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Medien & TV Klage gegen das Modell Pay-TV
Nachrichten Medien & TV Klage gegen das Modell Pay-TV
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10:40 09.02.2011
Von Patrick Hoffmann
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Auch die Fußballbundesliga-Spiele werden von vielen Fans gerne in Kneipen geschaut - hierzulande müssen Wirte dafür einen Sky-Decoder bezahlen. Quelle: Archiv
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Anfang dieser Woche hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) den Rechtevertrag mit dem russischen Bezahlfernsehsender NTV verlängert. Der Sender darf nun alle Spiele der Bundesliga übertragen. Das freut das russische Publikum, zumindest das sportbegeisterte, und bis vor kurzem wäre diese Meldung aus deutscher Sicht höchstens deshalb interessant gewesen, weil sie die wachsende Attraktivität der deutschen Profiliga unterstreicht. Nun aber klagt eine englische Kneipenbesitzerin vor dem Europäischen Gerichtshof dagegen, Spiele der englischen Premier League ausschließlich über den nationalen Rechteinhaber BskyB sehen zu dürfen. Das Urteil wird wahrscheinlich den milliardenschweren europäischen Sportrechtemarkt verändern – und lässt den Vertragsabschluss aus Russland in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Die Chancen stehen jedenfalls ganz gut, dass deutsche Fußballfans in Zukunft die Bundesliga nicht nur beim deutschen Anbieter Sky sehen können, sondern die freie Wahl zwischen allen europäischen Sendern mit entsprechenden Lizenzen haben. Sollte das irgendwann möglich sein, können sie sich bei der englischen Kneipenbesitzerin Karen Murphy bedanken. In ihrem Pub in Portsmouth zeigte Murphy von 2005 an Spiele der Premier League. Allerdings nutzte sie nicht die teure Decoderkarte des nationalen Anbieters BskyB, sondern kaufte die des griechischen Senders Nova, der auch einen englischen Kommentar anbietet. 7600 Euro hat sie dadurch pro Jahr gespart, sich aber den Ärger von Sender und Ligaverband zugezogen. Zweimal ist Murphy vor englischen Gerichten gescheitert. „Wenn ich ein Auto kaufen will“, sagt sie, „dann kann ich zu jedem Händler in Europa gehen. Will ich Fußball sehen, kann ich nur zum BskyB-Händler und muss dort zehnmal mehr bezahlen als jeder andere in Europa. Das ist nicht fair.“

Die Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof, Juliane Kokott, teilt diese Einschätzung ganz offenbar und hat schon einmal in Richtung der englischen Profiliga deutlich gemacht, dass ihr die derzeitige Situation auf dem Sportrechtemarkt überhaupt nicht gefällt. Bislang darf die Live-Übertragung von Sportveranstaltungen unter Verwendung ausländischer Decoderkarten nämlich noch untersagt werden. „Solche Lizenzvereinbarungen sind dazu gedacht, den Wettbewerb zu verhindern, einzuschränken und zu verzerren. Daher sind sie unvereinbar mit dem EU-Vertrag“, schreibt Kokott in ihrem Schlussantrag für den Gerichtshof. Bei den derzeitigen Verträgen handele es sich um eine „territoriale Beschränkung der Dienstleistungsfreiheit“.

Für Mitte des Jahres wird ein Urteil erwartet, und bislang sind die Richter am Europäischen Gerichtshof meist dem Schlussantrag gefolgt. Für die Sportverbände hätte Murphys Gesetz weitreichende Konsequenzen: Der englische Pay-TV-Sender BskyB hat bereits angedroht, bei fehlender Exklusivität weniger zu zahlen. Derzeit kassiert die Premier League für drei Spielzeiten umgerechnet etwa 2,2 Milliarden Euro im Inland und etwas mehr als eine Milliarde Euro durch Anbieter im Ausland, darunter den deutschen Sender Sky und eben auch das griechische Nova.

Bei Sky, das in Deutschland die Rechte an der Bundesliga für 240 Millionen Euro pro Jahr erworben hat, wollte sich auf Anfrage niemand zum aktuellen Rechtsstreit äußern. Auch die DFL ließ lediglich mitteilen, dass man den Fall „interessiert verfolge“. Interessant ist das Verfahren auch für die deutschen Kneipenbesitzer und für Privatnutzer. Derzeit muss ein Wirt, der die Bundesligaspiele zeigen möchte, bis zu 4800 Euro im Jahr zahlen. Öffnet sich der Markt, könnte auch er auf fallende Preise hoffen. Nicht ausgeschlossen also, dass schon bald die Fußballübertragung des russischen NTV über deutsche Bildschirme läuft. Oder aber, dass ausländische Fans bei Bundesligaspielen in Zukunft aus Exklusivitätsgründen in die Röhre schauen.

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