann so ein Video überhaupt auf Jugendliche wirken?
Den Eindruck, beim Amoklauf von Winnenden live dabei zu sein, verstärkte ja, dass bei Twitter und anderen Netzforen am Tattag fast minütlich „Neuigkeiten“ verbreitet wurden. Die waren oft falsch. Die große Mehrzahl der über 14-Jährigen kann Nachrichten und Bilder aus dem Internet einschätzen. Aber es gibt eine kleine Gruppe, bei der es schwierig wird. Dazu gehören Jugendliche, die krankhaft veranlagt sind, und solche, die viele Stunden am Tag vor dem Computer sitzen. Bei denen kann die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Der Selbstmord von Tim K. war außerdem eine rituelle Selbsttötung, und solche Taten können, das wissen wir seit Jahrzehnten, bis hin zur Nachahmung führen. Erst recht, wenn sie ­ mit all den aufwühlenden Informationen über den Hintergrund von Winnenden ­ im Internet zu sehen sind.

Was hat eigentlich Jugendschutz, zum Beispiel bei Filmen, noch für einen Sinn, wenn man im Internet den echten Tod schnell und kostenlos erleben kann?
Das muss man anders herum sehen. Der Amoklauf von Winnenden zeigt auch, dass im Internet eine sehr unkontrollierte Szene entstanden ist. Dass es dort Bilder und Informationen gibt, die labile Menschen schwer aus der Bahn werfen können. Das wirft die Frage auf, ob wir ein immer wichtiger werdendes Transportmedium von Nachrichten gerade die junge Generation auf Dauer völlig unkontrolliert lassen können.

Was schlagen Sie vor?
Ich denke, auf lange Sicht müssen wir mit dem Internet wohl umgehen wie mit anderen Medien auch und jugendgefährdende oder andere ethisch verwerfliche Darstellungen einer Kontrolle unterziehen. Es darf nicht auf eine Zensur hinauslaufen. Von außen kommende, restriktive Maßnahmen wären vermutlich auch gar nicht so leicht durchzusetzen. Die Kontrolle müsste von den
Anbietern kommen ­ von denjenigen, die die Plattformen zur Verfügung stellen.